Ben Becker

Von jetzt an kein Zurück

Martin (Anton Spieker) und Ruby (Victoria Schulz) wollen auf der Vespa nach Berlin flüchten. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 12.3.) Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren: Bis etwa 1970 ging es in BRD-Jugendheimen zu wie in NS-Lagerhaft. An diesen Skandal erinnert Regisseur Christian Frosch nüchtern, aber schonungslos: ein aufwühlender Sozial-Schocker.

Autoritäre Eltern und eine Staatsgewalt, die alles wegsperrt, was nicht der Norm entspricht: Das assoziiert man normalerweise mit totalitären Regimes − und vergisst, dass es in der Bundesrepublik bis Anfang der 1970er Jahre vielerorts nicht viel besser aussah. Es waren auch diese Zustände, die Studenten Ende der 1960er Jahre auf die Straßen trieben.

 

Info

 

Von jetzt an kein Zurück

 

Regie: Christian Frosch,

108 Min., Deutschland/ Österreich 2014;

mit: Victoria Schulz, Anton Spieker, Ben Becker

 

Website zum Film

 

Regisseur Christian Frosch hat sich einer solchen Geschichte angenommen, doch sie hat im Gegensatz zu etlichen Filmen über diese Epoche nicht direkt mit den Protagonisten des RAF-Terrors zu tun. „Von jetzt an kein Zurück“ erzählt von gewöhnlichen Jugendlichen in der westdeutschen Provinz im symbolträchtigen Jahr 1968.

 

Nebenjob ja, Freund nein

 

Der 17-jährige Martin (Anton Spieker) will Schriftsteller werden und stellt alles infrage. Sein Schwarm Ruby (Victoria Schulz) geht in seine Klasse und lebt für die Musik. Sie hat eine schöne Stimme und jobbt nach der Schule in einem Plattenladen. Was ihr streng katholischer Vater (großartig: Ben Becker) gerade noch duldet − aber keine Beziehung zu einem Jungen, geschweige denn diesem haltlosen Träumer.


Offizieller Filmtrailer


 

Bei den barmherzigen Schwestern

 

Martin und Ruby treffen sich heimlich und schmieden große Pläne; das bleibt nicht unentdeckt. Als letzter Ausweg erscheint ihnen, nach Westberlin abzuhauen, wo die Studenten-Revolte tobt. Doch ihre Flucht endet jäh weit vom Ziel entfernt im Landstraßen-Graben.

 

Martin wird in das protestantische Erziehungsheim „Freistatt“ gesteckt. Ruby kommt ins katholische Mädchenheim „Bei den barmherzigen Schwestern“, das Mitleid nur im Namen trägt. Beide müssen sich nun allein in einer feindlichen Umwelt behaupten, in der alles darauf angelegt ist, ihren Charakter zu brechen.

 

Zu radikal für Förder-Gremien

 

Neun Jahre später sehen sie sich wieder: Ruby ist eine leidlich erfolgreiche Schnulzensängerin geworden, die innere Leere mit Alkohol und Tabletten dämpft. Martin war in eine militante Gruppe abgetaucht und im Knast gelandet. Ihre Liebe hat zwar überdauert, aber sie können sie abermals nur im Verborgenen leben. Und beide sind nicht mehr die arglosen Teenager von einst.

 

Unprätentiös und ohne Effekthascherei blättert der Film ein dunkles Kapitel bundesdeutscher Geschichte auf, das erst in jüngster Zeit etwas Aufmerksamkeit erhält. Dafür hat Regisseur Christian Frosch lange recherchiert; auch die Realisierung war zeitraubend. Einschlägigen Fernseh- und Filmförder-Gremien war dieser Stoff zu heikel und die Darstellung zu radikal.

 

Vater prüft Jungfräulichkeit der Tochter

 

Frosch hat größtenteils mit Handkamera in Schwarzweiß gefilmt; farbig sind nur die Episoden, die Ruby 1977 als Schlagersängerin zeigen. Das erinnert in den besten Momenten an Klassiker der nouvelle vague und New Hollywood; etwa, wenn Ruby und Martin mit einem Schulfreund nach Fliegenpilz-Genuss im Rausch freie Liebe ausprobieren.

 

Kleine Fluchten aus der Enge ihrer katholischen Kleinstadt, die Frosch in nüchternen Bildern schonungslos beschreibt: Der erzkonservative Vater besteht darauf, sich selbst von Rubys intakter Jungfräulichkeit zu überzeugen, da er seiner Frau nicht vertraut. Sie schiebt willentlich ihr Kind ins Schwesternheim ab; vielleicht, weil sie sich nicht anders zu helfen weiß, oder aus Eifersucht auf deren rebellisches Naturell.

 

Oralsex als Schutzgeld-Ersatz

 

Martins Vater (Thorsten Merten) ist dagegen in russischer Kriegsgefangenschaft zum invaliden Säufer und Drogensüchtigen geworden. Damit ist er erpressbar und kann nicht verhindern, dass die Behörden seinen Sohn ins Jugendheim einliefern; es gleicht einem Zwangsarbeits-Lager.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Die wilde Zeit – Après Mai” – brillante Kollektiv-Biographie der französischen Jugend in den frühen 1970er Jahren von Olivier Assayas

 

und hier einen Bericht über den Film “Das Wochenende” – subtiles Kammerspiel über ein Ex-RAF-Mitglied heute von Nina Grosse

 

und hier einen Beitrag über den Film Der Verdingbub über bäuerliche Kinder-Sklaven bis etwa 1950 in der Schweiz von Markus Imboden.

 

Dort herrscht ein Klima aus Angst und Verleugnung, Kadavergehorsam und Heuchelei: Selten hat ein Film derartige, an NS-Lagerhaft erinnernde Erziehungs-Praktiken so drastisch dargestellt. Da zwingt etwa ein Mitinsasse einen Freund von Martin zum Oralsex als Form der Schutzgeld-Erpressung.

 

Erziehung mit Essen von Erbrochenem

 

Im Mädchenheim geht es kaum humaner zu: Sadistische Nonnen nutzen jede Gelegenheit, um ihre Schützlinge zu demütigen. Als Ruby den ihr vorgesetzten Fraß nicht essen mag, zwingt man sie, ihn mitsamt ihrem Erbrochenen hinunterzuschlingen. Später kann sie mit ihrer schönen Stimme die Betschwestern etwas milder stimmen. Martin überlebt den Jugendknast dagegen nur mit Härte; danach sagt er dem Gesellschafts-System den Kampf an.

 

Atmosphärisch dicht und beeindruckend gefilmt, bewegen sich hervorragende Jungschauspieler durch eine abgeschlossene Welt, die längst verschwunden scheint, aber bis heute nachwirkt: Die Heim-Leidensgenossen von Martin und Ruby werden nun pensioniert. Was sie erdulden mussten, war einer der Auslöser für die extreme Radikalität, mit der ein Teil der 68er-Bewegung gegen die alten Strukturen anging.

 

Meinhof schreibt Fernsehspiel

 

So schrieb eine gewisse Ulrike Meinhof das Drehbuch für das SWR-Fernsehspiel „Bambule“ über den Aufstand in einem Mädchenheim, das am 24. Mai 1970 in der ARD ausgestrahlt werden sollte. Da Meinhof am 14. Mai an der Befreiung von Andreas Baader beteiligt war und mit ihm in den Untergrund ging, wurde die Sendung schleunigst abgesetzt − und erst 24 Jahre später nachgeholt.


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