Gotha + Kassel + Weimar

Bild und Botschaft – Cranach im Dienst von Hof und Reformation

Lucas Cranach d. J.: Christus und die Ehebrecherin, um 1535/40, Foto: © Klassik Stiftung Weimar

Erfinder der modernen Bildpropaganda: Mit ihrer Werkstatt entfesselten Vater und Sohn Cranach eine zuvor ungekannte Massenproduktion. Ohne ihre Grafiken hätte sich die Reformation nie durchgesetzt – das zeigen zwei Ausstellungen in Gotha und Weimar.

Große Ereignisse werfen ihre Ausstellungen voraus: 2017 wird es 500 Jahre her sein, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte – der Beginn der Reformation. Im Vorfeld des Jubiläums sind mehrere „Themenjahre“ angesetzt, derzeit zu „Bild und Botschaft“. 1515 kam mit Lucas Cranach d. J. einer der bedeutendsten Künstler dieser Epoche zu Welt: willkommener Anlass für ein vielerorts begangenes „Cranach-Jahr“.

 

Info

 

Bild und Botschaft – Cranach im Dienst von Hof und Reformation

 

29.03.2015 – 19.07.2015

täglich 10 bis 17 Uhr

im Herzoglichen Museum, Parkallee 15, Gotha

 

Katalog 24,95 €,

Magazin 9,80 €

 

Weitere Informationen

 

21.08.2015 – 29.11.2015

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr

mittwochs bis 20 Uhr

im Museum Schloss Wilhelmshöhe, Kassel

 

Weitere Informationen

 

Bild und Botschaft – Cranach in Weimar

 

03.04.2015 – 28.06.2015

täglich außer montags

9.30 bis 18 Uhr

im Schiller-Museum, Schillerstr. 12, Weimar

 

Katalog 23 €

 

Weitere Informationen

 

Allein in Thüringen finden in fünf Städten Cranach-Schauen statt; die beiden größten in Gotha – sie wandert im August nach Kassel – und Weimar. Im Mittelpunkt steht allerdings das Schaffen von Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553): Der Vater baute als Hofmaler der sächsischen Kurfürsten ab 1505 in Wittenberg eine Werkstatt auf, deren in Serie angefertigte Darstellungen das Bild der Reformationszeit dauerhaft prägen sollten. Nach seinem Tod führte sein ihm ebenbürtiger Sohn den Betrieb noch 33 Jahre lang erfolgreich weiter.

 

5000 Gemälde in acht Jahrzehnten

 

Die Produktivität der Cranach-Werkstatt war sagenhaft. In acht Jahrzehnten soll sie rund 5000 Gemälde hergestellt haben, von denen noch mehr als 1000 nachweisbar sind. Dazu kommen Abertausende von Holzschnitten, Kupferstichen u. v. m. Die Cranachs waren für den sächsischen Hof quasi allround-Ausstatter; sie entwarfen ebenso Architektur-Elemente, Wanddekorationen, Wappen, Turnier-Decken und Hofkleidung. Dafür erhielt Cranach d. Ä. ein Spitzengehalt von 100 Gulden im Jahr – vergleichbar mit der Besoldung hoher Minister.

 

Ähnlich wie Dürer war auch Cranach ein hervorragender Geschäftsmann, der sein Geld gut anlegte: Er besaß mehrere Häuser und Grundbesitz, betrieb eine Apotheke, war Verleger, Papierhändler und Teilhaber einer Druckerei. Beide Cranachs wurden zudem langjährige Ratsmitglieder und Bürgermeister in Wittenberg.

Impressionen der Ausstellung im Herzoglichen Museum Gotha


 

Baukasten-Prinzip für Serien-Herstellung

 

Dieser Erfolg gründete auf ihrer straff organisierten Werkstatt; ihre zahlreichen Gesellen und Lehrlinge waren strenger Disziplin unterworfen. Sie arbeiteten nach einer Art Baukasten-Prinzip: Für sakrale Kunst gab es kleinformatige Muster-Zeichnungen, die zu verschiedenen Kompositionen zusammengesetzt wurden. Für Porträts – etwa von Fürsten oder Reformatoren – verwendete man Vorlagen, deren Bart- und Haarfarbe je nach Alter angepasst wurden.

 

Solche Massenproduktion erschwert die Zuschreibung, welches Bild von wem stammt – welchen Anteil Vater, Sohn und ihre etlichen Gehilfen daran hatten. Sie erklärt aber, warum Erzeugnisse der Wittenberger Werkstatt enorme Verbreitung fanden und Wirkung entfalteten. Die visuelle Vorstellung, die sich Millionen von Protestanten weltweit von den Begründern ihrer Glaubensrichtung machen, stammt meist aus dem Hause Cranach.

 

Papst als Werkzeug des Teufels

 

Das steht im Zentrum der Gothaer Ausstellung im Herzoglichen Museum: Die Rotunde in der Saalmitte ist „Propaganda“ gewidmet. Der tief gläubige Kurfürst Friedrich der Weise (1463-1525) unterstützte den Mönch Martin Luther, der gegen Kaiser und Papst aufbegehrte; nach Luthers Ächtung auf dem Reichstag zu Worms 1521 ließ er ihn auf der Wartburg unterbringen. Friedrichs Hofmaler bebilderte die Staatsaffäre: mit perfiden Grafiken, auf denen der Papst zum Gehilfen des Teufels wird oder grässliche Monster die Papstkrone tragen.

 

Zugleich porträtierte er seinen Freund Luther in allen Lebenslagen: als asketischen Mönch, mit Doktorhut, unter seiner Tarnidentität „Junker Jörg“ auf der Wartburg, als treuen Gatten seiner Frau Katharina von Bora oder als gelehrten Prediger. Wie auch Philipp Melanchthon und weitere Reformatoren: Oft auf einem Blatt mit den sächsischen Kurfürsten, Philipp von Hessen und anderen Landesherren. Die Botschaft war klar: Die protestantischen Fürsten, die 1531 den Schmalkaldischen Bund geschlossen hatten, schützen den wahren Glauben.

 

Bilder-Botschaften für 90 Prozent Analphabeten

 

Dessen Inhalte sollten einem Volk vermittelt werden, das zu 90 Prozent analphabetisch war. Dafür entwickelte Cranach d. Ä. den Gemälde-Typ „Gesetz und Gnade“, der als „einzige Lutherische Neuschöpfung in der Bildenden Kunst“ gilt: Links ist das Alte Testament mit Sündenfall und den zehn Geboten zu sehen, rechts das Neue Testament mit Kreuzigung und Auferstehung Christi; dorthin wendet sich ein nackter Mensch. Ganz im Sinne der protestantischen Maxime sola gratia: Nur der Glaube an Gottes Gnade weist den Weg zur Erlösung.


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