John Cusack

Love & Mercy

Nicht ohne unsere Feuerwehr-Helme: Brian Wilson (mi.) bei den Aufnahmen zum unvollendeten Album "Smile". Foto: Studiocanal

(Kinostart: 11.6.) Das Vokalharmonie-Genie: Als Kopf der Beach Boys hat Brian Wilson die Popmusik wie kein zweiter geprägt – nach beispiellosen Erfolgen stürzte er total ab. Seine Biographie verfilmt Regisseur Bill Pohlad voller Nuancen und Feingefühl.

God only knows what I’d be without you: Was wäre die Popmusik ohne Brian Wilson? Er hat ihr vorher ungeahnte Dimensionen eröffnet. Seine „Beach Boys“ – also Brians Brüder Carl und Dennis, ihr Cousin Mike Love und Jugendfreund Alan Jardine – waren vor allem gut aussehende und schön singende Jungs. Zu Beginn beherrschte Dennis kein Instrument; er konnte aber als Einziger surfen.

 

Info

 

Love & Mercy

 

Regie: Bill Pohlad,

120 Min., USA 2014;

mit John Cusack, Paul Dano, Paul Giamatti, Elizabeth Banks

 

Website zum Film

 

Allein Brians Genie machte aus dem Quintett eine der erfolg- und einflussreichsten Bands der Pop-Geschichte; zunächst mit einigen der zuckersüßesten Gassenhauer, die je auf Platte gepresst wurden. Als ihn der surf sound langweilte, wagte er sich auf unbekanntes Terrain: Seine Vokalharmonien wurden enorm komplex, die Struktur seiner Kompositionen immer offener – und das Mitte der 1960er Jahre, als Pop ansonsten noch am Viervierteltakt klebte.

 

Mini-Symphonie in 140 Sekunden

 

Im Mai 1966 wurde „Pet Sounds“ veröffentlicht, Brians opus magnum. Das Konzeptalbum sprengte mit seiner Atmosphäre romantischer Innerlichkeit und Sinnsuche alle Jugendkultur-Schubladen; Pop wurde erwachsen. Höhepunkt ist das Titelstück: eine rein instrumentale Klangcollage ohne Song-Struktur, Anfang oder Ende, in jedem Augenblick überraschend und ergreifend – quasi eine Mini-Symphonie in nur zweieinhalb Minuten: music from out of this world.

Offizieller Filmtrailer


 

Jahrelang bedröhnt das Bett hüten

 

Mit dem Nachfolger „Smile“ wollte Brian sich selbst übertreffen. Das Vorhaben wuchs ihm über den Kopf: Psychische Probleme, massiver Drogenkonsum und Streit mit der übrigen Band machten ihm den Garaus. Im September 1967 kam „Smiley Smile“ heraus: Die abgespeckte Variante enthielt neben zwei Hits schnell eingespielte Platzfüller und wurde ein Flop. Erst 2004 erschien eine späte Fassung des ursprünglich geplanten „Smile“-Albums.

 

Danach ging es mit allen Beach Boys allmählich bergab. Die Band machte in wechselnder Besetzung weiter – mal mehr, meistens weniger erfolgreich. Zeitweise stand sie ohne Plattenvertrag da. Brian Wilson, der allein von 1963 bis 1965 zwanzig Top-40-Singles geschrieben hatte, kostete die Einsamkeit des Superstar-Status bis zur Neige aus: Jahrelang lag er bedröhnt auf dem Bett.

 

Zwei Phasen in zwei Jahrzehnten

 

Später geriet er in die Fänge von Dr. Eugene Landy. Der ließ ihn rund um die Uhr überwachen und versuchte, ihn zu beerben; den dubiosen Psychiater wurde Brian erst Anfang der 1990er Jahre los. Seine Heirat mit Melinda Ledbetter 1995 stabilisierte ihn, so dass er ein Comeback startete. Seither nimmt er regelmäßig neue Platten auf und gibt weltweit Konzerte.

 

Wie verfilmt man eine solche Achterbahn-Existenz voller Höhen und Tiefen? Regisseur Bill Pohlad und Drehbuchautor Oren Moverman beschränken sich klugerweise auf zwei entscheidende Phasen: 1966/67, als Brian an „Pet Sounds“ und „Smile“ feilte, sowie die 1980er Jahre, als er dank Melinda neuen Lebensmut schöpfte. Beide Episoden sind erhellend miteinander verschränkt.

 

Pop-Expeditionen auf unerforschte Musik-Kontinente

 

Die Anfänge, als die Beach Boys mit sonniger Kalifornien-Seligkeit zu everybody’s darlings aufstiegen, werden in aller Kürze abgehandelt; vor allem, um Vater Murry Wilson als Haustyrannen und bösen Geist der Band vorzuführen. Richtig los geht es, als der damals gerade 23-jährige Brian aus dem Tournee-Stress aussteigt, um sich aufs Komponieren zu konzentrieren.

 

Das pausbäckige Wunderkind spielt Paul Dano mit herrlich bübischem Charme; zugleich lässt er die Dämonen ahnen, die ihn heimsuchen. Er will die Stimmen und Klänge in seinem Kopf bannen, indem er sie auf Platte presst. Diese recording sessions inszeniert Regisseur Pohlad als mitreißende happenings, in denen Brian ausgebuffte Studiofüchse alle stilistischen Grenzen überschreiten lässt und allerlei Geräusche hineinmixt: Popmusik als Expedition auf unerforschte Kontinente.

 

Ausnahmetalent mit seelischen + sozialen Defiziten

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Get on up – Die James Brown Story“ – tolles groovy funky biopic über den Godfather of Soul von Tate Taylor

 

und hier einen Bericht über den Film “Jersey Boys” – Kino-Musical über die 60ies-Boygroup „The Four Seasons“ von Clint Eastwood

 

und hier einen Beitrag über die Doku “BB King – The Life of Riley“ – Porträt der Blues-Legende von Jon Brewer

 

Zwei Jahrzehnte später ist alle Euphorie passé; John Cusack hockt als Brian zahm im goldenen Käfig. Dass sein Pillen-Doc (schön diabolisch: Paul Giamatti) ihn mit Psychopharmaka und Aufpassern entmündigt, nimmt er resigniert hin. Zwar wecken seine Gefühle für Melinda (liebreizend: Elizabeth Banks) zaghaften Widerspruchsgeist bei ihm, doch das Paar ist der Schmarotzer-Clique um Landy nicht gewachsen.

 

Vom aufgesetzten Schluss abgesehen, ersparen Drehbuch und Regie dem Zuschauer die Hollywood-übliche Heilsgeschichte von der Selbstbefreiung des Helden zum Glück. Stattdessen lotet Cusack die tragischen Abgründe seines Charakters aus: Er weiß um sein Ausnahmetalent, aber auch um seine seelischen und sozialen Defizite – und sucht seine Balance. Wie feinfühlig sich Cusack daran herantastet, ist rührend mit anzusehen.

 

Tausch der Abhängigkeiten?

 

Damit wird dieses biopic dem realen Brian Wilson vermutlich gerecht. Wer einen seiner Live-Auftritte in den letzten 15 Jahren miterlebt hat, dürfte sich fragen, ob der Mann inzwischen Herr seiner Lage ist – oder eine Abhängigkeit gegen die andere ausgetauscht hat. Ihm wäre von Herzen zu wünschen, dass es ihm deutlich besser geht. Doch vielleicht hat er sein Credo bereits 1966 formuliert: I just wasn’t made for these times.


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