Peter Krüger

N – Der Wahn der Vernunft

Melancholische Nachtclub-Sängerin in Abidjan. Foto: RealFiction

(Kinostart: 26.3.) Falsches Bewusstsein, erlesen bebildert: Das Leben eines Amateur-Enzyklopädisten im kolonialen Afrika nutzt Regisseur Krüger als Aufhänger für raunendes Räsonnieren über den Culture Clash von Rationalität und magischem Denken.

Raymond Borremans (1906-1988) war ein französischer Abenteurer, der 1929 nach Westafrika auswanderte, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Anfangs schlug er sich als Ein-Mann-Orchester zur Unterhaltung europäischer Siedler durch. Dann betrieb er ein mobiles Kino und trug die Faszination bewegter Bilder in die entlegensten Landstriche.

 

Info

 

N – Der Wahn der Vernunft

 

Regie: Peter Krüger,

102 Min., Belgien/ Niederlande 2014;

mit: Hamadoun Kassogué, Wendyam Sawadogo, Vieux Farka Touré

 

Weitere Informationen

 

Auf seinen Reisen verfiel Borremans auf die Idee einer Enzyklopädie über Französisch-Westafrika: Sie sollte das gesamte Wissen über die riesige Region zusammentragen. Ein vermessenes Projekt, das scheitern musste: Als er in Abidjan starb, hatte er erst den Buchstaben N erreicht. Im Druck erschienen sind nur vier Bände über die Elfenbeinküste. Was keine Schande ist: Die Brüder Grimm kamen mit ihrem „Deutschen Wörterbuch“ zu Lebzeiten auch nur bis zum Buchstaben F. Das Mammut-Werk wurde erst nach 123 Jahren 1961 fertig; das nur nebenbei.

 

Dialog von Geist + Seherin

 

Das eher entlegene Spezialwissen über Borremans setzt der belgische Filmmacher Peter Krüger als bekannt voraus. Er hat kein biopic gedreht, sondern benutzt die Vita des Einzelgängers als Aufhänger für einen so ambitionierten wie eigenwilligen Essay-Film. Dazu verpflichtete er den renommierten nigerianischen Schriftsteller Ben Okri, der für sein Hauptwerk „Die hungrige Straße“ 1991 den Booker Prize erhielt. Okri schrieb dem Geist von Borremans einen fiktiven Dialog mit einer namenlosen Geisterseherin auf dem Astralleib.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

Allerlei Aspekte der conditio africana

 

Eine Variante des magischen Realismus, die gut zu Afrika passt: Hier sind die Geister der Verstorbenen jederzeit anwesend und greifen tatkräftig in den Alltag der Menschen ein. Quasi als enge Verwandte der Lichtgestalten auf der Leinwand im Kino, das auf seine Weise auch ein Geisterreich ist – und ebenso die Vorstellungen, Träume und Sehnsüchte des Publikums beeinflusst.

 

Okris raunendes Räsonnieren über allerlei Aspekte der conditio africana auf der Tonspur illustriert der Film mit erlesenen Bildern. Die meisten wurden in Borremans letzter Heimat Elfenbeinküste gedreht, ohne dies deutlich zu machen. Zuvor sind Aufnahmen seiner früheren Stationen in Westafrika zu sehen, etwa in Senegal und Mali; auch das bleibt unbestimmt.

 

Alles Konkrete verweist ins Allgemeine

 

Denn Regisseur Krüger ist nicht an Rückschau auf die Kolonial-Epoche oder Einblicken in afrikanische Lebenswelten gelegen, sondern an einer Parabel über den culture clash zwischen westlicher Rationalität und magischem Denken auf dem schwarzen Kontinent. Daher stehen alle Film-Elemente gleichnishaft für vage Allgemeinheiten.

 

So muss der verwaiste Bahnhof der malischen Hauptstadt Bamako als Symbol für Afrikas verrottete Infrastruktur aus der Kolonialzeit herhalten. Die Bewohner eines Flüchtlings-Lagers treten nicht als Leidtragende eines konkreten Konflikts auf, dessen Auslöser und Akteure zu benennen wären, sondern als ewige Opfer der endemischen Gewalt auf dem Kontinent.

 

Geschichtsklitterung im zeitlosen Duktus

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Das Mädchen Hirut – Difret“ – grandioses Zwangsheirats-Drama aus Äthiopien von Zeresenay Berhane Mehari

 

und hier einen Bericht über den Film “Song from the Forest” Porträt eines Pygmäen-Ethnologen von Michael Obert

 

und hier einen Beitrag über den Film „Concerning Violence − Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defence“ – Nostalgie-Doku über Afrika-Antikolonialismus der 1960/70er Jahre von Göran Hugo Olsson

 

Selbst die dem Petersdom in Rom nachempfundene Kathedrale von Yamassoukrou, mit der Präsident Felix Houphouet-Boigny der Elfenbeinküste ein so groteskes wie kostspieliges Vermächtnis seiner Herrschaft bescherte, taucht nur als namenloses Mahnmal für den Größenwahn afrikanischer Potentaten auf. Warum sie zu solchem Irrwitz neigen und ihn ihren Untertanen aufzwingen können, beschäftigt weder Krüger noch Okri.

 

Stattdessen schwelgen beide in einer malerischen Elegie von Chaos und Verfall, von hochgespannten Erwartungen und enttäuschten Hoffnungen. Ihr zeitloser Duktus suggeriert, in Afrika habe sich während der letzten drei Jahrzehnten substantiell kaum etwas verändert. Das ist nicht nur bedenkliche Geschichtsklitterung im Elfenbeinturm, sondern schlicht falsch.

 

Projektionsfläche von Illusionen

 

So dürfte „N – Der Wahn der Vernunft“ auf verschiedene Zielgruppen ganz unterschiedlich wirken. Afrika-Kenner können sich am Bilderbogen selten gezeigter Orte erfreuen und dem Ratespiel frönen, ob sie diese wiedererkennen. Drittwelt-Romantiker werden ihr Vorurteil bestätigt finden, dass abendländische Logik an Afrikas widersprüchlicher Vitalität zerschellen muss.

 

Doch der Kontinent hat Besseres verdient, als eine Projektionsfläche für Gutmenschen-Illusionen abzugeben, und seien sie noch so makellos bebildert: Afrika leidet nicht an zuviel postkolonialer, sondern an zuwenig Rationalität. Borremans Vorhaben mag abwegig gewesen sein, sein cartesianisch nüchterner und systematisch klassifizierender Habitus war es nicht. Mit magischem Denken lassen sich weder Armut noch Unterentwicklung beseitigen.


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