München

Kino der Kunst 2015

Omer Fast: „Everything That Rises Must Converge“ (Still), DEU/USA 56’, 2014, Filmgalerie 451, Berlin. Fotoquelle: Kino der Kunst

Das Spezial-Festival für Filme bildender Künstler gemeindet in seiner zweiten Ausgabe die halbe Museumslandschaft ein. Dabei täte ihm mehr Sorgfalt bei der Programm-Auswahl gut: Im Total-Wettbewerb geht Preiswürdiges in faden Fingerübungen unter.

Die zweite Ausgabe ist immer die schwerste. „Du hast alle Zeit der Welt, Deine erste Platte aufzunehmen, aber anschließend nur ein Jahr, um die zweite zu machen“, brachte Ira Kaplan, Sänger der Rockband Yo La Tengo, einmal das Dilemma aller Kreativen auf den Punkt. Es gilt für Musiker wie Literaten oder Künstler – und auch für Festivalmacher.

 

Info

 

Kino der Kunst

 

22.04.2015 – 26.04.2015
an diversen Spielorten in München

 

Weitere Informationen

 

Die beliebteste Strategie für Zweitauflagen ist zugleich die einfachste: mehr vom Gleichen. Bei seiner Premiere 2013 hatte das Festival „Kino der Kunst“ ein halbes Dutzend Münchener Galerien dafür gewonnen, zur gleichen Zeit Video-Installationen zu zeigen; das kam gut an. Ein Anlass für die Macher um Leiter Heinz Peter Schwerfel, diesmal das Rahmenprogramm gehörig aufzuplustern.

 

Von Slapstick bis Computerspiele

 

Neben Installationen in sechs Galerien und zwei Institutionen werden sechs reguläre Ausstellungen eingemeindet: von „Creating Realities“ in der Pinakothek der Moderne und dem Museum Brandhorst, einem best of der Videokunst-Kollektion von Großsammlerin Ingvild Goetz, über „Broken Slapstick“ im Haus der Kunst, ebenfalls mit 14 Arbeiten der Sammlung Goetz bestückt, bis zu „Archäologie der Zukunft“ im Ägyptischen Museum mit künstlerischen wertvollen Computerspielen. Hat ja alles irgendwie mit bewegten Bildern zu tun.


Interview mit Festivalleiter Heinz Peter Schwerfel


 

Themen-Päckchen mit launigen Titeln

 

Wer diese Präsentationen komplett ansehen wollte, würde dort wohl mehr Zeit verbringen als in allen Filmvorführungen der vier Festivaltage. Was vielleicht eine gute Entscheidung wäre; zumindest bliebe er souveräner Betrachter und könnte Reinfälle ignorieren. Beim Festival geht das kaum: Es wirft fast alle 52 Beiträge in einen Topf mit dem pompösen Titel „Internationaler Wettbewerb“ – über die Preisträger entscheiden drei Jurys, die sich zur Hälfte aus Münchener Lokalmatadoren rekrutieren.

 

Normalerweise ist es guter Brauch, dass Festivals Filme sortieren und Sektionen verschiedener Güteklasse zusammenstellen: vom Wettbewerb zur prime time mit ausgereiften und preiswürdigen Werken über Nebenreihen für Schräges und Experimentelles bis zum Talentschuppen für Debütanten. „Kino der Kunst“ schnürt dagegen Themen-Päckchen mit launigen Titeln wie „Heimatklänge“, „Jugend forscht“ oder „Sturm der Liebe“ – deren Inhalt mit den Etiketten oft wenig zu tun hat.

 

Bekifftes Studenten-Gefasel + Werbespot-Bilder

 

Wobei das Prinzip aller Programme einfach ist: Den Filmen von ein oder zwei renommierten Künstlern, die Zuschauer anlocken, werden Arbeiten von mehr oder weniger Unbekannten beigesellt. So kommen die newcomer in den Genuss größerer Aufmerksamkeit, doch das macht ihre Fingerübungen nicht besser. Diese gut gemeinte Nachwuchsförderung strapaziert die Langmut des Publikums arg.

 

Wer etwa Bjørn Melhus‘ neues Werk „Freedom & Independence“ sehen wollte, eine gewohnt aufwändig inszenierte Satire auf Selbstoptimierungs-Wahn, musste auch „Hypozentrum“ der Wienerin Xenia Lesniewski ertragen: bekifftes Studenten-Gefasel samt sinnfreiem Bildergewitter und dröhnenden beats. Phil Collins‘ „Tomorrow is always too long“, ein mit dem Publikumspreis bedachtes Kleine-Leute-Musical aus Glasgow, wurde von „Primus Tempus“ der Finnin Azar Saiyar garniert: ein Potpourri beliebiger Hochglanz-Bilder aus Werbespots.


Ausschnitt aus "Butter Lamp" von Hu Wei: Gewinner eines Hauptpreises des Festivals


 

Uninspirierter softporn für Pädophile

 

Und nach Christoph Faulhabers informativer Dokumentation seiner Polit-Provokationen „Jedes Bild ist ein leeres Bild“, die ihn auf die US-Liste ausländischer Terrorverdächtiger brachte, nervte Loretta Fahrenholz mit „My Throat, My Air“, einem wirren home movie aus dem Münchener Westend. Als hätte das Verfahren Methode: Vor oder nach jedem highlight kommt ein downer.

 

Dabei bürgen bekannte Namen keineswegs für erhellende Seherlebnisse. Larry Clark sorgte einst mit der Fotoserie „Tulsa“ (1971) sowie den Kinofilmen „Kids“ (1995) und „Ken Park“ (2002) über Drogen und Sex unter Jugendlichen für Aufsehen im Kulturbetrieb. „The Smell of Us“ über Stricher aus der Pariser Skater-Szene ist nur ein müdes remake: uninspirierter softporn für Pädophile.

 

Banalität des Porno-Alltags

 

Auch Pierre Huyghe war schon mal origineller. Zur Katastrophe von Fukushima fällt ihm nur ein, einen dressierten Affen als Kellnerin zu maskieren und durch ein verwaistes Lokal zu scheuchen: „Untitled (Human Mask)“ erhielt dennoch einen der beiden Hauptpreise des Festivals. Dagegen ging die Iranerin Shirin Neshat, sonst Erfinderin vielschichtiger Bildmetaphern, mit ihrem diffusen Strandspaziergang „Illusions & Mirrors“ leer aus – trotz Natalie Portman in der Hauptrolle.

 

Es gab allerdings auch eindrucksvolle Werke. Omer Fast verwandelt in „Everything That Rises Must Converge“ den Arbeitsalltag von Porno-Darstellern in eine präzise Studie zur Banalität des Tabuisierten. Yael Bartana schmückt ihre Beobachtung einer Sekte in Brasilien, die den antiken Tempel von Jerusalem nachbauen will, in „Inferno“ zum bildgewaltigen Hollywood-Epos aus.

 

Ungeahntes oder Augenpulver

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension über das Festival  „Kino der Kunst 2013“ mit Filmen von bildenden Künstlern in München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Happy Birthday! 20 Jahre Sammlung Goetz” mit Medien- + Video-Kunst in der Sammlung Goetz, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „High Performance – Die Julia Stoschek Collection zu Gast im ZKM“ über „zeitbasierte Medienkunst seit 1996“ im ZKM, Karlsruhe.

 

Hu Wei gelingen in „Butter Lamp“ wunderbar lakonische Sinnbilder. Er lässt von einem fingierten Wander-Fotografen tibetische Nomaden vor wechselnden Panoramen ablichten: pro Einstellung ein culture clash. Dafür erhielt der bereits vielfach prämierte Film zurecht den anderen Hauptpreis des Festivals: Eine zündende Grundidee wird ökonomisch und prägnant umgesetzt. Also das Einfache, das so schwer zu machen ist – woran die meisten Beiträge scheitern.

 

Der Ansatz von „Kino der Kunst“ leuchtet ja ein: Film ist für zeitgenössische Künstler ein wichtiges Medium, in dem sie Freiheiten ausloten, die in kommerziellen Produktionen undenkbar wären. Was ebenso viele Chancen wie Gefahren in sich birgt: Wo keine Genre-Regeln gelten, können ungeahnte Seh-Erfahrungen entstehen – oder Augenpulver, das nur die Netzhaut verklebt.

 

Von Autorenfilmern lernen

 

Ein spezialisiertes Festival kann neue Erzählweisen in konzentrierter Form vorstellen, sofern es an deren Qualität strenge Maßstäbe anlegt. Nicht jeder selbstverliebte Bilderbogen ohne Akteure, Handlung und Struktur lohnt die Vorführung: Alle Ausdrucksmittel abseits von Konventionen haben Autorenfilmer längst ausprobiert – und andere Festivals gleichfalls alle sinnvollen Programm-Schemata. „Kino der Kunst“ bräuchte sich nur daran orientieren, etwa beim dritten Anlauf: Damit sein „Internationaler Wettbewerb“ von weiteren Kreisen beachtet wird als nur den Münchener Kino- und Kunstfreunden.


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