Oliver Hirschbiegel

Elser

Georg Elser (Christian Friedel, r.) wird von Nebe (Burghart Klaußner, M.) und Müller (Johann von Bülow, l.) ,verschärft verhört'. Foto: Copyright Lucky Bird Pictures, Fotoquelle: NFP

(Kinostart: 9.4.) Der kaum bekannte Hitler-Attentäter: Georg Elser baute im Alleingang eine Bombe, die den Diktator beinahe beseitigt hätte. Regisseur Oliver Hirschbiegel rekonstruiert die Tat-Folgen, ohne seinem Protagonisten wirklich nahe zu kommen.

 Geplante Attentate auf Adolf Hitler gab es viele, aber nur zwei Mal explodierte tatsächlich eine Bombe. Fast jeder kennt Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die „Operation Walküre“, die im Jahre 2008 unter diesem Titel mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt wurde.

 

Info

 

Elser

 

Regie: Oliver Hirschbiegel,

110 Min., Deutschland 2015;

mit: Christian Friedel, Johann von Bülow, Katharina Schüttler

 

Website zum Film

 

Weniger bekannt ist hingegen das Attentat, das der Schreiner Georg Elser im Alleingang geplant und durchgeführt hat. Am 8. November 1939 explodierte eine von ihm gebaute Bombe unmittelbar hinter dem Rednerpult bei einer großen Veranstaltung der NSDAP im Münchner Bürgerbräukeller.

 

Anschlag an Nebel gescheitert

 

Die Bombe zündete exakt zum von Elser geplanten Zeitpunkt. Doch weil Hitlers Rückflug nach Berlin aufgrund von Nebel ausfiel und er stattdessen einen Sonderzug nahm, verkürzte der Diktator seine Rede und verließ zusammen mit vielen Mitgliedern der NS-Führungsriege das Gebäude 13 Minuten früher als geplant. Bei der Explosion starben acht Menschen, aber kein hochrangiger Nazi.


Offizieller Filmtrailer


 

Filmstart nach dem Attentat

 

„13 Minutes“ lautet deshalb der internationale Verleihtitel von Oliver Hirschbiegels neuem Film „Elser“. Der Film erntete bei seiner Premiere auf der diesjährigen Berlinale ein verhaltenes Kritikerecho. Doch trotz mancher Schwächen weist „Elser“ auch eindeutige Stärken auf.

 

Der Film bietet einen ungewöhnlichen Zugriff auf den historischen Stoff: Anstatt wie etwa bei „Operation Walküre“ ausführlich die Vorgeschichte des Attentats zu schildern, das schließlich scheitert, beginnt „Elser“ unmittelbar nach dem Attentat.

 

Keiner glaubt dem Einzeltäter

 

Noch vor Zündung der Bombe wird Georg Elser beim Fluchtversuch an der Schweizer Grenze wegen auffälligen Verhaltens festgenommen. Man bringt ihn nach Berlin, wo er von Reichskriminaldirektor Arthur Nebe (Burghart Klaußner) und Gestapo-Chef Heinrich Müller (Johann von Bülow) brutal verhört wird.

 

Dabei besteht von Anfang an kein Zweifel an seiner Täterschaft. Hitler will jedoch um jeden Preis wissen, wer die Hintermänner des Attentats sind. Nur Nebe ist geneigt, dem Schreiner zu glauben, dass er tatsächlich auf eigene Faust gehandelt hat. Müller will hingegen um jeden Preis ein umfassendes Geständnis aus Elser herauszupressen.

 

Rückblenden auf die Schwäbische Alp

 

Zwischen sehr drastischen Verhör- und Folterszenen sind immer wieder Rückblenden in Elsers Vergangenheit zu sehen. Diese beginnen mit idyllischen Szenen am Bodensee und mit der Schilderung eines unbeschwerten Lebens in dem verschlafenen Örtchen Königsbronn auf der Schwäbischen Alp.

 

Elser war vor 1933 Mitglied im „Roten Frontkämpferbund“, der Kampforganisation der KPD. Als der Einfluss der NSDAP auch im bis dahin beschaulichen Königsbronn zunimmt, empört das den freiheitsliebenden Schreinergesellen. Seine Arbeit in einer örtlichen Waffenfabrik ermöglicht Elser später die Beschaffung von Zündern.

 

Notwendiges Pflichtprogramm

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Oliver Hirschbiegel über seinen Film „Elser“

 

und  hier eine Besprechung des Films „Der blinde Fleck“ über das Oktoberfest-Attentat 1980 von Daniel Harrich

 

und hier einen Bericht über den Film Kriegerin – beeindruckender Einblick in die Neonazi-Szene von David Wnendt

 

und hier einen Beitrag über den Film Diplomatie – virtuoses Kammerspiel über die Rettung von Paris im Zweiten Weltkrieg von Volker Schlöndorff.

 

Ansonsten erfährt man noch, dass Elser ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hatte, die mit Vornamen ebenfalls Elsa (Katharina Schüttler) hieß. Doch Regisseur Hirschbiegel gelingt es an keiner Stelle, das Gefühl zu vermitteln, dem Leben des Protagonisten wirklich nahe zu kommen und seinen Weg bis zum Bau einer funktionsfähigen Bombe tiefer zu verstehen. Die Passagen zu Elsers Vergangenheit wirken, als werde hier widerwillig ein notwendiges Pflichtprogramm abgehakt.

 

Umso präziser und intensiver sind hingegen die Verhör-Szenen nach dem Attentat. Wie bereits in seinem ebenfalls umstrittenen NS-Film „Der Untergang“ (2004) gelingt es dem Regisseur in „Elser“ hervorragend die beklemmende Atmosphäre einer geradezu klaustrophobischen Enge herzustellen. Diese verbindet sich mit einem perfiden Katz-und-Maus-Spiel mit nur drei Hauptakteuren.

 

Am Ende hängt Nebe

 

Elser ist ein unbeugsamer Idealist; sein Gegenspieler der sadistische Hardliner Müller, während die Rolle von Nebe ambivalent bleibt. Müller will ein Geständnis, Nebel will die Wahrheit. Die Situation eskaliert immer mehr zu reinem Terror, bei dem es nur noch darum geht, Elser zu brechen. Die Folterszenen sind ausgesprochen hart – und müssen es in diesem Fall auch sein, um den unmenschlichen Druck der Situation in Bilder zu übersetzen. Am Ende ist eine Erhängung in Echtzeit zu sehen. Der Erhängte ist nicht Elser, sondern Nebe.

 


Diesen Artikel drucken