Dresden

Blicke ! Körper ! Sensationen ! Ein Anatomisches Wachskabinett und die Kunst

Ein Mädchen vom Blitz erschlagen, Werkstatt unbekannt, Wachsmodell, um 1900, © Deutsches Hygiene-Museum, Foto: David Brandt. Fotoquelle: Deutsches Hygiene Museum Dresden

Verheerungen der Wirklichkeit: Im 19. Jahrhundert zeigten Wachsmodelle, was man über Körper und Krankheiten wusste. Ein historisches Panoptikum kontrastiert das Deutsche Hygiene-Museum mit Körperbildern der Gegenwartskunst – Wachs ist härter.

„Hereinspaziert, meine Damen und Herren! Bloß keine Scheu oder falsche Scham – wir zeigen ALLES: die Körper von Mann, Weib und Kind als nackte Tatsachen, samt ihrer inneren Organe, Missbildungen, Versehrungen und ansteckenden Krankheiten. Sie werden aus dem Staunen nicht herauskommen; das ist Aufklärung zum Wohle der Volksgesundheit.“

 

Info

 

Blicke ! Körper ! Sensationen ! Ein Anatomisches Wachskabinett und die Kunst

 

11.10.2014 – 28.06.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Deutschen Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, Dresden

 

Katalog 24,90 €

 

Weitere Informationen

 

So mag es auf Rummelplätzen geklungen haben, wenn Schlepper eines „Anatomischen Panoptikums“ um Kundschaft warben. Derartige Wachsfiguren-Kabinette waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr populär: Sie boten realistische Anschauung von sonst prüde verhüllten Körperteilen und vermittelten medizinisches Grundwissen. Womit sie Neugier und Wissbegier zugleich befriedigten; dafür zahlte man gerne Eintritt.

 

Rückkauf von finnischen Artisten

 

Eine solche Kollektion entstand um 1900 auch in Dresden, zum großen Teil in der Werkstatt von Rudolf Pohl. Die „Sammlung Anatomisches Panoptikum“ (SAP) wurde unterschiedlich genutzt, wechselte mehrfach den Besitzer und landete schließlich bei einer finnischen Artisten-Gruppe. 2009 kaufte das Deutsche Hygiene-Museum die rund 200 Wachsmodelle an, ließ sie restaurieren und präsentiert sie nun erstmals öffentlich.

Impressionen der Ausstellung


 

Junge Nackte mit rasierter Scham spreizt Schenkel

 

Klugerweise nicht als kunsthandwerkliche, sondern kulturhistorische Ausstellung: Im Mittelpunkt stehen weniger Schauwert oder raffinierte Machart der Modelle, sondern die Frage, was sie über die damalige Sicht auf den menschlichen Körper verraten – und wie sie sich seither verändert hat.

 

Dazu stellt Kuratorin Eva Meyer-Hermann dem Panoptikum einen ausgedehnten Prolog mit zeitgenössischer Kunst voran. Es geht los mit einem visuellen Paukenschlag: ein kahler weißer Raum, in der Mitte eine Art Seziertisch, darauf der lebensechte Silikon-Abguss einer jungen, nackten Frau von Paul McCarthy. Sie scheint zu schlafen, ihre Schenkel sind leicht gespreizt, die Scham ist rasiert – alles entspricht dem Klischee verführerischer Hingabe. Doch da liegt nur eine Kunststoff-Figur.

 

Mit Menstruationsblut im Weltall trudeln

 

Ähnlich starke Reize senden die meisten der knapp 50 Werke aus. „Nichts fasziniert den Menschen mehr als sein eigenes Abbild“, hält die Kuratorin fest – und breitet allerlei bizarren Varianten aus. Pia Stadtbäumer lässt zwei Skulpturen einer Frau, denen je ein Fuß fehlt, zu siamesischen Zwillingen zusammenwachsen.

 

Louise Bourgeois radiert Leiber, die sich wie unter hysterischen Spasmen aufbäumen. Paul Thek besetzt einen Krieger-Torso wie von Michelangelo mit roten Wachsstücken, als sei das Körperfleisch nach außen gestülpt. Pipilotti Rist inszeniert ihren „Blutclip“ von 1993 wie ein Musik-Video: Die Kamera tastet ihre mit Glasperlen und Menstruationsblut bedeckte Haut ab, während sie scheinbar durchs Weltall trudelt.

 

Anatomie-Modell eines Motorrads

 

Noch einfacher provozierte Valie Export 1969 mit ihrer „Aktionshose Genitalpanik“: Ein Loch im Schritt gab den Blick auf ihr Geschlecht frei. Über dessen Tabuisierung mokiert sich Robert Gober mit seiner Wachsplastik: Der Frauenschoß ‚gebiert‘ ein Männerbein samt Strumpf und Schuh – eine Aktualisierung des Gemäldes „L’origine du monde“ („Der Ursprung der Welt“, 1866) von Gustave Courbet: Sein naturalistisches Schoß-Bild wurde 1988 erstmals öffentlich gezeigt.

 

Auf die Anblicke, die den Besucher im Panoptikum erwarten, stimmt ausgerechnet ein Motorrad ein: Alexandra Bircken hat es mittig sauber zerteilt. Nun schaut man in das Innere des Motors, als sei er ein Anatomie-Modell, wobei die Maschine unbrauchbar geworden ist: curiosity killed the bike. Solche Zerlegung zu Demonstrations-Zwecken hat eine lange Tradition, wie die folgende „Wunderkammer“ vorführt. Kupferstiche und Präparate seit dem 16. Jahrhundert machen deutlich, dass Forschung und Schaulust stets innig vereint waren.

 

Arzt schiebt Arm in den Uterus

 

Beide kommen im SAP-Kabinett zum Höhepunkt. An den Wänden hängen Schautafeln, in Vitrinen stehen oder liegen die Wachsmodelle aus – Beschriftung in mehreren Sprachen lässt ihren wechselhaften Werdegang erahnen. Abgesehen von vergilbten oder nachgedunkelten Oberflächen wirken sie verblüffend naturgetreu. Und sie zeigen Phänomene, die außer Medizinern fast niemand je zu sehen bekommt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Queensize – Female Artists from the Olbricht Collection“ über weibliche Wahrnehmung des Körpers im me Collectors Room, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Das nackte Leben: Bacon, Freud, Hockney und andere“ über Körper-Malerei in London 1950–80 im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „I killed my dinner with karate“ – drastische Körper-Fotografie von Franziska Strauss in Chemnitz + Böblingen

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Die Leidenschaften – Ein Drama in fünf Akten“ im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden.

 

Beispielsweise die Wendung eines Kindes im Mutterleib in die richtige Lage für die Geburt: Dazu schiebt der Arzt seinen Arm bis in den Uterus. Nasenpolypen- und Blasenstein-Operationen sind vollplastisch ausgeführt; so lernen Chirurgen das korrekte Vorgehen. Am stärksten beeindrucken aber Abformungen diverser Leiden, so genannte Moulagen: Sie geben Stadien des Verfalls wieder, die dank moderner Heilungsmethoden kaum noch vorkommen.

 

Blaue Adern auf Brust nach Blitzschlag

 

Etwa Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper: Blieben Infizierte unbehandelt, waren ihre Organe grässlich entstellt. Ebenso bei Tuberkulose, damals eine Massenseuche – was sie im Körperinneren anrichtete, lässt sich hier in allen furchtbaren Details studieren. Oder die Folgen von Blitzschlag, der jährlich rund 300 Menschen tötete: Eine lebensgroße Frauenfigur weist blau gefärbte Äderungen an der Brust auf.

 

An diese Monströsitäten-Schau schließt ein Kabinett mit Klassikern des Surrealismus an: von den verdrehten Puppen-Torsi eines Hans Bellmer bis zur berühmten Szene aus dem Kurzfilm „Un chien andalou“ („Ein andalusischer Hund“, 1929) von Luis Buñuel und Salvador Dalì; darin wird scheinbar das Auge einer jungen Dame zerschnitten.

 

Wider unkende Kulturpessimisten

 

Doch diese künstlichen Schrecken reichen kaum an diejenigen im Panoptikum heran – dessen Wachsmodelle zur Belehrung und Warnung man vor hundert Jahren gesittet betrachtete. Offenbar tendieren also Körper-Darstellungen nicht dazu, ständig schamloser, grausamer und abartiger zu werden, wie Kulturpessimisten unken: Die meisten Gewaltphantasien in Filmen und Computerspielen wirken dezent im Vergleich zu den Verheerungen der Wirklichkeit.


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