Charlotte Gainsbourg

Jacky im Königreich der Frauen

Beim großen Ball der Bubunnerie soll die zukünftige Diktatorin Bubunne XVII. (Charlotte Gainsbourg) einen heiratsfähigen Mann auswählen, den nächsten großen Dödel. Foto: Pandastorm Pictures

(Kinostart: 19.2.) „Charlie Hebdo“ als Film: Männer tragen Schleier, und Frauen haben im Wortsinne die Zügel in der Hand. Mit seiner völlig grotesken Satire spießt Regisseur Riad Sattouf diverse Spielarten von Unterdrückung und Fanatismus virtuos auf.

Je suis Charlie: Keiner konnte ahnen, dass der deutsche Kinostart dieses Films nach zweimaliger Verschiebung um gut ein Jahr nun in die Wochen nach dem Attentat auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ fallen würde. Denn Regisseur Riad Sattouf, Pariser mit syrischen Wurzeln, ist vor allem ein in Frankreich bekannter Comiczeichner.

 

Info

 

Jacky im Königreich der Frauen

 

Regie: Riad Sattouf,

90 Min., Frankreich 2014;

mit: Charlotte Gainsbourg, Vincent Lacoste, Michel Hazanavicius

 

Website zum Film

 

Er zeichnete für „Charlie Hebdo“ die wöchentliche Serie „Das geheime Leben der Jugend“. Sein Debütfilm „Jungs bleiben Jungs“ war 2009 in Frankreich ein Überraschungshit; nun kommt sein zweiter Spielfilm ins Kino. Der in Syrien, Libyen und Algerien aufgewachsene Regisseur traut sich was: „Jacky im Königreich der Frauen“ ist politisch unkorrekte Satire par excellence.

 

Gotteskrieger zucken zusammen 

 

Unter dem Deckmantel – pardon: Ganzkörper-Schleier – von Slapstick und Naivität bohrt der Film in diversen Wunden. Er karikiert patriarchalische Gesellschafts-Ordnungen und das gleichgeschaltete Leben in diktatorischen Regimes so frech, dass nicht nur jeder Möchtegern-Gotteskrieger zusammenzucken dürfte.

Offizieller Filmtrailer


 

Aschenputtel im Stil von „Monty Python“

 

Dazu bedient sich Sattouf eines Kunstgriffs: Er ist gleichzeitig deutlich und vage. Der comicartige look des Filmes ist so skurril und surreal, seine Geschichte so albern überhöht und universal, dass all diejenigen, die sich davon beleidigt fühlen könnten, sich eingestehen müssten, dass sie sich in dieser Groteske wiedererkannt haben.

 

Vordergründig erzählt der Film nur ein Kindermärchen: eine moderne Aschenputtel-Version im Stil der britischen Komiker-Truppe „Monty Python“, die mit Geschlechter-Klischees spielt und Sehgewohnheiten auf den Kopf stellt. Wer sollte sich durch diese Albernheiten also getroffen fühlen?

 

Heilige Pferde + verbotenes Gemüse

 

Die „Volksrepublik Bubunne“ ist ein Matriarchat. Hier herrscht die große Generalin mit ihren Leutneusen streng über alle Einwohner und demonstriert ihre Macht gerne mit öffentlichen Hinrichtungen. Seit einer Dürre vor langer Zeit, in der sich die Männer als unwürdig erwiesen, sind die Frauen alleinige Herrscherinnen über Gesetz, Militär und Männer.

 

Es gilt, viele Regeln einzuhalten: Kleine Pferdchen sind heilig, gegessen wird der von der Regierung gelieferte „Schlonz“-Brei; dagegen ist der Verzehr von Gemüse, Lesberei sowie das Lesen von ausländischer Propaganda verboten. Männer müssen zu ihrem eigenen Schutz eine rote Schleierei tragen; unter ihrem Kinn baumelt ein Ring wie an einem Pferdegeschirr. Werden die Männer geehelicht, darf frau sie an die Leine nehmen.

 

Ball-Karte als Ticket zum Eheglück

 

Jungmann Jacky (Vincent Lacoste) lebt in einer ärmlichen Trabantenstadt. Er sieht gut aus und ist bei den Mädchen beliebt: Die stehen rauchend bei ihren Motorrädern und rufen verängstigten Jungs Anzüglichkeiten zu. Doch Jacky ist unsterblich verliebt: in niemand Geringeren als die künftige Diktatorin, die schöne Colonelle (Charlotte Gainsbourg).

 

Zum großen Ball der Bubunnerie im Palast kommen alle Jungmänner, die sich ein goldenes Ticket leisten können, damit sich die nächste große Generalin unter ihnen einen Dödel auswählt. Jacky hat Glück und gewinnt eine Eintrittskarte, doch seine böse Tante nimmt sie ihm für ihren eigenen Sohn weg. Doch mithilfe seines Onkels (Michel Hazanavicius), der im Untergrund für die Rechte der Männer kämpft, erschleicht sich Jacky Zutritt zum Palast.

 

Bubunne kommt einem bekannt vor

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Monsieur Claude und seine Töchter“ – französische Multikulti-Komödie von Philippe de Chauveron

 

und hier einen Bericht über den Film „Gott verhüte!“antiklerikale Komödie aus Kroatien von Vinko Brešan

 

und hier einen Beitrag über den Film “Das Mädchen Wadjda”erster saudischer Spielfilm von Haifaa Al Mansour über die Unterdrückung von Frauen.

 

In weiteren Wendungen nimmt der Film noch die Medien samt Personenkult auf die Schippe, bevor er die Handlung komplett umdreht und mit einer furiosen Überraschung endet. Wortspiele und erfundene Begriffe verstärken die künstliche Atmosphäre des märchenhaften Szenarios; es erinnert trotzdem an Länder im Raum zwischen Maghreb und Mittlerem Osten.

 

Dabei spielt Regisseur Sattouf virtuos mit Erwartungen und unserem Verständnis von Toleranz. Der Märchen-Topos ist vertraut, dass ein König alle Jungfrauen des Landes auf einen Ball einlädt, um die nächste Prinzessin zu finden. Doch wenn eine Machthaberin in Uniform aus einem Haufen herausgeputzter Männer den schönsten auswählen darf, wirkt die Konstellation sofort lächerlich.

 

Geschlechter-Verhältnisse andersherum

 

Manchmal ist eine gehörige Portion Verfremdung nötig, um gewohnte Absurditäten als solche wahrzunehmen. Bei „Jacky“ bleibt einem schnell das Lachen im Halse stecken: Diese Lebensform ist tatsächlich gar nicht komisch und in tausend Varianten bittere Realität für Millionen von Frauen überall auf der Welt.

 

Durch radikale Überzeichnung und Umkehrung der Geschlechter-Verhältnisse entlarvt Sattouf den alltäglichen Wahnsinn von Unterdrückung, Klassengesellschaften, religiösem Fanatismus und totalitären Diktaturen. Dabei nimmt er keine bestimmte Religion oder ein einzelnes Land aufs Korn; sein Film ist ein allgemeines Plädoyer für Toleranz und Selbstbestimmung.


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