Céline Sciamma

Bande de Filles – Girlhood

Marieme / Vic (Karidja Touré, rechts) tanzt mit ihren Freundinnen auf der Straße. Foto: © Peripher Filmverleih

(Kinostart: 26.2.) Her mit dem wilden Leben: Vier schwarze Mädels aus der Pariser Vorstadt lassen die Schule sausen und es stattdessen richtig krachen. Ihr Gruppenporträt inszeniert Regisseurin Céline Sciamma handlungsarm als Black-Pride-Videoclip.

„Bande de Filles“ führt etwas auf die falsche Fährte: Im Französischen kann la bande zwar eine Verbrecher-Bande bezeichnen, die englische gang, aber auch einfach eine Clique. Das ist hier eher gemeint, denn die Mädchen sind nicht wirklich kriminell – von kleinen Gaunereien abgesehen. International wird der Film daher unter dem Titel „Girlhood“ vertrieben.

 

Info

 

Bande de Filles –
Girlhood

 

Regie: Céline Sciamma,

112 Min., Frankreich 2014;

mit: Karidja Touré, Assa Sylla, Lindsay Karamoh

 

Weitere Informationen

 

Das war wohl seinem deutschen Verleih zu nah am Überraschungserfolg „Boyhood“, der Langzeit-Studie von Richard Linklater; dafür wurde Patricia Arquette soeben mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Also kommt der Film von Céline Sciamma hierzulande unter dem Original-Titel ins Kino – auf Französisch-Kenntnisse des Publikums vertrauend. Jetzt aber genug der Wortklauberei.

 

Look and feel in der banlieue

 

Derlei wäre Marieme (Karidja Touré) und ihren drei schwarzen Freundinnen ohnehin egal: Für sie zählt look and feel. Jedenfalls, nachdem Marieme von der Schule abgehen muss und sich dem Trio um die großspurige Lady (Assa Sylla) anschließt: Sie tauft die Novizin in Vic um, verordnet ihr einen neuen style und bringt ihr das lässige Gehabe einer meuf branchée bei – cooles Auftreten ist angesagt, um sich auf den Straßen ihrer banlieue zu behaupten.

Offizieller Filmtrailer


 

Schöne Kunst des Zeittotschlagens

 

Fortan frönt Vic mit Lady, Adiatou und Fily der schönen Kunst des Zeittotschlagens, wobei die Kamera geduldig zusieht. Regisseurin Sciamma inszeniert das sorgfältig in eleganten Bildern: Ausflüge nach Paris centre, Streunen durch shopping malls, selbst monotone Hochhaus-Zeilen in der banlieue erscheinen in der unterkühlten Hochglanz-Ästhetik von Werbespots.

 

Ebenso die unvermeidlichen Imponier-Rituale unter Jugendlichen: Wenn das Quartett in der U-Bahn auf eine andere bande de filles trifft und sie sich gegenseitig minutenlang über das Gleis hinweg anmachen und runterputzen. Oder frau sich im futuristischen quartier La Défense zur dance battle trifft, um im Schatten des gigantischen Bogen-Baus die neuesten moves vorzuführen.

 

Kleine Fluchten im Hotelzimmer

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Boyhood“ von Richard Linklater über das Drama einer Kindheit mit Ethan Hawke + Patricia Arquette

 

und hier einen Beitrag über den Film „Jung & schön“ von François Ozon über eine Lolita als Luxus-Prostituierte

 

und hier einen Bericht über den Film “Shopping Girls – Galerianki” von Katarzyna Rosłaniec über Teenie-Prostitution in Polen.

 

Davon darf Mariemes maman, die ihre Tochter in der Schule wähnt, nichts erfahren. Ebenso wenig von kleinen Fluchten: Ergattert die Viererbande Geld, nimmt sie sich ein Hotelzimmer und lässt es dort mit viel Sprit und l´herbe so richtig krachen. Ohne lästige Verwandte, aber mit mehr Platz als in ihren engen heimischen Sozialwohnungen. Auch das zelebriert Regisseurin Sciamma ausgiebig: inklusive Formationstanz zum R’n’B-Hit „Diamonds“ von Rihanna in voller Länge.

 

Entwicklung findet dagegen nur in kleinen Dosen statt. Vics erste Liebe samt erstem Sex lässt ihren großen Bruder schäumen; sie flieht vor der Verleumdung als Schlampe; Drogen kommen ins Spiel, und unversehens mutiert sie zur Teenie-Hure. Alles viel zu flüchtig und sprunghaft skizziert, um glaubhaft zu wirken; es erinnert an altbackene Moritaten von gefallenen Mädchen.

 

Töchter der culture bling-bling

 

Offensichtlich ist Regisseurin Sciamma zu sehr vom look and feel ihrer schwarzen Akteurinnen fasziniert: „Bande de filles“ stilisiert sie zu selbstbewussten Rebellinnen, die nicht wie ihre Mütter als Putzfrauen und Serviererinnen enden wollen. Doch ihre Posen erschöpfen sich in Konsumismus und gossip – Töchter der culture bling-bling, die längst auch Frankreich erobert hat.

 

Mag sein, dass der Film damit eine aktuelle Momentaufnahme aus den Pariser Vorstädten liefert. Mehr aber auch nicht; wie ein fast zweistündiger black pride-Videoclip, dessen episodische Schauwerte folgenlos verflackern.


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