Stephan Komandarev

Judgment – Grenze der Hoffnung

Mityo (Assen Blatechki) hilft Flüchtlingen über die Grenze. © Krasimir Andonov. Fotoquelle: Farbfilm Verleih

(Kinostart: 23.4.) Früher wollten Menschen hinaus, heute wollen sie hinein: Bulgariens Südgrenze wird von Flüchtlingen gestürmt. Episch wuchtig erzählt Regisseur Komandarev von Schuld, Verrat und Versöhnung zwischen den Systemen und Generationen.

Bulgarische Filme kommen selten in deutsche Kinos. „Judgment – Grenze der Hoffnung“ ist nach „Tilt“ (2013) allerdings schon der zweite Film aus dem Balkanland innerhalb von zwei Jahren, der hier einen Verleih gefunden hat. Regisseur Stephan Komandarev erzählt eine überaus brisante und aktuelle Geschichte aus dem unübersichtlichen Grenzgebiet zwischen Bulgarien, der Türkei und Griechenland.

 

Info

 

Judgment –
Grenze der Hoffnung

 

Regie: Stephan Komandarev,

112 Min, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien 2014;

mit: Miki Manojlovic, Assen Blatechki, Ovanes Torosian

 

Website zum Film

 

Nebel wabert über hohen Gipfeln. Ein einsamer Laster überquert eine Brücke, den Milchfahrer Mityo (Assen Blatechki) lenkt. Bald erfährt er, dass dies seine letzte Fuhre für die Molkerei ist; sein Chef eröffnet ihm, dass der Betrieb geschlossen wird. Eine persönliche Katastrophe für den Mittvierziger, denn Jobs sind in dieser gottverlassenen Gegend an der türkisch-bulgarischen Grenze rar.

 

Wohnhaus steht auf dem Spiel

 

Mityo hat keine Rücklagen, muss aber einen Kredit abbezahlen, den er für die Behandlung seiner unlängst verstorbenen Frau Fanka aufgenommen hat. Sein halbwüchsiger Sohn Vasko (Ovanes Torosian) sorgt sich verständlicherweise, wovon beide künftig leben sollen. Schon stapeln sich unbezahlte Rechnungen, der Strom wird abgestellt, und ein Gerichtsvollzieher schaut sich im Haus um. All das belastet das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn.


Offizieller Filmtrailer


 

Todessturz am Judgment-Felsen

 

Mityo muss seiner Bank binnen eines Monats 7000 Euro zurückzahlen; ansonsten wird sein Haus gepfändet. Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell im Dorf: Der Kapitan (Miki Manojlovic), Mityos ehemaliger Vorgesetzter in der Armee, bietet ihm überraschend einen Job an. Er soll helfen, syrische Flüchtlinge illegal über die Grenze auf EU-Gebiet zu schmuggeln. Weil das die einzige Möglichkeit ist, schnell viel Geld zu verdienen, nimmt Mityo in seiner Verzweiflung an.

 

Noch ahnt er nicht, dass er sich bald dunklen Seiten seiner Vergangenheit stellen muss, die er gut verdrängt hatte. Der Weg der Schleuser führt am titelgebenden Judgment-Felsen vorbei: Hier stürzte während seiner Militärzeit 1988 durch Mityos Schuld ein ostdeutsches Paar in den Tod – es hatte über die Türkei in den Westen fliehen wollen. Etliche DDR-Bürger nutzten damals ihren Balkan-Urlaub für einen Fluchtversuch. Plötzlich holen Mityo seine Erinnerungen ein; vom Kapitan aufgehetzt, stellt sein Sohn Vasko ihm unangenehme Fragen.

 

Die Frauen wandern aus

 

Episch breit und wuchtig erzählt Regisseur Komandarev von großen Themen wie Schuld und Verrat, aber auch Versöhnung. Obwohl das Thema genug Stoff für eine dramatische Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit hergäbe, schlägt der Film eher leise Töne an. Das dürfte zum Teil daran liegen, dass der Regisseur seine Laufbahn als Dokumentarfilmer begann. Er verbrachte in dieser Gegend viel Zeit für Recherchen, die sich mehr als zehn Jahre hinzogen.

 

Sein Spielfilm ist die Essenz sämtlicher Begegnungen mit Menschen, die Komandarev in diesem langen Zeitraum traf und deren Geschichten er sammelte. Alle Figuren haben reale Vorbilder; sämtliche, teilweise verfallene Gebäude sind echt. Wie viele ländliche Gebiete in Bulgarien leidet auch dieser Landstrich unter starkem Bevölkerungsschwund: Die Frauen gehen zum Arbeiten in den Westen.

 

Drei Länder, drei Generationen

 

Zurück bleiben Alte, Kinder und Männer wie Mityo oder der Kapitan, dessen Frau und Tochter ebenfalls ausgewandert sind. Der Ex-Militär ist zwar ein hartleibiger Schlepper, aber auch eine traurige Figur: Einst sollte er als Grenzoffizier das sozialistische Regime davor bewahren, dass ihm die Bürger davonliefen. Heute schleust er Menschen aus noch elenderen Weltgegenden in die entvölkerte bulgarische Provinz hinein.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Tilt” – Liebesgeschichte im Post-Wende-Bulgarien von Viktor Chouchkov Jr.

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Farbe des Ozeans“ – vielschichtiges Flüchtlings-Drama auf den Kanaren von Maggie Peren

 

und hier einen Beitrag über den Film „Cirkus Columbia“ – Tragikomödie über den Beginn des Bosnien-Kriegs von Danis Tanović mit Miki Manojlović.

 

Wie in diesem Grenzland drei Länder geografisch aneinander stoßen, prallen auch drei Generationen aufeinander. Der Kapitan vertritt das alte, untergegangene System; Mityo ist ein Mann des Übergangs, und sein Sohn Vasko steht für die neue Zeit: Er kennt den Kommunismus nur noch aus Erzählungen der Altvorderen. Diese Differenzen machen das Verhältnis zwischen Vater und Sohn schwierig und zugleich anrührend.

 

Riskanter Grenzübertritt

 

Darüber hinaus erstaunt, wie beinahe prophetisch Regisseur Komandarev die Nebenhandlung mit den syrischen Flüchtlingen in den Film eingebaut hat: Er macht anschaulich, wie mühevoll und riskant ihr illegaler Grenzübertritt ist. Dabei konnte bei den Dreharbeiten vor zwei Jahren niemand ahnen, wie sehr der Ansturm von Immigranten nach Europa anschwellen würde.

 

Unprätentiös und packend breitet der Film in ruhigen Bildern die immensen Umbrüchen der neueren Geschichte aus; dabei nimmt er allein schon durch seine Vielschichtigkeit und genaue Beobachtung gefangen. Womit er in Bulgarien längst fällige Diskussionen über die jüngste Vergangenheit in Gang setzte; vielleicht er auch hierzulande zum Nachdenken darüber an.


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