Berlin

Jahrhundertzeichen – Tel Aviv Museum of Art visits Berlin

Yael Bartana: Jewish Renaissance Movement in Poland (Video-Installation, Still), 2011, Tel Aviv Museum of Art, Foto: ohe

Im Martin-Gropius-Bau ist Israels größtes Kunstmuseum aus Tel Aviv zu Gast: mit Meisterwerken der Moderne und Gegenwartskunst. Die verblüfft mit fantasievoll frechen Provokationen und überraschenden Nahost-Schlaglichtern – eine gelungene Kombination.

50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik: Aus diesem Anlass schickt das Tel Aviv Museum of Arts rund 70 Kunstwerke aus seiner Sammlung in den Martin-Gropius-Bau. Die Zusammenstellung von klassischer Moderne und Gegenwarts-Künstlern ergibt eine gelungene Ausstellung, die so bewegend wie anregend ist.

 

Info

 

Jahrhundertzeichen –
Tel Aviv Museum of Art visits Berlin

 

27.03.2015 – 21.06.2015

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Katalog 25 €

 

Weitere Informationen

 

Es ist ein „Jahrhundertzeichen“, dass diese Ausstellung stattfindet, und sie zeigt Werke von Jahrhundert-Künstlern: Claude Monet und Max Ernst, Marc Chagall und Pablo Picasso, Jackson Pollock und Mark Rothko. Sie werden in elf Räumen von drei Kuratorinnen aus Tel Aviv mit zeitgenössischen Arbeiten so kombiniert, dass sie sich auf gemeinsame Schwerpunkte beziehen; im Dialog oder Widerstreit.

 

1932 im Bürgermeister-Haus gegründet

 

Jeder Raum hat ein Thema, etwa „Stadt und Land“ oder „Still/ Bewegt“. „Dizengoffs Vision“ erzählt die Entstehungsgeschichte des Museums: Es wurde 1932 im Privathaus des damaligen Bürgermeisters von Tel Aviv eingerichtet. Gründungsdirektor war bis 1947 Karl Schwarz, ein Kunsthistoriker aus Berlin. Er besuchte Künstler und Sammler weltweit und bat sie um Schenkungen: So kam der Grundstock der Kollektion zustande.

Impressionen der Ausstellung


 

Massenbewegung für jüdische Renaissance in Polen

 

Diese Klassiker der Moderne werden mit aktuellen Arbeiten konfrontiert. Israelische Gegenwartskunst beeindruckt durch ihre politische Dimension; diese steigert den ästhetischen Ausdruck, ohne künstlich aufgepfropft zu wirken. So wirbt Yael Bartana mit einer Video-Installation für seine Bewegung zur „jüdischen Renaissance in Polen“; damit machte er im polnischen Pavillon auf der Biennale 2011 in Venedig Furore.

 

Im Stil totalitärer Massenmobilisierung lässt Bartana Aktivisten der fiktiven „Bewegung“ im Warschauer Viertel Muranow, dem einstigen jüdischen Zentrum, einen Kibbuz in Originalgröße errichten. Dazu schlägt ein Manifest vertraute Propaganda-Töne an: „Das verheißene Paradies ist privatisiert worden – schließt euch uns an, und Europa wird überwältigt sein!“ Am Ende stirbt der Führer der Bewegung bei einem Attentat an drei Schüssen; eine Anspielung auf die Ermordung von Israels Regierungschef Jitzchak Rabin 1995.

 

Seit 1967 steht Jerusalems feinstes Hotel fast leer

 

Auf dem nach ihm benannten Platz in Tel Aviv steht ein Olivenbaum. Um ihn webt Raafat Hattab eine Film-Gedicht-Collage über die Vertreibung aus dem Paradies – aus palästinensischer Sicht. Dabei symbolisiert der Olivenbaum das arabische Dorf. Der Werkname „Bidoun Ounone“ kann sowohl „ohne Adresse“ als auch „ohne Titel“ bedeuten. Gegenüber hängt ein glühend orange-rotes Farbfeld-Bild von Mark Rothko: ebenfalls „ohne Titel“.

 

Unbestimmt erscheint auch der Ort, den Nir Evron gefilmt hat: das Hotel „Seven Arches“ auf dem Ölberg in Ostjerusalem. In diesem Hotel wurde 1964 die PLO gegründet; es war damals die feinste Adresse der Stadt. Seit dem Sechstage-Krieg 1967 steht es praktisch leer, ist aber weiter in Betrieb; die israelische Regierung bezahlt die palästinensischen Angestellten. Evrons Film wirkt wie ein Bilderbogen aus Stillleben; mit poetischer Ruhe durchstreift die Kamera das fast verlassene Dornröschen-Hotel.

 

Souvenir-Shop für den Gaza-Kanal

 

Die gelungenste Video-Installation zeigt einen Ort, der nicht existiert: den „Gaza Canal“. Damit nimmt Tamir Zadok das zionistische Aufbau-Pathos auf die Schippe. Sein mockumentary steht in der Tradition des „Blaumilchkanals“: Der Satiriker Ephraim Kishon beschrieb 1969 einen durchgedrehten Arbeiter, der nicht mehr zu graben aufhört, bis er das Meer erreicht; das wird von der Stadtverwaltung als beabsichtigtes Projekt umgedeutet. Der „Gaza Canal“ ist das Gegenstück: ein Werbefilm für das Projekt eines Kanals, der den Gaza-Streifen zur Insel machen würde. Dafür hat Zadok schon Souvenirs entworfen: Kaffeebecher, T-Shirts und Badetücher.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Moshe Gershuni – No Father No Mother“ – erste Ausstellung eines israelischen Künstlers in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “R.B. Kitaj (1932 – 2007): Obsessionen” – Retrospektive des jüdischen Pop-Art-Künstlers in Berlin + Hamburg

 

und hier einen Bericht über die Jubiläums-Ausstellung “Heimatkunde – 30 Künstler blicken auf Deutschland” zum 10-jährigen Bestehen im Jüdischen Museum Berlin.

 

In der Abteilung „Die Welt von Gestern“ erscheinen religiöse Extreme und Widersprüche. Das bekannteste Gemälde der Ausstellung dürfte „Solitude“ (1933) von Marc Chagall sein: Es zeigt einen Juden mit Thora-Rolle, daneben eine weiße Kuh mit Geige. Sie wird dem weißen Zicklein „Chad Gadya“ gegenübergestellt, das am Vorabend der Pessach-Feier besungen wird.

 

Diktatoren wüten mit Papierdrachen

 

Eine gleichnamige Grafik-Serie entwarf El Lissitzky 1919; dabei nutzte er jüdische Ikonographie für kommunistische Agitation. Dazu läuft „Sabbath 2008“: Nira Pereg filmt orthodoxe Juden, welche die Straßen um ihre Wohnviertel sperren, damit sie am Sabbat-Feiertag nicht befahren werden.

 

Allerdings gibt es auch eher missratene Beiträge, etwa den nichtssagenden „Bauhaus-Baumsatz“ (2005) von Guy Ben-Ner. Auch die Installation „Wenn Diktatoren wüten“ von Michal Helfman überzeugt nicht. Sie bezieht sich auf Felix Nussbaums letztes Gemälde vor seiner Deportation nach Auschwitz: „Triumph des Todes“ (1944) mit auf Trümmern tanzenden Gerippen. Helfman will den Eindruck erwecken, die Skelette hätten soeben den Raum verlassen, doch bemalte Papierdrachen vermitteln weder Schrecken noch Entsetzen.

 

Ägyptischer Erotik-Film von 1975

 

Dafür entschädigt in den Folgesälen ein Potpourri an Meisterwerken. Am Ende steht eine Multimedia-Installation von Nevet Yithak: „Das Konzert“ bezieht sich auf ein Gemälde, das Jan Vermeer 1664 schuf. Yithak arrangiert eine digital animierte Orientteppich-Simulation und zwei Filmausschnitte. Einer zeigt in Nahaufnahme eine erotische Szene mit leidenschaftlichem Kuss – aus einem ägyptischen Film von 1975.


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