Susanne Bier

Zweite Chance

Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) verliert die Nerven. Foto: © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH
(Kinostart 14.5.) Zwangsadoption in Dänemark: Ein vorbildlicher Polizist nimmt einem Junkie-Paar das Kind weg, weil es bei ihm besser aufgehoben sei. Damit lotet die Oscar-prämierte Regisseurin Susanne Bier erneut moralische Grenzbereiche aus.

Es ist so eine Sache mit der Alltagsmoral; sie wird von klaren Grenzen und Vorstellungen über Richtiges und Falsches geprägt. Wenn jemand diese Grenzen verwischt oder überschreitet, fällen Andere meist schnell ein Urteil über ihn.

 

Info

 

Zweite Chance

 

Regie: Susanne Bier,

104 Min., Dänemark 2014;

mit: Nikolaj Coster-Waldau, Maria Bonnevie, Ulrich Thomsen

 

Website zum Film

 

Die dänische Regisseurin Susanne Bier ist Expertin für Geschichten aus moralischen Grenzbereichen. 2011 erhielt sie für ihren Film „In einer besseren Welt“, in dem sie zwei Familiendramen miteinander verknüpfte, den Auslands-Oscar. Mit „Zweite Chance“ knüpft sie an die gleiche Thematik an: Rechtfertigen gute Absichten eine moralisch verwerfliche Handlung?

 

Protagonisten-Perspektiven im Konflikt

 

Erneut manövriert Bier ihre Protagonisten in eine Extremsituation, die ihre scheinbar heile Welt so erschüttert, dass plötzlich nicht mehr klar ist, welche Handlungsweise richtig wäre. Bier gelingt es erneut, die unterschiedlichen Perspektiven ihrer Protagonisten so plausibel und menschlich einander gegenüber zu stellen, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als über eigene Grenzen nachzudenken.

Offizieller Filmtrailer


 

Muster- gegen Lotterleben

 

Die Polizisten Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) und Simon (Ulrich Thomsen) stehen in ihrem Leben an verschiedenen Punkten. Andreas ist glücklich verheiratet, gerade stolzer Vater geworden und wohnt mit Frau und Kind in einem Traumhaus am Meer: In seinem perfekt geordneten Leben scheint alles am rechten Platz zu sein.

 

Simon ist frisch geschieden und hält die Einsamkeit in seiner verlotterten Junggesellen-Bude nur schwer aus. Er trinkt zuviel und besucht strip clubs; Andreas muss ihn regelmäßig vor Schlägereien bewahren und nach Hause bringen. Eines Tages werden die befreundeten Kollegen zu einem Einsatz wegen Ruhestörung gerufen.

 

Baby-Fund im Badezimmer

 

Das stadtbekannte junkie-Pärchen Tristan (Nikolaj Lie Kaas) und Sanne (May Andersen) hat schon öfter für Ärger gesorgt, aber diesmal geht Andreas unter die Haut, was er sieht: Im Bad ihrer Wohnung findet er einen verwahrlosten, dreckigen Säugling − etwa im gleichen Alter wie sein eigener Sohn.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Serena" - Ehe-Drama in den USA der 1920er Jahre von Susanne Bier

 

und hier einen Bericht über den Film Die Jagd – dänisches Psycho-Drama über Kindesmissbrauch von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen

 

und hier einen Beitrag über den Film Love Is All You Need – beschwingte Sommerkomödie mit Pierce Brosnan von Susanne Bier

 

Doch der kleine Sofus ist weder unterernährt noch misshandelt. Daher entscheiden die Behörden, den Eltern ihr Kind nicht wegzunehmen; Andreas kann diese Entscheidung nur schwer akzeptieren. Dann wird er von einem Schicksalsschlag getroffen, der seine Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Um diese gefühlte Ungerechtigkeit auszugleichen, trifft Andreas eine folgeschwere Entscheidung.

 

Erfundene Entführung

 

Er entführt Sofus − im festen Glauben, dass das Kind bei ihm und seiner Frau besser aufgehoben ist. Dessen Eltern Tristan und Sanne erfinden gegenüber den Behörden eine andere Entführungsgeschichte, um das Verschwinden ihres Sohnes zu erklären. Die Ermittlungen in diesem Fall übernehmen ausgerechnet Andreas und Simon.

 

Mehr sei von der Handlung nicht verraten. Wie Regisseurin Bier ihren plot und die sich daraus ergebenden Konsequenzen Schritt für Schritt aufbaut, ist schlicht meisterhaft: Die stringente und spannende Handlung, die ganz unaufgeregt inszeniert ist, entwickelt einen starken Sog.

 

Zu dieser Wirkung trägt vor allem Nikolaj Coster-Waldau bei, der international durch die erfolgreiche US-Fantasy-Serie „Games of Thrones“ bekannt wurde. Doch auch das übrige Schauspielerensemble agiert versiert in einer stets beklemmenden Atmosphäre: ein dichter und verstörender Film, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Mit ihm beweist Susanne Bier einmal mehr, dass sie zu den interessantesten Regisseurinnen des europäischen Kinos zählt.


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