Schwerin

Reise nach Indien

Sudarshan Shetty: Listen outside this house, 2009; Aluminium-Skelett, Holzbohle, Fiberglass, Licht-Installation; 152 x 280 x 56 cm; courtesy Galerie Krinzinger, Wien. Fotoquelle: Staatliches Museum Schwerin

Pauschaltrip nach Indien: Das Staatliche Museum bucht ein All-inclusive-Arrangement bei einer Wiener Galerie; dazu kommen zwei Last-minute-Teilnehmer. Trotz vielfältiger Eindrücke lässt die wirre Routenführung die Passagiere orientierungslos zurück.

„Reise nach Indien“ (1984) ist die letzte Regiearbeit von Monumentalkino-Altmeister David Lean: eine Verfilmung des Romans „A Passage to India“ (1924) von E. M. Forster. Zwei britische ladies wollen das ‚wahre Indien‘ kennen lernen, scheitern aber am Konflikt zwischen Kolonial-Rassismus und einer völlig andersartigen Kultur: culture clash avant la lettre.

 

Info

 

Reise nach Indien

 

27.02.2015 – 14.06.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Staatlichen Museum/ Galerie Alte & Neue Meister, Alter Garten 3, Schwerin

 

Katalog 30 €

 

Weitere Informationen

 

Zitate aus Forsters Roman zieren die Ausstellungsräume: schwärmerische Zeilen über starke Sinneseindrücke und seelische Erschütterung. Ein passender Einstieg, denn daran hat sich wenig geändert. Von der spirituellen Sinnsuche der Hippies und Esoteriker über die Yoga- und Ayurveda-Anhänger bis zur Begeisterung für die heutige software-Industrie: Indien erscheint Westlern immer irgendwie tief mystisch und in sich ruhend, dabei verführerisch in tausend Facetten schillernd – also alles, was das allzu vertraute Abendland nicht ist.

 

West-östliches Reise-Quintett

 

Auch die indische Gegenwartskunst wirkt so faszinierend wie verwirrend; bisher nahm der globale Kulturbetrieb nur ein paar Stichproben davon. Das Staatliche Museum Schwerin stellt jetzt eine west-östliche Reisegruppe zusammen: drei deutsche Künstler, die vorwiegend im Ausland leben, und zwei indische Kollegen. Ihre rund 50 Werke sollen sich gegenseitig erhellen.

Impressionen der Ausstellung


 

Bei Galerie gebuchte package tour

 

Allerdings fremdeln sie arg miteinander; ob ihre Schöpfer sich je begegnet sind? Am ehesten ergänzen sich Sakshi Gupta aus Neu-Dehli, Sudarshan Shetty aus Mumbai und die Wienerin Renate Graf. Kein Wunder: Alle drei werden von der rührigen und renommierten Galerie Krinzinger in Wien vertreten, die zahlreiche Leihgaben beisteuert; zudem wird sie ausführlich im Katalog zitiert. Das ist für kommerzielle Galerien ideal: Ausstellungen in Institutionen werten ihre Künstler enorm auf. Es sieht so aus, als hätte das Museum bei Krinzinger eine package tour gebucht.

 

Mit von der Partie ist zudem der Bochumer Maler Alf Löhr, der bislang wenig in Erscheinung trat, was er mit hohem Materialeinsatz wettzumachen versucht. Löhr war 2011 zum ersten Mal in Indien und von der dortigen Farbenpracht schwer beeindruckt. Damit beglückt er nun den bleichen Norden: mit riesigen Leinwänden und Stoffbahnen, quietschbunt bepinselt und betropft, zwischen bubble gum-Informel und Jackson Pollock on acid. Dass er seiner gefälligen Deko-Ware Bildtitel wie „At the sultan’s garden“ gibt, macht sie nicht indischer.

 

Atmosphäre des Anderen

 

Wohl am bekanntesten ist der Fotograf Thomas Florschuetz: Sein Beitrag besteht in Detailstudien von Beton-Bauten in Chandigarh und Ahmedabad – zwei modernistischen Modell-Städten, die Le Corbusier und Louis Kahn entwarfen. Für den Subkontinent sind sie so typisch wie die Herrenhemden-Rücken in grellen Streifen-Mustern, die Florschuetz ablichtet.

 

Dass spezifisch Indisches auch ohne Farbe gut zur Geltung kommt, zeigt Renate Graf: Ihre Schwarzweiß-Fotos von Freiluft-Altären, Kerzen-Opfern und verfallenen oder überwucherten Tempel-Ruinen belegen die Allgegenwart von religiös-magischen Praktiken und Überresten einer uralten Vergangenheit. Diese unspektakulären Aufnahmen transportieren etwas, was den Arbeiten ihrer europäischen Mitreisenden fehlt: die Atmosphäre des Anderen.

 

Reinkarnations-Relief aus Beton

 

Es schimmert auch in manchen Werken von Sakshi Gupta durch, etwa in „Strange Beginnings I“. Ein kleinteiliges Relief, das den mythischen Kampf zwischen Elefant und Krokodil schildert, überzieht eine Betonstele. An zwei Stellen des grauen Quaders sind filigran gemusterte Vogelfedern angebracht: ein diskreter Bezug auf Verwandlung oder Reinkarnation.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Kalighat – Malerei der frühen indischen Moderne“ im Völkerkundemuseum vPST, Heidelberg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Subodh Gupta – Everything is inside” – brillante Werkschau des indischen Künstlers im Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt/ Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Indien entdecken!” – facettenreicher Überblick über Nachkriegs-Moderne + Gegenwartskunst in der Zitadelle Spandau, Berlin.

 

In ähnlichen Übergangszuständen scheinen auch Gebilde aus Plastik und Silikon zu sein, die ausrangierte Altmetall-Kästen überwuchern. Oder seltsame Tier-Miniaturen, die Gupta aus Bronze gießt – ein in Indien seit jeher geschätztes Kunsthandwerk. Ihr kleiner Beton-Elefant, der sich in seinen Rüssel einwickelt, kommt jedoch wie ein Knautschfigur-Spielzeug daher.

 

Überleben nur mit Drogerie-Artikeln

 

Sudarshan Shetty liebt es dagegen deutlich bis drastisch. Die Installation „Von hier nach dort und zurück“ gleicht einem mannshohen Glassturz aus Holz, das mit durchbrochenen Blumen-Girlanden beschnitzt ist. Durch die Lücken erspäht man einen Stapel Schalenkoffer, der sich dreht; ein effektvoller Kontrast von statischer Tradition und zeitgenössischer Unrast.

 

Shetty schreckt indessen vor Kalauern nicht zurück: Sein „Survival Kit“ enthält allerlei hölzerne Toilettenartikeln vom Duschkopf bis zur Parfüm-Flacon. Der heutige Mensch kann also ohne sein Drogerie-Sortiment nicht überleben – das mag durchaus für die begüterte indische Oberschicht gelten, die Shettys Werke kauft.

 

So endet dieser Kurztrip nach Indien wie manche Stippvisite: Mehr als ein paar verwackelte Schnappschüsse und unzusammenhängende Eindrücke kommt nicht zustande. Auf Pauschalreisen sieht man eben nur, was in die Kalkulation des Veranstalters passt. Besser, man geht selbst auf Entdeckungstour.


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