Daniel Brühl

Die Augen des Engels

Thomas (Daniel Brühl, 3. v. re.) mit Simone (Kate Beckinsale, 2. v. li.) im Gerichtssaal. Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 21.5.) Multimediale Leichenfledderei im Internet-Zeitalter: Der Mord an einer US-Studentin in Italien wurde ab 2007 zum weltweit aufgebauschten Justiz-Drama. Regisseur Michael Winterbottom macht daraus ein subtiles Medienmenschen-Porträt.

Dieser Mordfall hatte alles, was eine sensationelle story braucht: Eine schöne US-Studentin im Ausland als Opfer, drei andere Studenten als mögliche Täter – und kein plausibles Motiv. Da ließ sich trefflich spekulieren, was die internationale Boulevard-Presse ausgiebig tat. Sie schlachtete das Verbrechen jahrelang aus.

 

Info

 

Die Augen des Engels

 

Regie: Michael Winterbottom,

103 Min., Italien/ Großbritannien 2014;

mit: Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Cara Delevingne

 

Weitere Informationen

 

Die Fakten: Am 1. November 2007 fand man die Leiche der 21-jährigen Meredith Kercher in ihrer Wohnung im italienischen Perugia; dort hatte sie ein Jahr als Austauschstudentin verbringen wollen. Als Täter werden ihre drei Mitbewohner Rudy Guede, Amanda Knox und Raffaele Sollicito verdächtigt. Da ihre Beweggründe rätselhaft sind, ziehen sich die Gerichtsverfahren hin. Guede wird Ende 2008 erstmals verurteilt, Knox und Sollicito Ende 2009 – der Beginn eines jahrelangen Justiz-Marathons.

 

Stimmengewirr der blogger

 

Über jeden Schritt wird ausführlich berichtet: Nicht nur in Perugia, wo jeder Verhandlungstag Scharen von Reportern anzieht, sondern auch im cyberspace. Unzählige Beobachter und blogger, die nie vor Ort waren, kommentieren jedes Detail und überbieten einander in gewagten Deutungen. Das Internet wird zum Schauplatz multimedialer Leichenfledderei.

Offizieller Filmtrailer


 

Quick and dirty-Methode funktioniert

 

Von diesem Spektakel handelt „Die Augen des Engels“. Unter den gegenwärtigen Filmemachern ist der Brite Michael Winterbottom wohl derjenige, dessen Arbeitsweise der eines Journalisten am nächsten kommt: Er greift gern aktuelle Themen auf, die er fix fiktionalisiert – was ihm mal besser, mal weniger gelingt. Diesmal funktioniert seine quick and dirty-Methode ausgezeichnet.

 

Winterbottom verlegt die Handlung nach Siena und tauft die Beteiligten um, folgt aber ansonsten weitgehend dem tatsächlichen Verlauf. Hauptfigur ist der junge deutsche Regisseur Thomas Lang (Daniel Brühl); er soll angeblich kein alter ego von Winterbottom sein. Nach frühen Erfolgen steckt Lang in einer Krise; seine Frau hat ihn mit dem Kind verlassen, und er kokst zuviel. Mit einem Drehbuch über die Kriminalsache will er wieder Tritt fassen.

 

Staatsanwalt unterstellt Satanismus

 

Dazu schließt er sich der US-Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale) an, die ein Buch über den Fall verfasst hat; ihr reales Vorbild heißt Barbie Latza Nadeau, die „Angel Face“ schrieb. Ford führt Lang in ihren Kollegen-Kreis ein, der sich auf Amanda Knox – pardon: Jessica Fuller – eingeschossen hat. Die lebenslustige Studentin wird von der yellow press zum verruchten Vamp stilisiert; der Staatsanwalt unterstellt ihr gar „dämonische“ Absichten und „satanische“ Praktiken.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Michael Winterbottom über „Die Augen des Engels

 

und hier eine Besprechung des Films “The Look of Love”  – stilvoll elegantes Playboy-Biopic von Michael Winterbottom

 

und hier einen Bericht über den Film „A Most Wanted Man“ – nüchterner Agenten-Thriller von Anton Corbijn mit Daniel Brühl

 

und hier einen Beitrag über den Film „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ – raffinierte Medien-Satire über einen Kriminalfall von David Fincher

 

und hier eine Rezension über den Film „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ – brillantes Porträt eines Katastrophen-Paparazzo von Dan Gilroy.

 

Diese Version überzeugt Lang nicht; er fängt an, auf eigene Faust zu recherchieren. Die clevere Studentin Melanie (Cara Delevingne) stellt ihn dem underground-Blogger Edoardo (Valerio Mastandrea) vor, der behauptet, den wahren Tathergang zu kennen – dann überschlagen sich die Ereignisse. Der labile Regisseur, der sich in Sienas verwinkelter Altstadt ohnehin kaum zurecht findet, verliert völlig den Boden unter den Füßen.

 

Panische Mikro-Odyssee

 

Ebenso unfundiert wäre jede Kategorisierung des Films. Er ist kein whodunnit; die im Krimi übliche Tätersuche spielt keine Rolle. Auch kein Justiz-Report: Was Anklage, Verteidigung und Jury vertreten, wird nur am Rande erwähnt. Ebenso wenig eine beißende Medien-Satire: Den hochtourigen Leerlauf aktueller Berichterstattung im Minutentakt registriert Winterbottom präzise, aber neutral. Auch die shit storms im Netz bleiben außen vor.

 

So paradox es klingt: Dieser Film über lärmende Pressehysterie lässt sich am ehesten als leises Psychodrama charakterisieren. Als subtile Studie über einen von Stress und Erfolgsdruck gebeutelten Medienmenschen, der auf seiner zunehmend panischen Mikro-Odyssee durch die undurchsichtige Kleinstadt und den undurchschaubaren Sachverhalt nicht die fetischisierte Wahrheit findet, sondern womöglich sich selbst.

 

Stille im Auge des Orkans

 

Wobei der Regisseur alle Stilmittel des heutigen infotainment ausreizt: furioses Tempo, hektische Schnitte, sound bites zahlreicher Akteure, die jede Menge Spuren auslegen, die Winterbottom genüsslich wieder verwischt – all das macht den Film zum Spiegelbild des breaking news-Gewitters, das er aufs Korn nimmt. Aber am Ende herrscht die Stille im Auge des Orkans, als wäre nichts gewesen: Nach fünf Prozessen wurden die Hauptverdächtigen Knox und Sollecito am 27. März 2015 in letzter Instanz freigesprochen.


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