Rosa von Praunheim

Härte

Andy (Hanno Koffler) beim Karate-Training. Foto: missingfilms
(Kinostart: 23.4.) Hau drauf und Schluss: Schwulen-Ikone Rosa von Praunheim porträtiert einen gefürchteten Ex-Zuhälter und Karate-Weltmeister, der im Knast seine Kindheit aufarbeitete – er wurde als Junge von seiner Mutter jahrelang sexuell missbraucht.

Rosa von Praunheim war einmal ein Bürgerschreck: Mit seinem Frühwerk wurde er in den 1970er Jahren zum Wegbereiter der Schwulenbewegung. Den Wirbel um seine Filme kann man sich heute kaum noch vorstellen. Doch den Sinn für Extremes und Kontroverses hat er keineswegs verloren.

 

Info

 

Härte

 

Regie: Rosa von Praunheim,

89 Min., Deutschland 2015;

mit: Hanno Koffler, Luise Heyer, Katy Karrenbauer

 

Weitere Informationen

 

Nachdem Praunheim in mehreren Filmen seine verschlungene Familiengeschichte aufgearbeitet hat, erzählt er nun vom außergewöhnlichen Leben des Andreas Marquardt einem Ex-Luden, Knacki und Karate-Weltmeister. Seine Autobiographie „Härte“ liegt diesem halbdokumentarischen Film zugrunde.

 

25 Jahre lang fast ungeschlagen

 

Bereits die ersten Bilder machen klar: Wer sich mit diesem Mann anlegt, darf sich über Schmerzen nicht wundern. Trotz vorgerückten Alters hat Marquardt, Jahrgang 1956, etwas unberechenbar Gefährliches an sich. Als Karate-Kampfsportler war er 25 Jahre lang nahezu ungeschlagen. Respekt zollte man ihm aber vor allem als einem der brutalsten Zuhälter in Westberlin bis zu seiner Verhaftung Mitte der 1990er Jahre.


Offizieller Filmtrailer


 

Schnelle Autos + leichte Mädchen

 

Im Gefängnis machte er eine Therapie; sie förderte Schreckliches zutage. Marquardt wurde schon als Kleinkind von seinem Vater sadistisch gequält und später von seiner Mutter jahrelang sexuell missbraucht. Dass es ihm an Urvertrauen und Empathie mangelte, ist verständlich. Früh begann er mit Karate-Training, was ihn sicher und wehrhaft machte; zarte Gefühle ließ er nicht mehr zu.

 

Marquardt schlug eine kriminelle Halbwelt-Karriere und war sehr erfolgreich. Er genoss das wilde Leben mit schnellen Autos, vielen Mädchen und allem anderen, was dazu gehört. Dennoch betrachtet er rückblickend seine Verhaftung und acht Jahre im Gefängnis als seine Rettung. Gemeinsam mit seinem Therapeuten Jürgen Lemke schrieb er dort seine Biografie. Sie löste bei ihrer Veröffentlichung 2007 heftige Diskussionen aus, rührte sie doch an ein Tabu: den Missbrauch von Jungen.

 

Wandlung vom Saulus zum Paulus

 

Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, steuerte Marquardt um. Er baute sein Neuköllner Fitnessstudio aus; dort bietet er Selbstverteidigungs-Kurse für Jugendliche aus sozial problematischen Milieus an. Zudem tourt er als eine Art Experte für Jugendgewalt durchs Land. Seine Geschichte ist die klassische Wandlung vom Saulus zum Paulus und könnte gefällig erzählt werden. Aber kaum durch Rosa von Praunheim: Der Film macht seinem Titel alle Ehre.

 

Er zeichnet hart und schonungslos wie sein Protagonist dessen schillerndes Leben nach; in farbigen Interview-Sequenzen führt er quasi durch den Film. Sie werden von nachgespielten Szenen in Schwarzweiß ergänzt, die einschneidende Stationen in Marquardts Leben zeigen: etwa die beengte Wohnung im Arbeiterviertel Neukölln, wo er mit Mutter und den Großeltern lebte; intime Situationen mit der Mutter, oder Einblicke ins Rotlicht-Milieu der 1970/80er Jahre.

 

Verquere, aber große Liebe

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Von jetzt an kein Zurück" - packendes Sozialdrama über Erziehungsheime in den 1960er Jahren von Christian Frosch

 

und hier einen Bericht über den Film "Als wir träumten" - furioses Porträt einer Jugendclique im Nachwende-Leipzig von Andreas Dresen

 

und hier einen Beitrag über den Film “Die unerschütterliche Liebe der Suzanne” – ergreifendes Melodram über eine Drogendealer-Geliebte von Katell Quillévéré.

 

Regisseur Praunheim verzichtet bewusst auf aufwändige Ausstattung. Die Schauspieler agieren zwischen wenigen Requisiten vor einer Wand mit Rückprojektionen. Nur die Außenszenen wurden auch außerhalb des Studios gedreht. Dennoch oder eher wegen dieser Beschränkung aufs Wesentliche prägt intensive atmosphärische Dichte die Spielszenen, die Marquardts raue, verlebte Stimme kommentiert.

 

Zudem hat Praunheim wunderbare Darsteller gefunden. Katy Karrenbauer als Mutter zeigt großen Mut zur unsympathischen Hässlichkeit mit vollem, auch nacktem, Körpereinsatz. Hanno Koffler als junger Andreas überzeugt ebenso wie Luise Hayer als seine Dauerfreundin Marion: Der Film erzählt auch ihre Geschichte und die einer zunächst verqueren, aber großen Liebe, die bis heute andauert.

 

Freundin auf dem Strich

 

Andreas schickte Marion bereits als Teenager auf den Strich, ohne zu ahnen, dass ihre Kindheits-Schicksale einander sehr ähnlich waren. Sie hielt ihm immer die Treue; offenbar weil sie in ihm mehr sah als einen unberechenbaren Schläger – und sollte Recht behalten.

 

Zu Beginn ist Marquardt im Sportstudio zu sehen: Er begrüßt harte Jungs, die dort trainieren. Dann erklärt er einer großen Kindergruppe die Grundbegriffe des Karate; dabei schreit er und feuert sie an. Das macht den Mädchen und Jungen sichtlich Spaß: Er ist nun der starke Onkel, den er selber in seiner Kindheit gebraucht hätte. Dass eine kriminelle Karriere hinter ihm liegt, stört die Mutter eines der trainierenden Kinder nicht: Jeder habe mehrere Chancen im Leben verdient, sagt sie.


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