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Stadtansicht von Dubai. Fotoquelle: artdubai.ae

Art Dubai + 12. Sharjah Biennale


Glitzerkram war gestern: Die Messe für Gegenwartskunst in Dubai mausert sich im neunten Jahr zur seriösen Ost-West-Drehscheibe mit hochkarätigem Angebot. Dagegen schreckt die Biennale im benachbarten Sharjah durch kopflastige Sprödheit ab.


Abschied von der Fata Morgana: Normalerweise sind Trugbilder in der Wüste schillernder als die dürre Wirklichkeit – hier ist es umgekehrt. Aus der Ferne wurde 2007 die erste Messe im Emirat noch belächelt; als neuestes Spielzeug für Scheichs, die nach Luxuskarossen und Wolkenkratzern nun auch Kunstwerke shoppen wollten. Ob die Vorstellung von ignoranten Nabobs, denen gerissene Impresarios glitzernden Tand zu Fabelpreisen andrehen, je zutraf? Jedenfalls ist sie überholt.

 

Info

 

Art Dubai

 

18.03.2015 - 21.03.2015

täglich 16 bis 21.30 Uhr

in Madinat Jumeirah, Dubai, Vereinigte Arabische Emirate

 

Zweibändiger Katalog
18 US-$

 

Weitere Informationen

 

12. Sharjah Biennale

05.03.2015 - 05.06.2015

täglich 15 bis 21 Uhr

in Sharjah, diverse Standorte

 

Weitere Informationen

 

In der Zwei-Millionen-Metropole am Golf, in der sich Geschäftemacher und Glücksritter aus aller Welt tummeln, muss auch Kunst glamourös inszeniert werden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als überbordendes Event analog zur „Berlin Art Week“ im Frühherbst: Während der „Dubai Art Week“ buhlen gleich vier Messen um die Gunst von Kunstinteressierten.

 

Von Design Days bis World Trade

 

Den Anfang machen die vierten „Design Days“, laut Eigenwerbung die einzige jährliche Design-Messe in Mittel- und Südasien. Daran schließt die „Art Dubai“ an, die mittlerweile bei Galerien und Publikum international etabliert ist. Parallel dazu läuft die zehntägige „SIKKA Art Fair“, die sich auf regionale Nachwuchs-Künstler konzentriert. Anfang April soll erstmals die „World Art Fair“ mit Teilnehmern von vier Kontinenten folgen: Der Standort „Dubai World Trade Center“ darf als Hinweis gelten, was dort geboten werden dürfte.

Feature zur Kunstmesse "Art Dubai"; © Gulf News TV

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Hervorragende Aufenthalts-Qualität

 

Außerdem findet zur gleichen Zeit die 12. Sharjah Biennale statt, die bereits seit 1993 existiert – in dieser Weltgegend eine kleine Ewigkeit. Seit 2009 wird sie von der „Sharjah Art Foundation“ ausgerichtet, die unter der Patronage der Herrscherfamilie steht; das eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten. Für hiesige Besucher wartet die Biennale mit einer seltenen Überraschung auf: Keines der ausgestellten Exponate kann man kaufen.

 

Das ist auf der „Art Dubai“ naturgemäß anders. Doch merkantile Absichten werden so diskret behandelt wie in einer Edelboutique. Eintritt und Katalog-Gebühr sind moderat; niemand klebt rote Punkte an verkaufte Arbeiten, und Preise finden sich – wenn überhaupt – in winzigen Lettern notiert. Großzügig bemessene und sparsam bestückte Kojen werden von weitläufigen Wandelhallen voller Getränkestände flankiert. Die Aufenthalts-Qualität ist hervorragend, würden die hier allgegenwärtigen Immobilien-Profis sagen.

 

Gebauter Traum aus tausendundeiner Nacht

 

Alles zielt darauf ab, einer vermögenden Kundschaft den gewohnten Komfort zu bieten, ohne das Fußvolk der Schaulustigen abzuschrecken. Dazu trägt auch der Veranstaltungsort „Madinat Jumeirah“ bei. Das schönste Messegelände dieser an solchen Arealen nicht armen Retortenstadt ist ein gebauter Traum aus tausendundeiner Nacht; eine gelungene Mischung aus Alhambra, arabischem Souk und hypermoderner Business-Architektur. Samt künstlichem See mit Insel, auf der allabendlich rauschende Partys gefeiert werden – einer der wenigen Orte an der Golfküste, wo der Alkohol in Strömen fließt.

 

Nüchtern geht es hingegen während der Geschäftszeit zu – das heißt hier: von 16 bis 21.30 Uhr. Neben dem üblichen Beiprogramm aus Konferenz-Marathon, Auftragsprojekten, Preisverleihungen, Vermittlungs-Formaten und Sonderschau, ohne die keine Messe mehr auskommt, die etwas auf sich hält, ziehen drei große Hallen die Kunstliebhaber an.

 

Stelldichein der gesamten Welt

 

In der kleinsten soll die „Art Dubai Modern“ die Veranstaltung mit historischer Patina anreichern: 14 Galerien aus dem Raum zwischen Lissabon, Lagos und Karachi präsentieren Künstler, die in den 1940er bis 1980er Jahren aktiv waren. So schreibt die Messe an der Geschichte einer afro-arabo-asiatischen Klassischen Moderne mit.

 

Der Löwenanteil der insgesamt 92 Galerien aus 40 Ländern belegt aber die beiden „Contemporary“-Hallen: ein Stelldichein der gesamten Welt wie in der Stadt ringsum. Für europäische Augen sind Galerien aus Afrika und Asien wesentlich stärker vertreten als gewohnt, was die Veränderungen im globalen Kunstmarkt verdeutlicht. Dichte und Qualität ihres Angebots sind durchweg hoch; kein Teilnehmer hat einen Exotenbonus nötig.

 

Kunst soll optisch etwas bieten

 

Zudem fällt auf, wieviele Beiträge eine farbenfrohe und großflächige Formensprache verwenden, ohne deswegen gefällige, simpel gestrickte Deko-Kunst zu sein. In sub- und tropischen Breiten wird augenscheinlich von Kunst erwartet, dass sie optisch etwas zu bieten hat. Monotonen Minimalismus und karge Konzeptkunst will hier keiner sehen; ausgeblichen und –gemergelt ist schon die Wüste am Stadtrand.

 

Gewiss, leicht konsumierbarer Edelkitsch wird auch angeboten: etwa die mannshohen, pastos-abstrakten Farbschlachten eines Marwan Sahmerani, von denen Kashya Hildebrand (London) mehrere Exemplare um 30.000 US-$ losschlug. Oder die possierlich gehäkelten Tierfiguren von Joanna Vasconcelos bei Galleria Marie-Laure Fleisch (Rom): Nippes in Vollendung, auf den Jeff Koons neidisch sein könnte.

 

Edelstahldraht der Zahnmedizin

 

Doch die meisten Beiträge verbinden große Gesten mit Raffinement, zeigen eyecatcher mit Tiefgang. Etwa das elegant geometrische Metallband-Relief von Gülay Semercioglu, das ein lokaler Sammler für 50.000 US-$ bei Pi Artworks (Istanbul) erstand. Oder die biomorphen Netzgeflecht-Gebilde, die Maria Loizidou aus Zypern knüpft: Sie bestehen aus feinstem Edelstahldraht, der sonst von Zahnmedizinern verwendet wird (15.-25.000 Euro; Kalfayan Galleries, Athen).

Wachsfiguren-Kabinett aus Youtube-Videoclip

 

Filigrane Ornament-Techniken haben im Orient eine lange Tradition und werden auch von zeitgenössischen Künstlern virtuos gehandhabt. Wie von Abdullah M.I. Syed bei Aicon Gallery (New York): Seine vielfach durchbrochenen und von innen beleuchteten Hängeobjekte lassen ganze Wände irisieren wie die kinetischen Lichträume des ZERO- Künstlers Otto Piene.

 

Es geht aber auch konventioneller: Das in Dubai lebende Trio Ramin und Rokni Haerizadeh plus Hesam Rahmanian verwandelt den Stand von Isabelle van den Eynde in eine Rauminstallation zum Thema Wachsfiguren-Kabinett. Ausgehend von einem Videoclip über „Madame Tussauds“ mixen sie Malerei und Skulptur von Van Eyck bis Op-Art. Kunst als mash up, inspiriert von Youtube – das scheint symptomatisch für die Generation Easy Jetset im Kunstbetrieb.

 

32.000 Euro für Gert + Uwe Tobias

 

Die Niederländerin van den Eynde hat ihre Galerie in Dubai 2004 eröffnet; sie tritt als umtriebige Fördererin der lokalen Szene hervor. Andere europäische Galerien reisen bislang noch alljährlich an. Etwa die Galerie Raster aus Warschau; sie bietet hintersinnige Readymade-Skulpturen der bekannten russischen Konzeptkunst-Gruppe „Slavs and Tartars“ für 9.000 bis 13.500 Euro feil.

 

Oder die Brüsseler Galerie Rodolphe Janssen, die mehrere großformatige Leinwände von Gert und Uwe Tobias mitbrachte; eine wurde für 32.000 Euro abgesetzt. Kein Wunder: Die Mixed-Media-Siebdrucke der rumäniendeutschen Zwillinge sind ob ihrer bunten, facettenreichen Motivik auch hierzulande derzeit sehr en vogue.

 

Taschengeld für junge Praktikanten

 

So scheint sich der Abstand zwischen westlichem und nahöstlichem Kunstmarkt zusehends zu verringern. Genauer: Nicht nur die Künstler-Portfolios nähern sich einander an – viele orientalische Teilnehmer, etwa Wael Shawky, Susan Hefuna und Mona Hatoum, hatten schon im Westen viel beachtete Auftritte – sondern auch die Präsentationsformen: sachlich, dezent, serviceorientiert. Eine Unsitte des westlichen Kunstbetriebs hat Dubai jedoch ebenso übernommen: Junge Praktikanten werden in der dreimonatigen Vorbereitungszeit mit Tagessätzen von 30 US-$ abgespeist – in einer Stadt auf dem Preisniveau von New York.

 

Damit bewegt sich die „Art Dubai“ auf einer Ebene mit etablierten deutschen Kunstmessen der zweiten Reihe, etwa der „art KARLSRUHE“ – bei wohltuend weniger Rummel. Im Emirat ist der Messebesuch noch kein Freizeitvergnügen der unteren Mittelschicht. „Es geht etwas gemächlicher zu als auf anderen Messen“, berichtet Sibylle du Roy, sales director bei Janssen: „Hierher kommen nicht nur Profi-Sammler aus der ganzen Welt, die einander begehrte Werke wegschnappen, sondern auch viele Interessierte, die mehr über zeitgenössische Kunst lernen wollen.“

 

Radikales Kontrastprogramm zur „Art Dubai“

 

Einem ähnlichen Informations- und Bildungsauftrag folgt nach eigenem Verständnis die Sharjah Biennale. Wie es sich für eine echte Biennale ziemt, ist sie analog zu den großen Vorbildern von Venedig über Sao Paulo bis Kwangju auf zahlreiche Standorte verteilt: In Sharjah sind es traditionelle, aufwändig restaurierte Häuser und Pavillons aus der guten alten Zeit vor dem Ölboom.

 

Allerdings hat die koreanische Kuratorin Eungie Joo, die sonst etwa für das New Museum in New York arbeitet, der Biennale ein radikales Kontrastprogramm zur „Art Dubai“ verordnet: so kopflastig, unsinnlich und reduziert wie möglich. Dafür hat sie einige regionale Künstler seit der Nachkriegszeit ausgegraben, die modernistische Ansätze von Le Corbusier bis Hanne Darboven verfolgen, und mit Zeitgenossen kombiniert.

 

Pflichtveranstaltung ohne Attraktivität

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Common Grounds" - facettenreiche Ausstellung muslimischer Künstler in München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "art Karlsruhe 2015" - 12. badische Kunstmesse in Karlsruhe

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Berlin Art Week 2014″ mit den Kunstmessen abc – art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair in Berlin

 

Ihre Akzeptanz dürfte das kaum befördern. Dieser Nachhilfekurs in Konkreter und Konzept-Kunst, Minimal- und Serialismus lässt das Publikum ziemlich kalt. Am Hauptstandort „Sharjah Art Museum“ verlieren sich nur wenige Besucher, meist ausländische Touristen, in den weitläufigen Gebäudeflügeln. Der Sharjah Biennale droht das gleiche Schicksal wie ihrer Berliner Schwester-Schau: eine Pflichtveranstaltung bar jeder Attraktivität zu werden.

 

Also alles wie gewohnt – auf der Messe Zugängliches für das breite Publikum, auf der Ausstellung Denksport-Aufgaben für die in-crowd des Kunstbetriebs? Nicht ganz: Westliche Fantasien von überschäumender Glitterati-Kunst für Neureiche werden im selben Museum gleichfalls bedient – in der 33. Jahresausstellung des Kunstvereins von Sharjah.

 

Meterbreite Kaufhauskunst

 

Da sind sie: meterbreite Ölschinken, handwerklich perfekt in Bonbonfarben zugepinselt, mit allen Kaufhauskunst-Motiven, die das Herz begehrt – Menschen, Tiere, Sensationen, Himmelfahrt und Höllensturz. Mit Anklängen an Picasso, Dali, Miro oder Vasarely; was darf es denn sein? Preise stehen keine dran, aber mit diesen lokalen Malern lässt sich sicherlich reden. Sie werden alle Vorurteile über zahlungskräftige Abnehmer ohne Geschmack, aber mit prall gefüllten Konten sicher bestätigen.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 24.03.2015





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