J. C. Chandor

A Most Violent Year

Abel Morales (Oscar Isaac) überredet seinen flüchtigen Mitarbeiter Julian (Elyes Gabel), sich der Polizei zu stellen. Foto: © SquareOne/Universum

(Kinostart: 19.3.) Hiob in der Heizöl-Branche: 1981 steht ein Firmenchef in New York kurz vor dem Ruin. Darüber macht J.C. Chandor, Regisseur von „Margin Call“ und „All is lost“, mit nüchterner Präzision den besten Wirtschaftskrimi des jungen Jahrtausends.

Oft heißt es, im Zeitalter von Youtube und Instagram sei schon alles abgefilmt und totfotografiert: Jedes Motiv werde x-mal abgelichtet, Spielfilme variierten stets die gleichen Themen und Muster, von action bis romcom. Doch das stimmt nicht: Die Welt ist voller unerzählter Geschichten, die darauf warten, einem faszinierten Publikum vorgetragen zu werden. Man muss sie nur finden.

 

Info

 

A Most Violent Year

 

Regie: J. C. Chandor,

125 Min., USA 2014;

mit: Oscar Isaac, Jessica Chastain, Albert Brooks

 

Website zum Film (engl.)

 

J.C. Chandor kann das: Nach lediglich drei Spielfilmen ist er einer der profiliertesten und meistbeachteten US-Regisseure. Dabei schöpft der Sohn eines Investmentbankers seine Stoffe einfach aus dem Milieu, dem er entstammt − und von dem die übrige Gesellschaft praktisch keine Ahnung hat: dem wohlhabenden Großbürgertum. Das sind nicht die Superreichen mit protzigen Statussymbolen, die durch etliche billige Thriller geistern. Sondern kompetente und kultivierte Herrschaften mit understatement, die diskret den Lauf der Welt bestimmen.

 

Finanzkrise-Urknall als Kammerspiel

 

In seinem Debüt „Der große Crash − Margin Call“ (2011) enthüllte Chandor den Urknall der Weltfinanzkrise von 2008. Mit einem Kammerspiel: Die big shots einer US-Investmentbank, die verdächtig Goldman Sachs ähnelt, reden sich eine Nacht lang den Mund fusselig − und am nächsten Morgen werden ungerührt Milliardenvermögen anderer Leute vernichtet, während die Bank ungeschoren davonkommt.


Offizieller Filmtrailer


 

Eine Hommage, wie NYC sie verdient

 

Wie aus sportlichem Ehrgeiz, zu beweisen, dass er auch das glatte Gegenteil beherrscht, drehte Chandor danach „All is lost“ (2013): Wortlos kämpft Robert Redford als einsamer Skipper nach seinem Schiffbruch auf dem Ozean zwei Stunden lang ums Überleben. Und das Wunder geschieht: Diese klatschnasse Leinwand-Segelpartie langweilt keine Sekunde − der Regisseur ist in Yachthäfen groß geworden und kennt sich auf Bootsplanken bestens aus.

 

Nun also „A Most Violent Year“: Erstmals verlässt Chandor die Gegenwart, aber nicht vertrautes Terrain. Er wuchs größtenteils in Vororten von New York auf; dort lebt er noch heute mit seiner Familie. Seine intime Kenntnis des big apple ist in jeder Filmsekunde zu spüren: Hier will jemand dem spirit der so bewunderten wie verhassten Hochfinanz-Metropole gerecht werden, ohne ein Gran zu verfälschen. Mit einer Hommage, wie NYC sie verdient.

 

Things go down the drain

 

Die Handlung spielt im Jahr 1981; damals stieg die städtische Kriminalitätsrate auf ihr all time high. Was beiläufig auftaucht, wenn die Radio-Nachrichten von Messerstechern, Amokläufern und Schießereien berichten. Things go down the drain − diffuse Angst, das alles allmählich den Bach runtergeht, war um 1980 das vorherrschende Lebensgefühl in den USA: nach einem Jahrzehnt mit verlorenem Vietnam-Krieg, Watergate-Skandal und zweifacher Ölkrise.

 

Für Trübsal hat selfmade man Abel Morales (Oscar Isaac) nichts übrig. Der Latino-Einwanderer ist mit Anna (Jessica Chastain) verheiratet, der Tochter eines zwielichtigen Heizöl-Lieferanten, dessen Kleinbetrieb beide übernommen haben. Daraus hat Abel mit Ehrgeiz und Tatkraft ein florierendes Unternehmen gemacht. Nun wagt er seinen größten Coup: Wenn er ein großes Wasser-Grundstück voller Öltanks erwerben kann, wird er zum big player der Branche. Dafür verpfändet er sein gesamtes Vermögen.

 

Erfolg durch legales Handeln

 

Ausgerechnet jetzt machen ihm Gangster-Attacken zu schaffen. Unbekannte überfallen die Tanklaster seiner Flotte und stehlen das Heizöl; die Verluste erreichen sechsstellige Höhe. Ein Gewerkschaftsboss fordert, Abel solle seine Fahrer bewaffnen, was er ablehnt: Käme es zu Schusswechseln, werde sein business ruiniert. Um erfolgreich zu bleiben, müsse er strikt legal operieren.


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