Mathieu Amalric

Das blaue Zimmer

Esther (Stéphanie Cléau) und Julien (Mathieu Almaric) beim Seitensprung. Foto: Arsenal Filmverleih

(Kinostart: 2.4.) Ein Mord, den heute keiner mehr beginge: Multitalent Mathieu Amalric verfilmt einen Krimi von Georges Simenon handwerklich solide in verschachtelten Rückblenden – doch das auslösende Motiv ist rettungslos veraltet.

„Es ist ein Unterschied, ob man das Leben lebt oder es zerpflückt.“ Das sagt Julien Gahyde (Mathieu Amalric) im Verhör dem Untersuchungsrichter, und er meint damit: „Ich konnte damals nicht wissen, was wir jetzt wissen, und machte darum Fehler.“ So erklärt Regisseur und Hauptdarsteller Mathieu Amalric sehr beiläufig, wie der Film aus der Überlagerung zweier Erlebnis-Schichten entstanden und folglich zu verstehen ist.

 

Info

 

Das blaue Zimmer

 

Regie: Mathieu Amalric,

76 Min., Frankreich 2014;

mit: Léa Drucker, Mathieu Amalric, Stéphanie Cléau

 

Weitere Informationen

 

Denn wer dieses Kammerspiel mit eingestreuten Rückblenden zum ersten Mal sieht, hat lange Zeit keine Ahnung, was den Mann eigentlich in Bedrängnis gebracht hat. Bei der Befragung setzt sich aus Juliens Antworten der Verlauf seiner Affäre mit einer geheimnisvollen Frau zusammen. Die ersten, durchsonnten Szenen im blauen Zimmer eines Kleinstadt-Hotels feiern Schönheit und Leidenschaft der Körper.

 

Küsse + Bisse, bis Blut tropft

 

Allerdings schon fast wie eine vage Erinnerung mit kleinen, unheildrohenden Akzenten: Sie beißt ihn so lustvoll, dass ihm das Blut aus der Unterlippe tropft. Sie fragt ihn, ob er nicht allein mit ihr leben will − was über das Hotel-Arrangement weit hinausginge. Und als Julien am Fenster beobachtet, wie sich ihr Ehemann auf der Straße dem Hotel nähert, lässt sie es darauf ankommen.


Offizieller Filmtrailer


 

Es begann mit einer Autopanne

 

Während sie sich weiter auf dem Bett räkelt und er überstürzt das Hotel verlässt, fragt man sich, ob Julien nicht auch vor der grenzenlosen Entschlossenheit seiner Geliebten davonläuft. Dabei sollte er sie eigentlich kennen; schließlich ging er mit Esther (Stéphanie Cléau) zur Schule.

 

Sie war größer als er, kam aus besserem Hause und machte ihm schon damals ein wenig Angst. Trotzdem hielt er vor rund zwei Jahren am Straßenrand an, als sie eine Autopanne hatte. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich über seine frühere Distanz und ihr darob verschwendetes Leben zu beklagen − und vernaschte ihn dann an Ort und Stelle.

 

Alles bleibt sehr lange unklar

 

So tief Julien diese Affäre aufwühlt, so unbewegt lässt ihn seine Ehe mit Delphine (Léa Drucker); die begnügt sich mit ihrer Rolle als Mutter der zehnjährigen Tochter in einem teuren, seelenlosen Haus. Er meidet sie, sie meidet ihn, und zwischendurch schauen sie sich lange und reglos an. Im Bett passiert natürlich nichts.

 

Was also ist geschehen? Was wurden Julien Handschellen angelegt? Wer ist tot? Der Ehemann, die Ehefrau, die Geliebte? Warum nennt ihn die Presse ein „Monstrum“ − und tut sie es mit Recht? Das bleibt sehr lange unklar; ebenso lange nimmt man den armen Verführten erst einmal vor den moralischen Vorwürfen der Polizisten in Schutz.

 

Mehr Einblicke beim Wiedersehen

 

Doch es gibt es noch eine zweite Erlebnis-Schicht; die des nachträglichen, unnachsichtigen Zerpflückens. Der Richter (Laurent Poitrenaux) ist weder übermäßig sympathisch noch scharf; er ist wahrscheinlich überhaupt nichts übermäßig. Aber er kennt das Ende der Geschichte, man muss ihm vertrauen, und sähe man sich den Film ein zweites Mal an, würde man auch seine fleißige Arbeit wertschätzen: Dann würde man mit ihm nicht nur vorwärts, sondern auch zurückblicken.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Venus im Pelz” – meisterhaftes Dialog-Duett von Roman Polanski nach Leopold Sacher-Masoch mit Mathieu Amalric

 

und hier einen Beitrag über den FilmIhr werdet Euch noch wundern” – Konversations-Drama unter Liebespaaren von Alain Resnais mit Mathieu Amalric

 

und hier einen Bericht über den Film “Tournéeschräg-schillernde New-Burlesque-Tragikomödie von + mit Mathieu Amalric.

 

Lohnt sich der doppelte Aufwand? „Das blaue Zimmer“ ist als analytisches Drama handwerklich gut gemacht: vom altmodischen, klaustrophobisch genutzten 4:3-Format über die melancholisch untermalende Musik und das Spiel mit dem ahnungslosen Zuschauer bis zur Farbsymbolik − rote Erotik, weiße Kälte, graue Verwaltung, und im Gerichtssaals kehrt der Farbton des blauen Zimmers wieder.

 

Letztlich nüchternes Fernsehspiel

 

Die Schauspieler agieren dicht und feinnervig; sie vermitteln Sehnsucht so gut wie Verschlossenheit und Verwirrung. Und der viel beschäftigte Amalric erinnert in seiner zunehmend entsetzten Hingabe sehr an den ohnmächtigen Dramatiker in „Venus im Pelz“ (2013) von Roman Polanski.

 

Aber der Vergleich mit dem femme fatale-Sog von Polanskis Film zeigt auch seine strukturelle Schwäche: „Das blaue Zimmer“ bleibt letztlich ein nüchternes Fernsehspiel. Es ist zu klein und alltäglich für die Leinwand – erst als Kriminalstück, später als Gerichtsdrama, das weder Leidenschaft und Verführung noch Humor vermittelt. Auch der Zuschauer bleibt am Ende wohltemperiert und unberührt, in kühler Anerkennung zurück.

 

Mord wegen Ehebruchs ist unnötig

 

Zudem hat der Film eine zweite strukturelle Schwäche: Er übernimmt gesellschaftliche Normen der literarischen Vorlage von Georges Simenon aus dem Jahr 1963 in die Gegenwart. Ehebruch wird heute indessen nicht mehr so sittenstreng verurteilt wie damals. Man muss ihn nicht mehr so schwer nehmen oder sich seiner pausenlos schämen; dafür muss niemand mehr eine Bluttat begehen.


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