Omar Sy

Heute bin ich Samba

Samba Cissé (Omar Sy) und Wilson (Tahar Rahim) genießen beim Fensterputzen die Aussicht. Foto: Senator Film

(Kinostart: 26.2.) Omar Sy und Charlotte Gainsbourg sind Ziemlich beste Freunde: Er schlägt sich in Paris durch, sie kuriert ihren Burn-out aus. Der neue Film des Regie-Duos Toledano/ Nakache beleuchtet feinfühlig das Elend illegaler Einwanderer.

Wie machen die Franzosen das bloß? Klar, sie produzieren auch jede Menge alberner, belangloser Komödien. Aber immer wieder gelingen ihnen Filme, die todtraurige Themen so wunderbar leicht aufbereiten, dass überall die Massen ins Kino strömen. Problembewältigung als grenzenloses Vergnügen – das ist Frankreichs exception culturelle par excellence.

 

Info

 

Heute bin ich Samba

 

Regie: Olivier Nakache und Eric Toledano

120 Min., Frankreich 2014;

mit: Omar Sy, Charlotte Gainsbourg, Tahar Rahim

 

Website zum Film

 

Amtierende Großmeister in dieser Disziplin sind Éric Toledano und Olivier Nakache. Ihr Film „Ziemlich beste Freunde“ über die Freundschaft zwischen einem steinreichen Behinderten und einem schwarzen Vorstadt-Gauner war der Knüller des Jahres 2012: In Frankreich lockte er sagenhafte 19 Millionen Zuschauer ins Kino, in Deutschland immerhin neun Millionen.

 

Postmodernes Versprechen von 1789

 

Was vor allem an der umwerfenden Ausstrahlung von Omar Sy lag: Mit strahlenden Augen, unwiderstehlichem Grinsen und lockeren Sprüchen fegte er alle Schranken zwischen sich und seinem Filmpartner François Cluzet beiseite – quasi als postmoderne Verkörperung des Gleichheits-Versprechens der Revolution von 1789: Multikulti ist machbar, Herr Nachbar! Die gleiche Botschaft verbreitete im letzten Jahr das Heirats-Lustspiel „Monsieur Claude und seine Töchter“ von Philippe de Chauveron; ebenso unbeschwert und ähnlich erfolgreich.


Offizieller Filmtrailer


 

Jenseits von Mittelmeer + Lampedusa

 

Nun legen Toledano und Nakache nach; für ihren Erfolgs-Garanten Omar Sy haben sie diesmal Charlotte Gainsbourg als Partnerin engagiert. Da kann eigentlich nichts schief gehen. Doch das Regie-Duo hat sich einen schweren Brocken als Thema ausgesucht: die Lebenswelt illegaler Einwanderer in Westeuropa.

 

Also die Parallelgesellschaft derjenigen, die dem Massengrab Mittelmeer und Sammellagern wie auf Lampedusa entkommen sind – und nun in schäbigen Behausungen ein erbärmliches Dasein fristen, um mit Schwarzarbeit ihre Familien in den Herkunftsländern zu unterstützen. Was die Mehrheitsbevölkerung geflissentlich ignoriert.

 

Lieber Ausbeutung als höhere Preise

 

„Heute bin ich Samba“ taucht tief in dieses Milieu ein, das kaum einer wahrnimmt, obwohl es im Alltag eine wichtige Rolle spielt: Hilfskräfte, die Obst und Gemüse ernten, in Gaststätten Geschirr spülen, Gebäude reinigen und Fenster putzen, auf Baustellen schuften oder an Fließbändern den Hausmüll sortieren. Drecksarbeiten, die kein Staatsbürger mehr machen will.

 

Dabei führt der Film den Zynismus eines Systems vor, das Neuankömmlinge ohne Visum vorgeblich verfolgt, aber de facto gewähren lässt, damit der Laden läuft, ohne ihnen die geringsten Zugeständnisse zu machen. Hätten sie Rechte, könnten sie (Lohn-)Forderungen stellen, und auf Billiglöhnen basierende Kalkulationen wären zunichte: Dann müssten Staatsbürger höhere Preise zahlen. Da praktizieren sie lieber neokolonialistische Ausbeutung im eigenen Land.

 

Mit falschen Pässen den Namen vergessen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Monsieur Claude und seine Töchter” – französische Multikulti-Komödie von Philippe de Chauveron

 

und hier einen Bericht über den Film “Der Schaum der Tage” – Michel Gondrys Verfilmung des Kult-Romans von Boris Vian mit Omar Sy

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Albaner” über illegale Immigranten im deutschen Untergrund von Johannes Naber

 

und hier einen Bericht über den Film Die Farbe des Ozeans über einen Armutsflüchtling aus dem Senegal von Maggie Peren

 

Das wäre in Deutschland Stoff für eine triste Sozialreportage. In den Händen von Toledano/ Nakache wird daraus eine beschwingte Tragikomödie: Der senegalesische Titelheld (Omar Sy) heißt eigentlich Amadou, wechselt aber so häufig Verkleidung und falsche Pässe, dass er kaum noch weiß, wer er ist. Er träumt von einer Stelle als Restaurantkoch, doch dafür bräuchte er eine Aufenthaltserlaubnis; stattdessen landet er in Abschiebehaft.

 

So lernt er die Sozialarbeiterin Manu (Izïa Higelin) kennen, bei der Alice (Charlotte Gainsbourg) ein Praktikum absolviert: Damit erholt sich die Karrierefrau von ihrem burn-out. Sie hilft Samba nicht nur, im Behörden-Dschungel zurecht zu kommen, sondern erliegt auch bald seinem Charme. Was ihm nicht erspart, sich weiter mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen.

 

Lubitsch touch in our time

 

Dass sein Hindernislauf durch Zeitarbeitsfirmen, Tagelöhner-Kolonnen und Wachleute-Patrouillen trotz ständiger Angst vor der nächsten Polizei-Razzia so amüsant ausfällt, liegt auch an Sambas sidekick Wilson (Tahar Rahim): Die schwarzgelockte Frohnatur gibt sich als Brasilianer aus, weil das bei Frauen besser ankommt, ist aber Algerier. Das stört die impulsive Manu nicht: Wenn das Ausländerrecht sowieso nur auf dem Papier steht, warum dann professionellen Abstand wahren?

 

Doch in „Heute bin ich Samba“ finden nicht nur einsame Herzen zueinander, sondern auch ein gebrochenes sein nasses Grab. Toledano/ Nakache haben vom halb vergessenen Komödien-Genie Ernst Lubitsch den Lubitsch touch geerbt: die Kunst, in reizender Verpackung allerlei Scheußliches anzudeuten, ohne es auszusprechen. Wir wünschen diesem Film ebenso viele Zuschauer wie seinem Vorgänger: Damit sie sehen, wie es den dunkelhäutigen Leuten geht, die ihnen am Imbiss-Stand die Pommes rüberreichen.


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