George Ovashvili

Die Maisinsel

Mit Stroh wird das Dach gedeckt: Asida (Mariam Buturishvili) und ihr Großvater Abga (Ilyas Salman) bauen ein Haus aus Natur-Materialien. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 28.5.) Augenweide für „Landlust“-Leser: Regisseur Ovashvili lässt Opa und Enkelin auf einem georgischen Fluss Robinsonade spielen. In die schlichte, malerisch bebilderte Fabel kann man sich fallen lassen wie auf eine Frühlingswiese.

Wer in der postsowjetischen Provinz lebt, ist Selbstversorgung gewohnt: Mehr oder weniger verarmt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Kleinvieh zu halten und Gemüse zu ziehen. Kaum jemand treibt aber dafür soviel Aufwand wie der alte Agba (Ilyas Saman) mit seiner 16-jährigen Enkelin Asida (Mariam Buturishvili).

 

Info

 

Die Maisinsel

 

Regie: George Ovashvili,

100 Min., Georgien/ Deutschland 2014;

mit: Ilyas Salman, Mariam Buturishvili, Irakli Samushia

 

Weitere Informationen

 

Im Frühjahr trägt der Enguri-Fluss viel Erde aus den Kaukasus-Bergen ab, so dass feste Sandbänke im Strom entstehen. Auf einer dieser Schwemmland-Inseln lassen sich Agba und Asida nieder, um Mais anzubauen. Sie schaffen Holz und Stroh mit dem Boot heran und zimmern eine Hütte. Sie graben den Boden um und säen Maiskörner; sie gießen und jäten, damit aus kleinen Sprösslingen mannshohe Pflanzen heranwachsen.

 

Seit der Jungsteinzeit bekannt

 

Vor beeindruckender Naturkulisse sieht die Kamera den Beiden geduldig zu, untermalt von elegischer Musik. Gesprochen wird fast nichts; was gäbe es auch zu sagen? Die Handgriffe und Arbeitsabläufe sind seit der Jungsteinzeit bekannt. Sie in epischer Breite auszumalen, erinnert daran, wie eintönig auch hierzulande das Tagwerk von Bauern bis vor etwa 150 Jahren war − und vielerorts noch heute ist.

Offizieller Filmtrailer


 

Verwundeter Georgier im Maisfeld

 

Damit seine Robinsonade nicht allzu langweilig wird, lässt Regisseur Ovashvili plötzlich einen Uniformträger auftauchen. Der Unterlauf des Enguri markiert die Grenze zwischen Georgien und Abchasien, das sich im Krieg von 1992/3 mit russischer Hilfe vom Mutterland abspaltete: Schon zuvor zerrissen manchmal Schüsse die Stille. Nun liegt ein verwundeter Soldat (Irakli Samushia) im Maisfeld. Er spricht Georgisch, was die Abchasin Asida nicht versteht − und hiesige Zuschauer ebenso wenig, wenn sie von diesem Konflikt nichts wissen.

 

Das hält Agba und seine Enkelin nicht davon ab, den Georgier gesund zu pflegen − und zu verleugnen, wenn Patrouillen nach ihm fahnden. Natürlich ist er ein fescher Bursche, der mit dem vereinsamten Mädchen schäkert; das sieht ihr Opa gar nicht gern. Gefahr droht den Insulanern aber weniger durch Bewaffnete, als vielmehr durch Herbststürme: Sie zerstören wie jedes Jahr die kleinen Eilande im Fluss.

 

Special effects-Preis für Insel-Ende

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Welcome to Karastan“ – vielschichtige Culture-Clash-Komödie im fiktiven Mittelasien von Ben Hopkins

 

und hier einen Bericht über den Film Die langen hellen Tage von Nana Ekvtimishvili + Simon Groß über Teenager im Georgien der chaotischen 1990er Jahre

 

und hier das Interview „Entführung und Mord geschahen täglich“ mit Nana Ekvtimishvili über ihren Film „Die langen hellen Tage“.

 

Eine schlichte Fabel über den Kreislauf der Natur und des Lebens, die Regisseur Ovashvili ebenso schlicht inszeniert. Er verlässt sich ganz auf die Schauwerte der Szenerie: ein malerisch unberührter Flusslauf, dessen Ufer dunkelgrüne Bergketten säumen. Seine dramatischen Schluss-Bilder, wie tobende Elemente die ganze Maisinsel wegspülen, haben einen Preis für special effects verdient.

 

Dagegen gibt die Dreierbeziehung zwischen den Akteuren wenig her; das liegt vor allem an ihren begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten. Und handwerklichen Schnitzern wie ein paar Anschlussfehlern und einer amateurhaften deutschen Synchronisation der wenigen Dialogzeilen: Untertitel hätten völlig ausgereicht.

 

Fußnoten zur Gegenwarts-Gewalt

 

All das wird das Zielpublikum zivilisationsmüder Programmkino-Gänger kaum abschrecken: In diesen Film kann man sich fallen lassen wie auf eine saftig grüne Frühlingswiese, sich im Sessel wie in dichtem Gras räkeln und den Blick über die Leinwand wie über Horizont und Himmel schweifen lassen.

 

Dazu liefert Ovashvili einen idyllischen Bilderbogen mit romantisch wallendem score; als 100-minütiger Kurztrip in die majestätische Bergwelt des Kaukasus samt kleinen Fußnoten zu seiner gewaltgesättigten Gegenwart. Ein Augenschmaus für Wandervögel und Schrebergärtner, die gern in Zeitschriften wie „Landlust“ blättern.


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