Lana + Andy Wachowski

Jupiter Ascending

Im Angesicht des Riesen-Planeten. Foto: Warner Bros. Pictures Germany

(Kinostart: 5.2.) Wie man 175 Millionen Dollar ins All schießt: Die Geschwister Wachowski lassen eine Putzfrau das Universum retten – mit Kapitalismuskritik für den Kindergarten und einem barocken Special-Effects-Feuerwerk, das jede Logik atomisiert.

Als die Toiletten-Putzfrau Jupiter Jones (Mila Kunis) fragt, weshalb ihr kein besseres Schicksal vergönnt sei, bekommt sie die Antwort: „Profit goes up, shit goes down.“ Gefolgt von einer bedeutungsschweren Pause: So viel geballte Philosophie muss Jupiter erst einmal verdauen. Da ahnt sie noch nicht, welche interplanetarischen Würden die Zukunft für sie bereit hält. Aber der Reihe nach.

 

Info

 

Jupiter Ascending

 

Regie: Lana und Andy Wachowski,

127 Min., USA 2015;

mit: Channing Tatum, Mila Kunis, Sean Bean, Eddie Redmayne

 

Website zum Film

 

Die Wachowski-Geschwister – so nennt sich das früher als Andy und Larry Wachowski bekannte Duo, seitdem Larry das Geschlecht wechselte und zu Lana wurde – bringen einen blockbuster der Superlative ins Kino: Er hat 175 Millionen Dollar Produktionskosten verschlungen. Für solche größenwahnsinnig anmutenden Projekte sind die Wachowskis die richtigen Macher.

 

Von Platon bis Poststrukturalismus

 

1999 hatten sie mit „Matrix“ den wohl einflussreichsten Science-Fiction-Film der 1990er Jahre gedreht; mit Anleihen aus der Philosophie-Geschichte von Platon bis zum Poststrukturalismus. Ihren frisch erworbenen Ruhm verspielten sie 2003 fast wieder mit zwei halbgaren Fortsetzungen. Dann folgte das bonbonbunte, aber dürftige Grand-Prix-Spektakel „Speed Racer“ (2008).


Offizieller Filmtrailer


 

Mindestens die Menschheit retten

 

2012 präsentierten die Wachowskis mit „Cloud Atlas“ ihr nächstes Mammutprojekt. Gemeinsam mit ihrem deutschen Kollegen Tom Tykwer schufen die Wachowskis ein hyperkomplexes Historien- und fantasy-Epos: Sie verknüpften sechs Handlungsstränge über 500 Jahre miteinander. Doch der Dreistundenfilm geriet zum überladenen Kitsch-Kunstwerk; am interessantesten war die Frage, welcher Star-Schauspieler sind gerade hinter welcher Maske verbarg.

 

Jetzt also „Jupiter Ascending“: Putzfrau Jupiter Jones dämmert, dass sie zu Großem ausersehen ist, als der genmanipulierte alien und Ex-Kämpfer Caine (Channing Tatum) zu ihr auf den Planeten Erde herunterschwebt. In ihren Adern fließt tiefblaues Blut; ihre wahre Mission ist mindestens die Rettung der Menschheit, wenn nicht des gesamten Universums.

 

Reinigungskraft strotzt vor sex appeal

 

Das ist auch bitter nötig. Der Kosmos befindet sich in den Klauen einer bösen alien-Adelskaste, die den Raubtier-Kapitalismus der minderbegabten Erdlinge zum Vampir-Kapitalismus weiterentwickelt hat, der alle Lebensenergie aufsaugt. Mit einem Budget, das dem Staatshaushalt eines mittelgroßen Entwicklungslandes entspricht, entwerfen die Wachowskis also eine Kapitalismuskritik, deren Argumentation einem Sechsjährigen sofort einleuchtet.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Interstellar” – visuell überwältigendes Science-Fiction-Epos mit Matthew McConaughey von Christopher Nolan

 

und hier einen Beitrag über den Film “Cloud Atlas” – verschachteltes Science-Fiction-Epos von Tom Tykwer, Lana + Andy Wachowski

 

und hier einen Bericht über den Film “Prometheus – Dunkle Zeichen” – monumentales Science-Fiction-Epos von Ridley Scott.

 

Wobei unverständlich bleibt, warum sie ausgerechnet einer Putzfrau die Rettung des Alls anvertrauen– soll das besonders klassenkämpferisch sein? Dann wäre es reichlich verlogen: Die Reinigungskraft ist natürlich keine abgekämpft wirkende Arbeiterin im fortgeschrittenen Alter, sondern die vor sex appeal strotzende Mila Kunis; sie glänzte als diabolische Ballerina in „Black Swan“ (2010) von Darren Aronofsky.

 

Adlige aus gothic-Rollenspiel

 

Nach ihrer „Matrix“-Trilogie, die mit philosophischen Anspielungen völlig überladen war, greifen die Wachowskis nun zur größtmöglichen Vereinfachung: „Jupiter Ascending“ ist so simpel, dass jedes Kind den Film versteht. Und sich am barocken special effects-Spektakel von galaktischen Ausmaßen erfreuen darf – das wenig geschmackssicher daherkommt: Die fiesen alien-Adligen sehen aus, als seien sie einem rustikalen gothic-Rollenspiel entsprungen.

 

Zugleich fliegen ständig hypermoderne Raumschiffe herum, die unmotiviert in Wurmlöchern verschwinden oder aus ihnen auftauchen; total sinnfrei, aber nett anzusehen. Das könnte Regisseur Christopher Nolan gefallen, der jüngst sein science fiction-Drama „Interstellar“ ebenfalls in solchen Raum-Zeit-Verwerfungen ansiedelte. Obwohl: Dem kühl kalkulierenden Konstrukteur glasklarer Parallel-Welten wäre dieser Film wohl zu infantil.


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