Marcus Vetter

The Forecaster

Martin Armstrong bei einem Vortrag im Berliner Steigenberger-Hotel; © Filmperspektive GmbH. Fotoquelle: farbfilm Verleih

(Kinostart: 7.5.) Prognosen für Pegida-Spekulanten: Ein selbst ernannter Finanzguru will mit seiner Zauberformel die Zukunft voraussagen. Die Doku von Regisseur Vetter verknüpft VWL für Anfänger mit einem Heldenepos zur lupenreinen Verschwörungstheorie.

Ein strahlender Held eilt von Sieg zu Sieg, weil er eine Geheimwaffe besitzt. Neider wollen sie entwenden und stellen ihm eine Falle. Der Held leidet bittere Not, doch mit Mut und Willenskraft trotzt er allen Gefahren – bis zum finalen Triumph. Diese Erzählung ist uralt; sie füllt schon die frühesten Epen der Menschheit. Ihre neueste Variante liefert „The Forecaster“.

 

Info

 

The Forecaster

 

Regie: Marcus Vetter

93 Min., Deutschland 2014;

mit: Larry Edelson, Neill MacPherson, Nigel Kirwan

 

Website zum Film

 

Hier heißt der Held Martin Armstrong. Er war Münzsammler, -händler und IT-Spezialist; dann gründete er „Princeton Economics“. Die Firma erstellt Wirtschaftsprognosen und Anlage-Empfehlungen, indem sie unzählige ökonomische Daten in Computer einspeist, die sie mit einem supergenialen Code auswerten. Das ist Armstrongs Geheimwaffe.

 

π mal Tausend = Krise

 

Er gibt diesen Code natürlich auch im Doku-Porträt von Marcus Vetter nicht preis. Nur soviel: Aus Wirtschaftskrisen der letzten 350 Jahre will Armstrong errechnet haben, dass solche Krisen alle 8,6 Jahre auftreten. Das entspricht 3141 Tagen, also der Zahl Pi (π) mal Tausend. Mit diesem Zyklus will Armstrong alle künftigen Krisen voraussagen können.


Offizieller Filmtrailer


 

Vergangenheit mal Code = Zukunft

 

Zyklisch verläuft das Wirtschaftsleben in der Tat, allein schon wegen der Investitions- und Preisentwicklung: Unternehmen investieren und erhöhen ihre Produktion. Das größere Angebot senkt die Preise; dadurch lohnen sich Investitionen weniger. Das Angebot sinkt, so dass die Preise steigen, bis wieder mehr investiert wird. Dazu kommen weitere Zyklen, etwa der von Kondratjew: rund alle 50 Jahre lösen technische Innovationen einen Investitionsschub aus.

 

Nicht seine Zyklus-Theorie ist originell, sondern Armstrongs Idee, er könne sie anhand der Vergangenheit exakt berechnen: „Die Geschichte ist eine Straßenkarte für die Zukunft.“ Wie viele selbst ernannte Finanzgurus, die behaupten, durch ihre Zauberformel wüssten sie genau, wann der nächste Börsen-boom oder –crash kommt. Solche Leute inserieren meist auf hinteren Seiten von Spekulanten-Blättern. Ihre Anhänger schwören auf ihre Voraussagen; kein Guru ohne Gläubige.

 

7 Jahre Beugehaft + 5 Jahre normale Haft = Strafe

 

Armstrongs übrige Thesen sind banal: Die meisten Staaten haben so hohe Schulden, dass sie diese nie abtragen können. Großbanken sind mit Regierungen verfilzt und benutzen sie für ihre Profite. Kriege sind oft ökonomisch bedingt und lösen neue Wirtschaftskrisen aus. Mehr und präzisere Informationen als diese Plattitüden liefert der Wirtschaftsteil jeder Zeitung.

 

Da eine VWL-Lesung für Anfänger keinen Film trägt, füllt die zweite Hälfte der Leidensweg des Martin Armstrong. 1999 wird er verhaftet; er soll Anleger mit einem Schneeball-System betrogen haben. Armstrong weigert sich, Unterlagen herauszugeben, und wandert in Beugehaft, die sieben Jahre dauert. Nach einem Schuldeingeständnis sitzt er weitere fünf Jahre ab; 2012 wird er entlassen.

 

Schmutzige Russland-deals an der Wallstreet

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Martin Armstrong im Magazin „Wirtschaftswoche“ vom 13.04.2015

 

und hier eine Besprechung des Films „The Wolf of Wallstreet“pechschwarze Börsen-Komödie mit Leonardo DiCaprio von Martin Scorsese

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-Thriller “Der große Crash – Margin Callvon JC Chandor mit Kevin Spacey

 

und hier einen Bericht über die Doku “Cinema Jenin” – über Kino-Restaurierung in Palästina von Marcus Vetter.

 

Das hält Regisseur Vetter für „einen der spannendsten Wirtschaftsthriller der Geschichte“, den er ausgiebig auswalzt: mit allerlei statements von Geschäftspartnern und Anwälten – auch Mutter und Tochter fehlen nicht. Trotz oder gerade wegen des vielstimmigen Chors bleibt die Sache diffus.

 

Armstrong sieht sich als Opfer eines mächtigen „Clubs“ von Wallstreet-Strippenziehern, die schmutzige deals mit Russland machten und nach seinem Geheimcode gierten. Doch der Held blieb standhaft und saß lieber zwölf Jahre hinter Gittern. Träfe dies zu, wäre das ein handfester US-Justiz- und Politskandal.

 

November-Vortrag für 2500 Dollar

 

Die Frage bleibt offen, denn Regisseur Vetter versäumt, die Gegenseite zu befragen. Er belässt es bei Armstrongs Paranoia-Version, die er unfassbar fad bebildert: Bleistiftskizzen wechseln mit talking heads, die sich weitschweifig erinnern, ohne dass ihre bits and pieces eine nachvollziehbare Geschichte ergäben.

 

Da ist Armstrong ein besserer Redner. Er nennt seine Vorträge pompös „World Economic Conference“ und hält sie weltweit in Luxus-Hotels: etwa am 28./29. November 2015 in Berlin. Das wird aufregend, denn für Anfang Oktober sagt die Kassandra den nächsten crash am Anleihemarkt voraus. Die Teilnahme kostet nur 2500 US-Dollar – jetzt gleich buchen! Obwohl schon acht Euro Eintritt für diesen Kinofilm vergeudet sind: Wer krude Verschwörungstheorien will, muss nur video clips des erzkonservativen US-Senders Fox News Channel aufrufen.


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