Michael Winterbottom

Mit Gewalt weltweit bombardieren

Michael Winterbottom. Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

„Die Augen des Engels“ handelt vom Medienrummel um einen Mordfall. Journalisten und Filmemacher stünden beide unter ähnlichem Druck, so Michael Winterbottom im Interview: Sie müssten ihre Stories einem an Klischees gewöhnten Publikum verkaufen.

Mister Winterbottom, sehen Sie Ihren Film „Die Augen des Engels“ eher als Geschichte eines Kriminalfalls oder als Kritik an den Medien?

 

Ein wichtiger Aspekt des Films ist, dass sich die Geschichte verschiebt. Es geht los mit dem Verbrechen, der Untersuchung, dem Prozess, der Medien-Berichterstattung – und der Frage, welchen Film man darüber drehen könnte. Ich hoffe, dass der Zuschauer am Ende spürt, dass die Sache eigentlich einfach ist: Eine junge Frau wurde getötet, ihre Angehörigen trauern um sie – und das geht im Medienrummel völlig unter.

 

Zehn Sachbücher über einen Mord

 

Die Hauptfigur ist ungewöhnlich: ein Filmemacher, der darüber ein Drehbuch schreiben will. Dazu muss er in den Medienzirkus eintauchen, was ihm schwer fällt, denn er spricht kein Italienisch, und die Stadt Siena ist ihm fremd. Ist das ein Selbstporträt von Michael Winterbottom?

 

Info

 

Die Augen des Engels

 

Regie: Michael Winterbottom,

103 Min., Großbritannien/ Italien/ Spanien 2014;

mit: Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Cara Delevingne

 

Weitere Informationen

 

Anfangs dachte ich an einen Journalisten als Hauptfigur. Doch dann interessierte mich die Frage: Warum beschäftigen wir uns eigentlich so ausführlich mit Verbrechen und Gewalt? Die britischen Lokalzeitungen sind voll davon; allein über den Mordfall Meredith Kercher wurden zehn Bücher geschrieben.

 

Mir scheint ein Aspekt am Beruf des Journalisten problematisch: Er schreibt über das Privatleben anderer Menschen und stellt sie damit bloß. Ich wollte dieses Bloßstellen anderer vermeiden. Daher steht ein Filmemacher im Zentrum, der von der Situation genauso kompromittiert wird wie Journalisten. Der Film zeigt offen, dass ein Filmemacher ebenso schwach und verletzlich ist und unter demselben Druck steht wie Journalisten.

Offizieller Filmtrailer


 

100 Leute im gnadenlosen Wettbewerb

 

Daniel Brühl in der Hauptrolle ist kein positiver Charakter. Als erstes besorgt er sich Kokain, das er ausgiebig konsumiert – jedes Mal, bevor er zu schreiben anfängt. Ihm wird übel mitgespielt, und er versucht das Gleiche mit anderen. Ist das Ihre Sicht auf das Filmgeschäft?

 

Auch in dieser Hinsicht ähneln Film- und Medienmenschen einander. Alle Journalisten, die über den Fall berichteten und später diesen Film sahen, fanden ihn recht zutreffend. Ihnen ist klar, dass sie Versionen der Geschichte präsentieren müssen, die Spekulationen über Sex und Gewalt auslösen; etwa über das Messer als Tatwaffe oder ob das Opfer Meredith und ihr Mitbewohner Raffaele eine Affäre hatten. Die Tätigkeit von Journalisten und Filmemachern ist ziemlich ähnlich: Sie beobachten die Welt und verarbeiten das in Geschichten.

 

Allerdings gibt es einen großen Unterschied. Als ich das erste Mal zum Tatort Perugia kam, waren da etwa 100 Journalisten, die alle über einen Fall berichteten. Also gibt es 100 verschiedene Versionen von ein und demselben Sachverhalt; unter diesen Leuten herrscht gnadenloser Wettbewerb.

 

Als ich dort ankam, ging es gerade darum, welche Haar- und Kleiderfarbe die Hauptverdächtige Amanda Knox vor Gericht trug – etwas total Triviales. Da wird eine Menge Intelligenz auf etwas völlig Nichtiges verschwendet. Dabei ist Journalismus äußerst wichtig: 95 Prozent dessen, was wir über die Welt zu wissen glauben, erfahren wir aus der Presse oder dem Fernsehen. Und wir vertrauen darauf, dass uns Journalisten das Wesentliche mitteilen.

 

Sex and Hitler sells

 

Im Medienbetrieb gibt es den zynischen Spruch: Sex and Hitler sells! Will sagen: Nutze jede Gelegenheit, nackte Haut oder den Gröfaz abzubilden, weil das Aufmerksamkeit erregt – egal, worum es eigentlich geht. Stimmen Sie dem zu?

 

Sicherlich stehen Journalisten unter Druck, Geschichten so zu verpacken, dass sie sich gut verkaufen. Nehmen wir etwa die Filmfigur der Journalistin Simone, die aus Italien für das US-Publikum schreibt. Ihre Themen-Auswahl ist begrenzt: der Papst, Berlusconi und seine Affären mit Prostituierten, schnelle Autos und Kulinarisches.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Augen des Engels“ von Michael Winterbottom

 

und hier eine Besprechung des Films “The Look of Love”  – stilvoll prächtiges Playboy-Biopic von Michael Winterbottom

 

und hier einen Bericht über den Film “A most wanted Man”Agententhriller mit Daniel Brühl von Philip Seymour Hoffman

 

und hier einen Beitrag über den Film “Gone Girl – Das perfekte Opfer” – raffinierte Medien-Satire über einen Kriminalfall von David Fincher

 

Sehr wenige Dinge werden in den USA als spezifisch italienisch wahrgenommen. Diese Filter der Wahrnehmung führen dazu, dass dieser Mordfall unter national unterschiedlichen Perspektiven gesehen wurde: Es gibt italienische, britische und amerikanische Versionen davon.

 

Unendlich viel Platz füllen

 

Soziologen erklären die Vorliebe vieler Medien-Konsumenten für Verbrechen und Gewalt damit, dass sie keine tatsächlichen Schrecken erlebten. Anders als etwa die Generation der Weltkriegs-Teilnehmer, die leichte Unterhaltung bevorzugten. Je mehr aber die Gesellschaft versuche, sich gegen Gefahren abzusichern, desto stärker sei sie vom Bösen fasziniert. Was halten Sie von dieser These?

 

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Sicher spielt eine Rolle, dass ein Leben in der Komfortzone zugleich Neugier auf die dunkle Seite des Daseins weckt. Wie ein Blogger im Film sagt: Niemand will die echte Leiche eines Freundes sehen, aber jeder anonyme Tote auf dem Bildschirm.

 

Außerdem haben die Medien heute unendlich viel Platz, den sie füllen müssen – mit Bildern aus der ganzen Welt. Früher saßen die meisten britischen Journalisten in London; wenn sie über Verbrechen berichteten, dann vor allem in Großbritannien. Heute werden wir mit Gewalt weltweit bombardiert; irgendwo passiert immer etwas Entsetzliches. Für das heimische Publikum ist das eigentlich ohne Bedeutung, denn es hat nichts mit seinem eigenen Leben zu tun.


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