Berlin

ZERO − Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre

Ausstellungsansicht: Nagel-Lichtscheiben von Günter Uecker (Detail). Foto: David von Becker, © ZERO foundation

Vom Werk zum Ereignis: Die Gruppe ZERO machte in der Nachkriegszeit Tabula rasa und schuf aus Licht, Wind und Feuer völlig neue Kunst. Die zeigt der Martin-Gropius-Bau in allen Facetten − und wie sie damit der heutigen Event-Kultur den Weg ebnete.

Eine neue Kunst für das technische Zeitalter: Die Gruppe ZERO suchte ab 1958 nach einem radikal anderen Kunstverständnis. Ihre Mitglieder Heinz Mack, Otto Piene − der 2014 starb − und Günther Uecker lösten sie 1966 auf. Doch in jüngster Zeit erfährt ZERO wieder mehr Aufmerksamkeit; dem Trio waren sogar schon drei Ausstellungen in Teheran gewidmet.

 

Info

 

ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre

 

21.03.2015 – 08.06.2015

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Katalog 29,95 €

 

Weitere Informationen

 

Nun zeigt der Martin-Gropius-Bau (MGB) als mittlere Station die bislang größte ZERO-Schau überhaupt mit mehr als 200 Werken von rund 40 Künstlern; sie kommt aus New York und wandert im Sommer nach Amsterdam. Dazu bietet der Veranstalter, die 2008 gegründete ZERO foundation, ein beeindruckendes Panoptikum von Arbeiten auf: Wasser- und Wind-Installationen, Feuerbilder von Piene und Bernard Aubertin, rotierende Nagelscheiben von Uecker und den kompletten „Lichtraum“, den Piene, Mack und Uecker 1964 für die documenta III einrichteten.

 

Mondscheibe + Glühlampen-Kugel

 

In den MGB-Lichthof hat Mack eine riesige, silberne und schwarze Mondscheibe gehängt. Daneben leuchtet eine der für Piene typischen Glühlampen-Kugeln. Ringsum wird die Geschichte von ZERO-Ausstellungen und -Aktionen anhand von Presseausschnitten und Kurzfilmen umfassend und anschaulich nacherzählt. Damit nicht genug: Ein üppiges Rahmenprogramm von Musikabend bis zwölfstündiger performance-Nacht soll die Aktualität dieser Kunst demonstrieren.

Impressionen der Ausstellung


 

Der alte Traum der Avantgarden

 

Darum geht es: ZERO sei kein abgeschlossenes Kapitel der Nachkriegskunst, so die These, sondern sein Einfluss bis heute allgegenwärtig. So verkündet die Ausstellungs-Zeitung „dynamo“ mit stattlichen 80.000 Exemplaren Auflage in roten Balkenlettern: „ZERO lebt!“. Das begründet sie mit Artikeln zu allen Daseinsbereichen, inklusive Architektur, Mode und Küche: der alte Traum der Avantgarden, das Leben künstlerisch zu gestalten.

 

Das ist ziemlich dick aufgetragen. Mack selbst spricht von „historischer“ Kunst: „Ich lebe noch“, sagt er, „aber das heißt nicht, dass auch ZERO unbedingt noch leben muss.“ Warum soll diese zeitlich eng begrenzte Kunstbewegung, die vor fast 50 Jahren endete, nun auf einmal aktuell und zukunftsfähig sein? Was war das für eine Gruppe, die eigentlich nur aus drei Leuten bestand, und welcher Bewegung gehörten die 43 Künstler an, die in der Ausstellung vertreten sind?

 

Die Welt außerhalb des Menschen ist größer

 

ZERO wurde von Piene und Mack am 24. April 1958 offiziell gegründet. Zugleich veröffentlichten sie die erste Nummer der Zeitschrift ZERO 1, die den Namen in die Öffentlichkeit trug. Beide propagierten eine Kunst, die den Subjektivismus der Nachkriegs-Malerei in Informel und Tachismus beseitigen sollte. Das erschien ihnen als romantische Suche nach Tiefe: der Versuch, mit abstrakten Farbflecken das Unbewusste auf die Leinwand zu übertragen.

 

Dem setzte Mack entgegen: „Die Oberfläche bitte nicht unterschätzen.“ Und Piene ergänzte: „Ein Blick zum Himmel, in die Sonne, auf das Meer genügt zu zeigen, dass die Welt außerhalb des Menschen größer ist als die in ihm.“ ZERO wollte im Geist des Fortschritts-Optimismus‘ der 1950/60er Jahre die Errungenschaften von Technik und moderner Zivilisation künstlerisch nutzbar machen. Ein apolitischer Ansatz: „Es war wirklich dieser Wunsch, das Leben noch einmal von vorne zu beginnen […], dass eine neue Welt entdeckt werde“, so Mack.

 

Keine Bewegung, sondern Assoziation

 

Die internationale Resonanz war groß. Viele Künstler suchten ähnlich nach neuen Wegen; manche eng mit ZERO verflochten wie die niederländische Gruppe NUL, andere parallel und ohne Austausch, etwa die japanische „GUTAI“-Vereinigung. Was im MGB als einheitliche Bewegung von 43 ZERO-Künstlern präsentiert wird, war eher eine lockere Vernetzung oder Assoziation. Nur Uecker trat ZERO 1961 offiziell bei; zu dritt organisierte man eine Reihe von Ausstellungen, in denen andere Künstler vorgestellt wurden. Etliche unter ihnen, die ZERO mehr oder weniger eng verbunden waren, sind in der Schau vertreten.

 

Etwa Lucio Fontana mit eingeschlitzten Leinwänden (concetto spaziale); die monochromen Bilder von Ueckers Freund Yves Klein und die „achromen“ („farblosen“) von Piero Manzoni, der Gips oder Fell auf die Leinwand auftrug. Ebenso die kinetischen Skulpturen von Jean Tinguely: Kurzfilme zeigen seine Maschinen, die nach dem Zufalls-Prinzip abstrakte Bilder produzierten.

 

Licht als Medium des Gestaltens

 

Diese Exponate gliedert die Ausstellung nach formalen Kriterien: Zeit und Raum, Farbe, Struktur, Vibration, Bewegung, Licht und Feuer. In diesen Kategorien dachten die Künstler selbst: Ihnen lag daran, optische Phänomene sichtbar zu machen und die bewusste Wahrnehmung zu erweitern. Macks Skulptur „Siehst du den Wind? Gruß an Tinguely“ macht etwa − ganz im Sinne von dessen kinetischer Kunst − Luftbewegungen sichtbar: durch flatternde Aluminium-Bänder an einem Ventilator.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Doppel-Ausstellung „Otto Piene – More Sky“ – große Retrospektive des ZERO-Künstlers in der Neuen Nationalgalerie und der Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Heinz Mack in Berlin: Works from 1958 – 2012 – Retrospektive des ZERO-Mitbegründers in der Galerie Arndt, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Doku “Jean Tinguely” – Porträt des schweizerischen Kinetik-Künstlers von Thomas Thümena

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Aufbruch. Malerei und realer Raum“ über experimentelle Kunst der 1950/60er Jahre in Berlin, Würzburg + Rostock

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Attila Csörgö: Der Archimedische Punkt” über den ungarischen Lichtobjekt-Tüftler in der Kunsthalle, Hamburg. 

 

Mack begreift Licht als apollinischen Geist der Klarheit. Licht ist kein bloßes Medium des Zeigens, sondern des Gestaltens − wie andere elementare Materialien, etwa Feuer, Wasser, Eis, Glas oder Aluminium. Alles kann Werkstoff von Kunst im Raum werden: Bewegungen sollen Sinnlichkeit mit Rationalität verbinden. So wird der Künstler zum Demiurgen. Im Film „Tele-Mack“ von 1968 stellt er sich ironisch als Suchenden dar: als modernen Nachfahren des antiken Helden Telemachos, der vermeintlich vaterlos durch die Wüste wandert und eine science fiction-Welt aus Licht erschafft.

 

Wandel als Prinzip

 

Für die ZERO-Leute war Kunst nicht Werk, sondern Gestaltung − im niemals endenden, quasi naturwissenschaftlichen Experiment, wie es bereits der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy praktiziert hatte. ZERO stehe „für die unmessbare Zone, in der ein alter Zustand in einen unbekannten neuen übergeht“, definierte Piene: Wandel als Prinzip.

 

Damit prägte die Gruppe ein neues Verständnis vom Medium und beeinflusste nicht nur die Op-Art der 1960/70er Jahre, sondern auch heutige Künstler, die ebenfalls mit Licht- und Naturerscheinungen arbeiten; etwa Olafur Eliasson, Dan Flavin oder James Turrell. Ihre Installationen machen Bewegung, Vibration und Kommunikation sichtbar.

 

Sinnesreize für Erlebnisräume

 

Zugleich brachte ZERO ein neues Verständnis von Kreativität hervor: als Ausdruck einer Kunst, die sich nicht ans Werk klammert und als permanentes Experiment von materiellen Zwängen frei wird. Das ist tatsächlich sehr aktuell: Es findet sich in der Populärkultur überall dort, wo Erlebnisräume geschaffen werden sollen.

 

Popkonzerte sind nicht mehr statischer Vortrag vor passivem Publikum: Musik wird von Licht- und show-Effekten begleitet, während die Zuhörer tanzen. Kulturveranstaltungen verwandeln sich in events: synästhetische Ereignisse aus Licht und Raum, Klang und Bewegung. Dieser „Eventisierung“, die Wirklichkeitsbezug durch Sinnesreize ersetzt, hat ZERO Vorschub geleistet; insofern war sie eine der einflussreichsten Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts.


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