Michael Mann

Blackhat

Tang Wei (Chen Lien) und Chris Hemsworth (Nicholas Hathaway) auf der Flucht. Foto: Universal Pictures

(Kinostart: 5.2.) Hacker-Jagd in der High-Tech-Metropole Hongkong: Eine US-chinesische Task Force soll Schurken finden, die AKWs und Börsenkurse sprengen. Der atmosphärisch dichte Thriller von Regisseur Michael Mann ist technisch etwas unbedarft.

Don’t believe the hype! Der hektisch geschnittene Trailer-Clip legt nahe, „Blackhat“ sei eines dieser testosterongeschwängerten action-Spektakel, bei denen im Sekundentakt irgendwas mit viel Getöse in die Luft fliegt. Was nicht stimmt: Über weite Strecken schreitet der Film eher gemächlich voran; er lässt sogar seinen Figuren manchmal Zeit zum Nachdenken. Das ist die gute Nachricht.

 

Info

 

Blackhat

 

Regie: Michael Mann,

133 Min., USA 2014;

mit: Chris Hemsworth, Viola Davis, Tang Wei, Wang Leehom

 

Website zum Film

 

Die schlechte Nachricht ist: Mit cyber crime hat „Blackhat“ wenig zu tun. Zwar ist der Bösewicht – daher der Filmtitel – ein hacker voller krimineller Energie. Aber er wird mit einer guten, alten Verfolgungsjagd über den halben Globus zur Strecke gebracht, wie schon vor einem halben Jahrhundert bei „James Bond“. Für das bedrohlich Neuartige an Computer-Kriminalität, ihre Unsichtbarkeit, findet auch Regisseur Michael Mann keine Bilder – ebenso wenig wie seine Kollegen.

 

So possierlich wie „Tron“ von 1982

 

Einmal versucht es Mann zumindest: Die Kamera schießt wie ein Elektron die Platinen-Leiterbahnen entlang, überspringt Kontakte und bringt Schaltkreise zum Glühen. Das sieht so possierlich aus wie heutzutage die ersten Versuche, Filme mit Computer-generierten Bildern anzureichern, etwa in „Tron“ von 1982. Klugerweise lässt es der Regisseur danach bleiben.


Offizieller Filmtrailer


 

Nicht virtuelle, sondern reale Dramen

 

Fortan demonstriert der Held Nicholas Hathaway (Chris Hemsworth) seine sagenhaften Fähigkeiten am laptop. Da purzeln auf dem Monitor Zahlenkaskaden im Hexadezimal-Code herunter; er blickt kurz drauf und sieht sofort die Zeile, die schädliche malware enthält. Oder er schickt einem hochrangigen NSA-Mitarbeiter eine Email, er solle sein Passwort ändern, fischt es ab und knackt so das Intranet des mächtigsten Geheimdienstes der Welt. Bei dieser Szene dürften Informatik-Studenten höhnisch kichern.

 

Doch es wäre unfair, dem Film vorzuwerfen, er könne nicht veranschaulichen, was sich nicht darstellen lässt. Programmieren oder Fehlersuche in software sind so statische Tätigkeiten wie Mediationsübungen von Mönchen. Und die eigentlichen Dramen spielen sich nicht in virtuellen Konflikten ab, sondern dabei, was sie hienieden auf Erden anrichten. Die Übersetzung von abstraktem number crunching in reale Gewalt und Leiden gelingt Regisseur Mann anschaulich.

 

Verbrechersuche in T-Shirts und Flipflops

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Citizenfour” – beeindruckende Doku von Laura Poitras über Abhörskandal-Enthüller Edward Snowden

 

und hier einen Beitrag über den Film „A Most Wanted Man“ – nüchterner Thriller über Geheimdienst-Überwachung von Anton Corbijn mit Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Rolle

 

und hier einen Bericht über den Film „We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks“ – anschauliche Doku von Alex Gibney mit Julian Assange.

 

Am Anfang steht der GAU: Ein Atomkraftwerk in Hongkong ist schwer beschädigt worden, seine Schaltzentrale ist verstrahlt. Dann der nächste Schlag: An der Warenterminbörse von Chicago werden die Kurse für Soja manipuliert; Unbekannte schöpfen Millionengewinne ab. Zur task force zählt der Chinese Chen Dawai (Wang Leehom), der seinen inhaftierten Studienfreund ins Spiel bringt: Nur Hathaway könne den Fall lösen. Der verlangt seine Freilassung und erhält sie.

 

Mit Dawais Schwester Chen Lien (Tang Wei), die bald die Geliebte des Super-hacker wird, und einer FBI-Agentin (Viola Davis) als Anstandswauwau ist das Quartett komplett. Es nimmt mit präparierten USB-Sticks, Funk-Fahndung und ähnlichen gadgets die Spur der Schurken auf – die üblichen gewissenlosen Söldner aus schmutzigen Kleinkriegen. Wobei sich das Katz-und-Maus-Spiel in den Gassen von Hongkong abspielt: Verbrechersuche in T-Shirts und Flipflops.

 

Chauvinistischer show-down

 

Auch die nächsten Stationen sucht Hollywood sonst eher selten auf: Zinn-Minen in Malaysia und Massen-Umzüge in Jakarta. Mitten in einer Prozession läuft der reichlich chauvinistische show-down ab: Arme Indonesier werden herumgescheucht wie Hühnerscharen. Doch nur das Finale behandelt den Ort als bunte Kulisse; ansonsten vermittelt der Film viel Atmosphäre seiner exotischen Schauplätze.

 

So bekommt man in „Blackhat“ einiges von den Schauwerten Südostasiens abseits thailändischer Strände mit, während ein recht plausibel gestrickter whodunnit abrollt. Nur über Datenklau und Internet-Spionage erfährt man kaum etwas – der Film, dem das gelingt, muss noch gedreht werden.


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