Margarethe von Trotta

Die abhandene Welt

Sophie (Katja Riemann) bei einem spontanen Auftritt in einer New Yorker Bar, © 2015 Concorde Filmverleih / Jan Betke

(Kinostart: 7.5.) Auf der Suche nach der verlorenen Schwester: Regisseurin von Trotta lässt Katja Riemann nach dem Ebenbild ihrer Mutter fahnden, doch sie entpuppt sich als deren Tochter. Was glatt und harmonisch abläuft – ein perfekter Weihnachtsfilm.

Im Internet-Zeitalter geht niemand mehr verloren: Beim Surfen findet der Rentner Paul Kromberger (Matthias Habich) einen Artikel über eine Opernsängerin in New York, die seiner verstorbenen Frau täuschend ähnlich sieht. Er schickt seine Tochter Sophie (Katja Riemann) los, eine eher erfolglose Jazzsängerin, um die Unbekannte zu kontaktieren.

 

Info

 

Die abhandene Welt

 

Regie: Margarethe von Trotta,

101 Min., Deutschland 2014;

mit: Katja Riemann, Barbara Sukowa, Matthias Habich

 

Website zum Film

 

Was ihr im Handumdrehen gelingt: Selten fiel es einer Verehrerin so leicht, in die Garderobe einer Diva an der Metropolitan Opera vorzudringen. Caterina Fabiani (Barbara Sukowa) lässt sie abblitzen, doch ihr Agent Philip (Robert Seeliger) verknallt sich in die blondgelockte Deutsche. Er bringt sie zu Caterinas Mutter Rosa: Die sitzt dement im Altersheim und schwadroniert über Evelyn – so hieß die Frau von Paul und Mama von Sophie.

 

Vatersuche im Familienkreis

 

Nun taut Caterina auf: Offenbar ist sie Sophies Schwester – doch wer ist dann ihr Vater? Zurück in Düsseldorf, stellt Sophie ihren Papa zur Rede. Der weicht aus und schickt sie erst auf eine falsche Fährte, muss aber dann zugeben: Die Antwort findet sich im engsten Familienkreis. Auf Schock und Erklärungsnot folgen Geständnisse und Versöhnungen; am Ende prosten sich alle mit Rotwein zu: „Auf die Zukunft!“

Offizieller Filmtrailer


 

Gesangseinlagen für die Teilzeit-Diseuse

 

Von verlorenen Söhnen und Töchtern, vertauschten Geschwistern und wiedergefundener Familienbande handelt Literatur seit ihren Anfängen: Nichts beschäftigt Menschen mehr als ihre Verwandten. Regisseurin Margarethe von Trotta, die als Einzelkind aufwuchs, betrifft das Thema persönlich: Nach dem Tod ihrer Mutter erfuhr sie, dass sie eine ältere Schwester hat, die zur Adoption freigegeben worden war. „Die abhandene Welt“ ist also autobiographisch grundiert.

 

Das muss kein Nachteil sein; es macht Filme oft authentischer. Zumal bei so versierten Schauspielerinnen: Barbara Sukowa und Katja Riemann, die erstmals gemeinsam vor der Kamera stehen, kommen prächtig miteinander klar. Sukowa gibt den Opernstar anfangs unnahbar, dann warmherzig. Riemann sah man schon lange nicht mehr so gelöst; ihr Charme hält das verworrene Beziehungs-Knäuel zusammen. Dafür dankt ihr die Regisseurin mit ausgiebigen Gesangseinlagen, in denen die Teilzeit-Diseuse ins Mikro schmettern darf.

 

Im kunstsinnigen Schöner-Wohnen-Ambiente

 

Doch der human interest-Funke springt nicht recht über. Trotz vieler Ortswechsel läuft alles zu glatt; es fehlt die Rauheit realen Lebens. Wie bei TV-Melodramen werden nur Motive und Probleme eingeführt, die in den nächsten Szenen flugs aufgegriffen und gelöst werden. Was in Krimis oder Thrillern für dichte Spannung sorgen würde, wirkt bei Herzensangelegenheiten arg konstruiert. Wer kann schon alle emotionalen Leichen der Verwandtschaft, die seit Jahrzehnten im Keller liegen, auf einen Schlag exhumieren und ordentlich bestatten?

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Hannah Arendt” – Biopic mit Barbara Sukowa als Philosophin von Margarete von Trotta

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Besucher“ – Patchwork-Familiengeschichte von Constanze Knoche

 

und hier einen Beitrag über den Film „Was bleibt“Familien-Drama im Großbürgertum von Hans-Christian Schmid.

 

Dazu passt das Schöner-Wohnen-Ambiente des Films: Alle sind musisch begabt mit kreativen Berufen, alle leben in edel durchgestylten Designer-Villen oder -Lofts, und alle gehen mit Konflikten so beherrscht und souverän um, wie Familientherapeuten empfehlen. Falls einmal nicht, wird daraus gleich eine burleske Rangelei mit Blumenstrauß-Geprügel wie auf der Boulevardbühne. Wie sich Kulturmenschen eben gerne selbst sehen – auch wenn sie ausflippen.

 

Auf die Zukunft anstoßen

 

Margarethe von Trotta ist eine unbekümmerte Bauchgefühl-Regisseurin. Ihr gelangen immer dann gute Filme, wenn sie sich aus dieser Perspektive eher abstrakt politischen Stoffen und Kopfmenschen annahm: dem RAF-Terrorismus („Die bleierne Zeit“, 1981), der Revolutionärin Rosa Luxemburg (1986) oder der Philosophin Hannah Arendt (2012) – alle drei waren Überraschungs-Erfolge.

 

Sobald von Trotta nur Menschlich-Allzumenschliches verfilmt, gerät ihr das leicht zum papiernen Gefühlskitsch. Wie hier: „Die abhandene Welt“ ist so wohlgeordnet, harmonieselig und kunstsinnig, dass sie perfekt als feelgood movie für die ganze Familie an Weihnachten taugt. Danach heben alle ihr Glas und trinken auf die Zukunft.


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