Frankfurt am Main

Isa Genzken − New Works

Isa Genzken: Nofretete, 2014; Installationsansicht: MMK Museum für Moderne Kunst. Foto: Axel Schneider, Fotoquelle: MMK Frankfurt

Isa Genzken war Schülerin und Frau von Gerhard Richter, bevor sie mit vielseitigen Arbeiten bekannt wurde. Im MMK zeigt sie nun Gruppen aus Schaufenster-Puppen, Collagen, Filme, Nofretete-Büsten mit Brillen − und eine surreale Sexfantasie wie von Dalí.

Isa Genzken, Ex-Meisterschülerin und -Frau von Star-Maler Gerhard Richter, wurde durch ihr sehr eigenständiges und vielseitiges Oeuvre international bekannt. Sie begann Ende der 1970er Jahre mit minimalistischen Skulpturen. In den 1980er Jahren erfand sie eine poppige Collage-Variante, die sie seit dem Jahr 2000 zu dreidimensionalen Assemblagen im Kleinformat erweitert hat. Solche Collagen stellte sie auf weiße Sockel in Augenhöhe des Betrachters.

 

Info

 

Isa Genzken –
New Works

 

14.03.2015 – 31.05.2015

täglich aßer montags

10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im MMK, Museum für Moderne Kunst, Domstraße 10, Frankfurt am Main

 

Weitere Informationen

 

Diese Assemblagen entwickelt Genzken mit den hier erstmals gezeigten „Schauspielern“ zu lebensgroßen Figuren-Szenarien weiter: aus grotesk bekleideten Schaufensterpuppen. Außerdem sind im MMK eine Arbeit aus sieben Nofretete-Büsten, am Boden liegende Collagen, abstrakte Kompositionen an den Wänden und ein paar schwarzweiße Kurzfilme zu sehen.

 

Über Genzken-Werke laufen

 

Die Collagen am Boden bestehen aus Fotos aus Illustrierten, ihrem Privatarchiv und Reproduktionen Alter Meister: wilde Kombinationen, die rein assoziativ und teilweise sogar witzig sind. Man kann darüber laufen, da sie von transparenter Plastikfolie geschützt werden − was zeigt, dass der Künstlerin wenig an erhabenen Kunstwerken liegt.

Interviews mit Direktorin Susanne Gaensheimer und Kuratorin Anna Goetz + Impressionen der Ausstellung; © MMK


 

Papprollen auf Puppen-Gesichtern

 

Witzig und verspielt wirken auch die „Schauspieler“. Die zu kreisförmigen Gruppen arrangierten Schaufensterpuppen tragen eine schräge Mixtur aus abgetragener Kleidung, billigen neuen Klamotten, Fetisch-Taschen und absurden Accessoires, etwa einem Plastik-Blumentopf auf dem Kopf. Alle Arbeiten verbindet ein seltsamer Schwebezustand aus banaler Pop-Persiflage, die mit vielen möglichen Bedeutungen aufgeladen ist − jeder Betrachter mag assoziieren, was er will.

 

Die Figuren-Kreise öffnen sich an einer Stelle dem Besucher; doch wenn er eintritt, überfällt ihn das Gefühl, ein unerwünschter Eindringling zu sein. Zunächst scheint es so, als ständen die Figuren in einer Beziehung zueinander; doch ihre Blicke gehen aneinander vorbei. Oder ihre Gesichter sind von bizarren Objekten wie Papprollen verdeckt.

 

Surreale Sexfantasie wie von Dalí

 

Eine Schlüsselszene − ist es ein Blick durchs Schlüsselloch? − zeigt ein rot besprühtes Mädchen, das eine erotische Szene betrachtet. Rot markiert ist auch das Geschlecht einer Männer-Puppe, die vom Boden aus einer Frauen-Puppe unter den Rock schaut. Daneben steht ein Mann mit einer Lederpeitsche in der Hand. Überdies tragen beide Männer Papprollen mit Privatfotos der Künstlerin über ihren Köpfen: eine surreale Sexfantasie, auf die wohl ein Salvador Dalí stolz gewesen wäre.

 

Dagegen sind die grafischen Wandarbeiten eher uninteressant: knallbunte Streifen aus Klebefolien, die teils mit grellen Farbtupfern kombiniert sind. Diese assoziativen Fingerübungen scheinen völlig bedeutungsfrei. Ebenso wenig fesseln Genzkens Filmchen − etwa Aufnahmen, wie sie und eine Freundin die Kleidung wechseln, indem sie sich abwechselnd an- und ausziehen.

 

Nofretete wie Warhols Marilyn

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Nofretete – tête-à-tête – Wie Kunst gemacht wird“ mit antiken + zeitgenössischen Werken im Ägyptischen Museum, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Gerhard Richter: Panorama“ in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Maria Lassnig: Der Ort der Bilder – Retrospektive der österreichischen Künstlerin in den Deichtorhallen, Hamburg.

 

Völlig anders ist die Arbeit „Nofretete“. Sieben identische Büsten der Pharaonin − im Ägyptischen Museum in Berlin verkaufte Repliken − stehen auf hohen Sockeln hintereinander. Sie werden durch verschiedene Sonnenbrillen individualisiert: Die Brillen wirken billig, und es fehlt auch einmal ein Glas. Damit verschiebt Genzken die Bedeutungsebenen: Scheinbar verschandelt sie zeitloses Kulturgut mit Ramsch der Populärkultur.

 

Doch zugleich macht die Künstlerin sichtbar, dass Nofretete ihrerseits großen pop appeal besitzt; sie erscheint als altägyptisches Pendant zur Marilyn Monroe von Andy Warhol. Zudem wurden die Repliken unter der paradoxen Bezeichnung „Originalkopien“ in einer limitierten Auflage für viel Geld angeboten − die Fetischisierung geht vom Original auf die Kopie über.

 

So erweist sich die Ausstellung als ambivalente Schau, an der sich die Geister scheiden dürften. Was auf den ersten Blick als unbedeutender Pop-Müll erscheinen mag, offenbart sich bei längerer Betrachtung oft als erstaunlich anregend − und erstaunlich komisch.


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