Wim Wenders

In 3D sind Menschen fast wie nackt

Wim Wenders. Foto: Warner Bros. Pictures
Alles wird gut: Der neue Film von Wim Wenders, „Every Thing Will Be Fine“, handelt von Traumatisierung und Heilung. Das könne jede beliebige Geschichte leisten, sagt der Regisseur im Interview: In 3D lasse sich das wie unter einer Lupe beobachten.

Sie bezeichnen „Every Thing Will Be Fine“ als einen Film über Heilung. Wie meinen Sie das?

 

Wenn ein tragisches Ereignis ins eigene Leben tritt, stellt sich die Frage, ob es den Rest des Lebens dominieren wird. Ob man dafür ewig leiden will, oder ob man in der Lage bist, es zu überwinden. Ist es eine Frage der Zeit? Liegt es an einem selbst oder leiten Andere den Prozess der Heilung ein? Wir schauen hier auf jemanden, der sich auf die Zeit verlässt und Andere, die mit ihm in Kontakt treten, nicht an sich heranlässt. Doch er muss sich der Wahrheit stellen; er braucht die Hilfe des jungen Mannes, um zu erkennen, dass man Heilung nur gemeinsam erfahren kann.

 

Der von James Franco gespielte Tomas schreibt fiktionale Geschichten. Ist das nicht eine Art Therapie?

 

Info

 

Every Thing Will Be Fine (3D)

 

Regie: Wim Wenders,

Min., Deutschland 2015;

mit: James Franco, Charlotte Gainsbourg, Marie-Josée Croze

 

Fiktion ist immer Therapie; selbst wenn man Kindern abends selbst erdachte Geschichten erzählt. Jede Geschichte, die erfunden und erzählt wird, wirkt wie Therapie, weil damit Sinn geschaffen wird. Sinn und Bedeutung dienen wiederum der Heilung. Tomas ist aber damit noch nicht fähig, andere Leute in sein Leben zu lassen. Letztlich sind reale Menschen wichtiger als erfundene – das muss er lernen.

 

Zwei Kameras blicken in Tiefe

 

Warum war ihnen wichtig, den Film in 3D zu drehen – obwohl es kein klassischer 3D-Stoff ist, wenn man an Comic-Verfilmungen und Action-Szenarien denkt?

 

In 2D wäre daraus ein ganz anderer Film geworden; mit anderem Stil und anderen Dialogen. 3D ist wie ein Lupe, mit der die agierenden Menschen auf sehr intensive Weise betrachtet werden können – fast so, als wären sie nackt, oder als könnte man durch sie hindurchblicken. Bei 3D arbeitet man mit zwei Kameras und kann damit sehr in die Tiefe schauen.


Offizieller Filmtrailer


 

Skript an Privatadresse geschickt

 

Was hat Sie persönlich daran gereizt, diese Geschichte erzählen zu wollen?

 

Alles fing damit an, dass mir das Drehbuch an meine Privatadresse geschickt wurde, worüber ich mich sehr wunderte. Ich bekomme viele Drehbücher zugeschickt; jedoch in mein Büro, wo die meisten von meinen Assistenten und mir gelesen werden. Als ich es zu lesen anfing, fiel mir ein, woher der Autor meine Privatadresse hatte. Ich hatte ihm einmal einen Preis beim Sundance Festival überreicht und gab ihm meine Adresse für den Fall, dass er mir ein neues Drehbuch zuschicken wolle.

 

Er nahm mich beim Wort; sein Drehbuch war sehr gut mit einer interessanten Struktur und großartigen Figuren. Meine Frau wunderte sich, warum ich es an diesem Abend in einem Zug durchlas. Am nächsten Tag gab ich es meinem Produzenten; mir erschien es als das richtige Skript für einen 3D-Film.

 

Mit James Franco in die Schule

 

Warum haben Sie die Rolle des Tomas mit James Franco besetzt?

 

Mir war klar, dass ich die weiteren Rollen des Films nicht eher besetzen konnte, bis ich Tomas gefunden hatte. Ich suchte sehr lange nach ihm: eines Tages traf ich James Franco. Er hatte das Drehbuch gelesen und war interessiert, wollte mich aber vorher treffen. Er hatte nur 15 Minuten in einem coffee shop für mich, wo wir kurz miteinander sprachen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Every Thing Will Be Fine " von Wim Wenders

 

und hier einen Bericht über die Dokumentation “Das Salz der Erde” – fabelhaftes Doku-Porträt über Sebastião Salgado von Wim Wenders

 

und hier einen Bericht über den Film “We need to talk about Kevin” – beklemmendes Mutter-Kind-Drama von Lynne Ramsay mit Tilda Swinton, Europäischer Filmpreis 2011

 

Eingangs entschuldigte er sich: Er müsse schnell wieder zurück in seine Klasse, denn er lehrte an einer Filmschule. Ich bot ihm an, ihn zu begleiten, was ihn sehr freute; plötzlich unterrichteten wir gemeinsam. Da begriff ich, dass er genau der richtige Mann für mich ist, weil er selbst Texte schreibt und im Film nicht nur so tun müsse, als ob. Und er ist ein minimalistischer Schauspieler, was für 3D sehr geeignet ist, weil jede große Geste noch viel größer wirkt.

 

Dreh beim Todeskampf

 

Wie gehen Sie persönlich mit dem Verlust eines Menschen um?

 

Damit war ich konfrontiert, als ich mit Nicholas Ray den Dokumentarfilm „Nick’s Film - Lightning Over Water“ drehte. Als Crew wurden wir quasi Zeuge seines Todeskampfs; ich hätte nicht gern meine Hände gezeigt, weil sie ständig zitterten. Ich wäre bereit gewesen, den Dreh sofort zu stoppen, weil ich mich fragte, ob ich überhaupt das Recht dazu habe. Aber Ray selbst wollte es, und seine Ärzte baten mich, weiterzumachen; es wäre das einzige, was ihn noch am Leben erhalte.

 

Bin nun ein Teil davon

 

Sie werden am 14. August 70 Jahre alt und erhalten viele Ehrungen. Wie fühlt sich das an?

 

Er ist toll, den Ehrenpreis der Berlinale zu bekommen. Denn ich lebe in Berlin; es ist meine Heimatstadt, und die Berlinale kenne ich seit den 1970er Jahren. Ich weiß noch, wie ich bei meiner ersten Berlinale eingeschüchtert auf den großen Francois Truffaut zuging. Er war sehr offen, wir tranken einen Kaffee und unterhielten uns eine halbe Stunde. Davon bin ich nun ein Teil geworden. Mehr kann man sich nicht wünschen.


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