Berlin

Robert Polidori

221 CALLE CUBA, HAVANA VIEJA, CUBA 1997, © ROBERT POLIDORI, Fotoquelle: Galerie Camera Work, Berlin

Chronist des malerischen Verfalls: Mit Bilderserien über Ruinen in Havanna oder Tschernobyl begeistert der kanadische Fotograf eine große Fangemeinde. Nun zeigt die Galerie Camera Work Aufnahmen aus Versailles – etwas zahm und auf die Dauer stereotyp.

Robert Polidori ist bekannt als Meisterfotograf des anmutigen Verfalls. Er führt durch Überbleibsel kolonialer Bauten, zeigt die Streifen auf Wänden, nachdem Bilderrahmen abgenommen wurden, und lässt in malerischem Licht die Sperrzone von Pripjat bei Tschernobyl verlassen und verwüstet erstrahlen.

 

Info

 

Robert Polidori

 

21.02.2015 – 18.04.2015

dienstags bis samstags

11 bis 18 Uhr

in der Galerie Camera Work, Kantstr. 149, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Nun zeigt die Galerie Camera Work Polidoris Bilder aus Versailles. Die 30 bislang nicht ausgestellten Aufnahmen begleiten Umbau und Sanierung des Schlosses von den 1980er Jahren bis 2013. Sie sind so makellos schön, wie man es vom kanadischen Fotografen gewohnt ist, doch sie bleiben zahm und wiederholen sich.

 

Delikat komponierte Stillleben

 

Kontraste zwischen Alt und Neu sind ein immer wiederkehrendes Thema von Polidoris Bildern. Gern taucht er seine Motive in warmes Licht, das alte, heruntergekommene und menschenleere Räume in seltsam nostalgischem Glanz erscheinen lässt. Schuttberge in der Todeszone von Tschernobyl nach dem Super-GAU werden ebenso zu delikat komponierten Stillleben wie abbröckelnde Fassaden-Ornamente in der Altstadt von La Havanna auf Kuba.


Impressionen der Ausstellung


 

Blasses Mintgrün in Havanna, Tschernobyl + Versailles

 

Diese beiden Fotoserien wurden 2006 in einer großartigen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt. Dass nur Zeugnisse des Verfalls zu sehen waren, fiel nicht so sehr ins Gewicht: Polidori findet die Schönheit von Niedergang und Zerstörung in allen Variationen posttraumatischer Rückstände.

 

Seine Motive ähneln sich derart, dass sie auch die gleichen Farben aufweisen. Das blasse Mintgrün, das im alten Havanna von den Wänden blättert, findet sich wieder im verstreuten Mobiliar in der ukrainischen Geisterstadt Pripjat – und ebenfalls in den Prunksälen von Versailles. Virtuos bringt Polidori die Farbnuancen der verblichenen Tapeten auf den Schlosswänden zur Geltung.

 

Schlachtenbilder verlieren Aura

 

Daran lehnen großformatige Historiengemälde, die zuvor die Wände schmückten. Sie sind typische Beispiele französischer Hof- und Salonkunst: handwerklich perfekt, wirken sie jedoch in dieser Umgebung glatt und künstlich. Ihre Figurenzeichnung erscheint allzu scharf vor der Poesie der abgenutzten Wirklichkeit. So verlieren die monumentalen Schlachtenbilder ihre Aura der Machtdemonstration.

 

Dagegen tritt hervor, was Restauratoren für ihre Arbeit in Versailles so benötigen. Vor einer dunkelroten Tapete liegen eine Plastikumhüllung und ein staubiges Kabel, das sich in einem Sonnenfleck ringelt. Marmorstatuen stapeln sich in den Ecken, das Profil einer griechischen Göttin scheint aus dem Fenster zu blicken. Geöffnete Türen geben den Blick auf eine Saalflucht frei. Rote Teppiche sind zusammengerollt, ein tragbares Radio steht am Fenster.

 

Kein Poet der Brüche, sondern Restaurator

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Filmtheater – Kinofotografien von Yves Marchand + Romain Meffre“ – in Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Nadav Kander & Robert Polidori“ – in der Galerie Camera Work, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Ein Leben für die Architektur” – Werkschau des Fotografen Julius Shulman im Architekturmuseum Schwaben, Augsburg

 

Damit ist alles beisammen, womit Polidori seine Fans begeistert. Doch seine Blicke auf Verfall und Brüche der Geschichte ähneln einander: Da ist kein Raum für die Stille nach der Explosion oder die Geister der Vergangenheit. Auf dem berühmten offiziellen Ganzkörper-Porträt des Sonnenkönigs Louis XIV. wirken die roten Absätze seiner Schuhe oder das Blau seines Hermelinmantels mit goldenen Bourbonen-Lilien wie geläufige Zeichen, die im goldenen Rahmen bleiben. Bei solchen Bildern ist Polidori kein Poet der tragischen Risse, sondern ein Restaurator.

 

Der Unterschied wird deutlich bei den wenigen Bildern, die nicht aus Versailles stammen: eine Autowerkstatt in La Havanna, die „Darbanga Ghat“-Treppenanlagen für rituelle Waschungen am Ganges-Ufer im indischen Varanasi (Benares), oder ein leerer Ballsaal im ehemaligen Gouverneurs-Palast von Chandor in Goa an der indischen Westküste.

 

Blassblau statt blassgrün

 

In diesem Ballsaal dominiert Blau, das charakteristische Polidori-Grün bleibt im Hintergrund. Blaue Polstersessel sind an blassblauen Wände aufgereiht und verdoppeln sich in einem zerkratzten Spiegel. Ein schwarzblaues Klavier mit abgeschlagenen Kanten schiebt sich seitlich ins Bild, während die Verandatür offensteht und ins tropische Draußen verweist. Am Zauber dieses Bildes kann man nicht vorbeigehen, doch es ist das einzige – für eine Polidori-Ausstellung zu wenig.


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