Münster

Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere – Malerei in London 1950–80

Euan Uglow: The Diagonal, 1971–77, Privatbesitz, © The Estate of Euan Uglow / Foto: Courtesy of Browse & Darby Ltd. Fotoquelle: LWL, Münster

Radikaler Neuanfang im lichtdurchfluteten Neubau: Englische Maler der Nachkriegszeit orientierten sich bei Experimenten stets am menschlichen Dasein. Ihre hierzulande wenig bekannte Kunst stellt das LWL-Museum für Kunst und Kultur umfassend vor.

So große Museums-Neubauten sind in jüngster Zeit selten geworden: Für rund 50 Millionen ließ der Landwirtschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) den Erweiterungstrakt des früheren Westfälischen Landesmuseums abreißen und durch eine Neukonstruktion ersetzen. Architekt Volker Staab modernisierte schon das Albertinum in Dresden und die Neue Galerie in Kassel; für Münster entwarf er ein zugespitztes Rechteck, das nahtlos an den Altbau anschließt, aber den Komplex völlig neu gestaltet.

 

Info

 

Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere – Malerei in London 1950–80

 

08.11.2014 – 22.02.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz 10, Münster

 

Katalog 27 €

 

Weitere Informationen

 

Seit der Eröffnung im September 2014 enthält er drei Höfe: den Vorhof zum Domplatz, das Foyer und einen Freiluft-Patio. Sie bilden eine lichtdurchflutete Raumflucht, von der die Ausstellungssäle abzweigen. Ihre Fläche hat sich um ein Drittel auf 7500 Quadratmeter erweitert; davon sind 1000 Quadratmeter im ersten Stock für Sonderschauen reserviert. Für dieses Schmuckstück muss ein spektakulärer Auftakt her: Zur Premiere zeigt das neue LWL-Museum für Kunst und Kultur „Malerei in London 1950-80“.

 

Neuanfang am Bestehenden

 

Symbolisch betrachtet ist das eine passende Wahl: Wie der LWL wagten junge englische Künstler in der Nachkriegszeit Neuanfänge, die an Bestehendes anknüpften. Und wie beim Neubau in Münster gilt für ihre Werke, dass sie vom hiesigen Publikum erst noch zu entdecken sind.


Impressionen der Ausstellung


 

Zentraler Stellenwert des Körpers

 

Britische Malerei war in Deutschland nie so präsent wie Künstler aus romanischen Ländern oder den USA – weder Altmeister wie Gainsborough, Constable oder William Turner noch ihre modernen Nachfolger. Selbst Weltstars wie Francis Bacon, Lucian Freud oder David Hockney wurden meist nur als Einzelpersönlichkeiten wahrgenommen. Aus einfachem Grund: Die meisten ihrer Werke sind in britischem Besitz und hierzulande selten zu sehen.

 

Das will diese Ausstellung ändern. Rund 120 Werke von 16 Künstlern machen auf ein wenig beachtetes Phänomen aufmerksam: den zentralen Stellenwert des Körpers in der englischen Malerei. Nach dem Krieg widmeten sich Künstler in Frankreich und Deutschland mit Tachismus und Informel der reinen Abstraktion. Amerikaner steigerten sie zum Abstrakten Expressionismus, bevor ab den 1960er Jahren Pop Art, Minimal und Konzeptkunst aufkamen.

 

Londons Bomben-Ruinen unerkennbar

 

Dagegen wurde in Großbritannien die Figuration nie aufgegeben. Obwohl dortige Künstler genauso gern experimentierten wie ihre kontinentalen Kollegen, behielten sie meist den Bezug zum Gegenständlichen bei. Sei es, weil sie den Krieg nicht als derart einschneidenden Epochenbruch empfanden, dass alles Bisherige entwertet und eine absolut neue Kunst nötig geworden wäre. Oder auch, weil das konservative Insel-Publikum total Abstraktes nicht goutierte – und die Kunstszene sich dem pragmatisch anpasste.

 

Nüchterner Pragmatismus prägt jedenfalls die beiden Bilder, mit denen die Ausstellung programmatisch anfängt. Gemälde von David Bomberg und William Coldstream, zwei Malern der älteren Generationen, bieten Stadtansichten von London 1944 bzw. 1946: perspektivisch korrekt in abgestuften Brauntönen. Man muss wissen, dass spitze Grate Häuserruinen und leere Flächen Bombentreffer andeuten – zu erkennen ist es nicht. Keine Spur vom depressiven Pathos, mit dem zeitgleich deutsche Maler verwüstete Städte pinselten.

 

Nacktbilder ohne Denunziation

 

Frühe Arbeiten von Lucian Freud, Enkel von Sigmund Freud, oder Frank Auerbach lassen ebenso jede Exaltiertheit vermissen. Freud porträtierte Frauen in Posen, die an die Neue Sachlichkeit erinnern: gefasst, distanziert, allenfalls etwas melancholisch. Später malte er Aktbilder mit schonungsloser Präzision, die Körper in allen Stadien vorführen, ohne seine Modelle je zu denunzieren.


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