Andreas Dresen

Die beste Zeit ihres Lebens

Andreas Dresen beim Dreh von "Als wir träumten"; © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig. Fotoquelle: Pandora Film

In „Als wir träumten“ lässt Andreas Dresen die wilde Wendezeit in Leipzig wieder aufleben. Er erlebte sie in Ostberlin: mit geklauten Taschenbüchern, ohne Karte ins Kino schleichen und ersten Joints zu hartem Drum’n’Bass, erzählt er im Interview.

Auf der Berlinale war die Reaktion auf ihren Film „Als wir träumten“ gelinde gesagt verhalten. Manche Kritiker zeigten sich sogar vehement enttäuscht. Trifft Sie das sehr?

 

Wenn man seine Nase in den Wind hängt, dann weht er mal von der einen, mal von der anderen Seite. Das gehört dazu. Ich finde es eher lustig, wenn gesagt wird, das sei kein ‚typischer‘ Dresen-Film. Keine Ahnung, was das sein soll; ich habe den Film schließlich gemacht.

 

Info

 

Als wir träumten

 

Regie: Andreas Dresen,

117 Min., Deutschland 2015;

mit: Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Frederic Haselon

 

Website zum Film

 

Hätte ich noch einmal etwas Ähnliches wie „Halbe Treppe“ gemacht, würde man sich darüber beschweren, dass dem Dresen nichts mehr einfällt. Filmemachen ist immer ein Abenteuer; man ist dazu aufgerufen, neue Dinge auszuprobieren. Deswegen möchte ich, dass jeder meiner Filme anders aussieht. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

 

Extreme Amplituden

 

War es genau das, was Sie gereizt hat, diesen Film zu machen?

 

Die Jahre, in denen „Als wir träumten“ spielt, waren eine wilde Zeit mit tiefen Abgründen, in die man fallen konnte, wie es den Figuren eben passiert. Ich fand im gleichnamigen Roman von Clemens Meyer die wilde Erzählweise toll: Das hat eine gewisse Rohheit, und andererseits auch Zärtlichkeit.

 

Es war lauter, leiser, schneller, langsamer, heller und dunkler als alles, was ich bis dahin gemacht habe. Diese großen Kontraste fand ich reizvoll, denn mit einer solchen Vorlage kann man filmisch eben auch mal etwas anderes ausprobieren. Das Buch ruht sich nicht auf einem mittleren Level aus, sondern geht extrem in die Amplituden.


Offizieller Filmtrailer


 

Das ganze Fürsorge-System brach weg

 

Roman und Film spielen zwar in Ostdeutschland in den Jahren nach der Wiedervereinigung, doch wohltuenderweise fehlt das übliche Dekor mit Stasi usw.. Es geht um fünf Jungs, die in dieser Zeit erwachsen werden müssen, und dabei mehr oder minder auf sich allein gestellt sind – das wurde bisher medial wenig beachtet.

 

Damals brach ja ein ganzes Fürsorge-System weg. In der DDR war die Jugend umklammert worden; mit Jugendklubs oder Arbeitsgemeinschaften wurde ihr viel geboten. Das war mit der Wende schlagartig weg. Außerdem hatten Eltern und Lehrer in diesen Jahren eine Menge eigene Probleme; sie mussten ihr ganzes Leben neu ordnen. Mir ging es damals nicht anders.

 

So gesehen stehen die Jungs alleine da; sie kosten natürlich mit ihrer Riesenenergie das Reich der Freiheit aus. Die stürmen los und glauben, das alles möglich ist, müssen aber feststellen, dass die Regeln der Erwachsenenwelt nach ihnen greifen. Ihre Disco „Eastside“ brummt, und sie haben die wohl schönste Zeit ihres Lebens. Doch dann kommt einer wie der Gangster Kehlmann, der ihnen sagt: Ihr könnt Musik machen, so laut ihr wollt, aber der Absatzmarkt für Drogen gehört mir.

 

Letzten Endes bleibt ihnen nur die Anpassung an die Welt der Erwachsenen, die dem einen besser gelingt als dem anderen – und die Gruppe zerfällt. Das ist ihr Abschied von der Kindheit und dieser Welt, in der alles möglich schien. In diesem Moment wird ihre Geschichte universell gültig, denn diese Erfahrung macht jeder irgendwann.

 

Viele hielten Disco-Dreh für echt

 

Trotzdem ist der Film historisch genau verortet: Er fühlt sich echt an, es riecht quasi nach Osten. Wird es nicht immer schwerer, das nachzustellen?

 

Ich habe viel zu oft das Gefühl, dass bei Erzählungen über den Osten immer demonstrativ pittoresk ein Trabi hingestellt wird. Dieser Film hat zwar ein historisches Thema, er ist aber kein Museumsstück. Mir war wichtig, den Zeitgeist nachzuempfinden; Geruch, Tempo und Farben sollten stimmen. Ich wollte ein Lebensgefühl vermitteln, das auch ein sehr heutiges ist. Wir haben zum Beispiel beim Dreh im nachgebauten „Eastside“-Club viel Aufwand betrieben, um die Komparsen passend anzuziehen, damit es echt aussieht.

 

Das wurde übrigens im Keller der ehemaligen „Sternburg“-Brauerei in Leipzig gedreht; da sind mehr Pappkulissen zu sehen, als man denkt. Wir haben lange takes laufen lassen, in denen 200 Komparsen nur getanzt haben. Das hatte den verblüffenden Effekt, dass viele den Dreh für echt hielten; es gab sogar Beschwerden, jemand würde mit Drogen handeln. Das ist das Verdienst von Ausstattern und Kostümbildnern; Clemens Meyer als Augenzeuge gab uns manchmal auch Tipps.

 

Clemens Meyer war vom Film berührt

 

Wie war darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Clemens Meyer?

 

Clemens Meyer hat glücklicherweise mir und dem Drehbuch-Autor Wolfgang Kohlhaase voll vertraut; er wusste, dass man einen 500-seitigen Roman nicht eins zu eins verfilmen kann. Als ich ihm den fertig geschnittenen Film gezeigt habe, war ich schon aufgeregt, weil in seinem Debütroman teilweise auch seine persönliche Geschichte steckt. Er war glücklicherweise sehr berührt vom Film, denn ich hätte ihn ungern enttäuscht; zumal wir auch befreundet sind.


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