Frankfurt am Main

Monet und die Geburt des Impressionismus

Claude Monet (1840–1926): Das Mittagessen: dekorative Tafel (Detail), 1873, Öl auf Leinwand, 160x201 cm, Musée d'Orsay; Foto: bpk|RMN-Grand Palais|Patrice Schmidt; Fotoquelle: Städel Museum Frankfurt

Rückblick auf eine Kunst-Revolution: Ab 1870 forderten Bilder von Claude Monet und seinen Mitstreitern ihre Zeitgenossen heraus – Sinneseindrücke wurden wichtiger als Motive. Wie der Impressionismus entstand, rekonstruiert das Städel mit 100 Meisterwerken.

Wahre Schätze sind meist schwer zu finden. Das gilt auch für die Meisterwerke der Impressionismus-Schau im Städel: Man muss erst die Dauerausstellung im Haupthaus durchqueren, um zur Sonderschau im Nebengebäude zu gelangen. Dort führt der Weg über eine schmale Treppe ins Untergeschoss hinab.

 

Info

 

Monet und die Geburt des Impressionismus

 

11.03.2015 – 28.06.2015

täglich außer montags

10 bis 19 Uhr, donnerstags + freitags bis 21 Uhr im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt/ Main

 

Katalog 39,90 €;
Begleitheft 7,50 €

 

Weitere Informationen

 

Unten angekommen, eröffnet sich dem Betrachter eine prachtvolle Auswahl von rund 100 Bildern, davon knapp die Hälfte von Claude Monet (1840-1926). Ein ausgedehnter „Prolog“ ist den künstlerischen Vorläufern der Impressionisten gewidmet, vor allem der pleinair-Malerei der „Schule von Barbizon“. Diese Maler hatten ab den 1830er Jahren ihre stickigen Ateliers verlassen, um im Wald von Fontainebleau unweit von Paris in der freien Natur zu malen.

 

Freiluft-Malerei im Atelier

 

Künstler wie Camille Corot, Gustave Courbet und Eugène Boudin beeinflussten die späteren Impressionisten mit der Unmittelbarkeit ihrer Bilder, die damals geradezu skizzenhaft wirkte. Allerdings stellten die Barbizon-Künstler ihre Gemälde noch im Atelier fertig und setzten sie oft aus mehreren Sujets zusammen; dagegen arbeiteten die Impressionisten unmittelbar vor ihrem Motiv.

Statements von Kurator Felix Krämer und Direktor Max Hollein + Impressionen der Ausstellung; © Städel


 

Radikaler Stilwechsel beim „Mittagessen“

 

Das zeigt der nächste Saal: Ab den 1860er Jahren begannen auch die Impressionisten, im Wald von Fontainebleau zu malen. Wobei sich ihre Bilder anfangs von denen ihrer Vorgänger oft nur unwesentlich unterschieden. Kein Wunder, denn die personelle Verflechtung war eng: Claude Monet wurde von Eugène Boudin in die Freilichtmalerei eingeführt. Seine Kollegen Camille Pissarro und Merthe Morisot waren Schüler von Camille Corot.

 

Bald radikalisierten die Impressionisten ihren Ansatz. Das lässt sich an zwei gleich betitelten Gemälden von Monet exemplarisch nachvollziehen. Auf dem monumentalen „Mittagessen“ von 1868/69 liegt der Akzent noch auf den Personen: einem unverheirateten Paar im Esszimmer samt Kind, damals ein skandalöser Bildgegenstand. Die Leinwand ist weitgehend in dunklen Braun- und Grautönen gehalten.

 

Malerei als Momentaufnahme

 

Das vier Jahre später im Garten entstandene Bild „Mittagessen: dekorative Tafel“ sieht völlig anders aus. Die Figuren sind an den Rand gerückt und beinahe unkenntlich; der Akzent liegt ganz auf dem flirrenden, leuchtend bunten Farbenspiel von Blumen und Lichtreflexen. Personen und Dinge waren nur noch Anlässe, um visuelle Eindrücke wiederzugeben: Malerei wurde zur Momentaufnahme.

 

Auch die Themenauswahl änderte sich. Während die pleinair-Maler noch romantisch unberührte Natur vorzogen, sind auf impressionistischen Bildern häufig Eingriffe des Menschen in die Landschaft zu sehen: Straßen, Wege oder Gärten. Natur wird zur Erholungszone für Städter, deren Lebenswelt sich rasch modernisiert: Das geschäftige Treiben auf den Boulevards von Paris, Bahnhöfe und Vergnügungslokale werden zu bevorzugten Sujets von Malern wie Pissarro, Edgar Degas oder Auguste Renoir. Alltag hält Einzug in die Kunst.

 

Gleiche Motive bei wechselnder Witterung

 

Derlei lichteten zur gleichen Zeit die ersten professionelle Fotografen ab; klassische Beispiele sind ebenso in der Schau zu sehen. Damit war die Malerei von der Aufgabe entbunden, die Wirklichkeit zu dokumentieren. Ihren neuen Freiraum nutzten die Impressionisten, indem sie das Subjektive und Flüchtige von Sinneseindrücken hervorhoben; am radikalsten tat das Monet.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan“ – hervorragende Ausstellung über Japonismus in der Malerei im Folkwang Museum, Essen

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Pissarro – Der Vater des Impressionismus“ – umfassende Retrospektive im Von Der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Turner – Monet – Twombly: Later Paintings” mit Werken von Claude Monet in der Staatsgalerie Stuttgart.

 

In seinen berühmten Bildserien fertigte er Dutzende von Gemälden mit gleichem Motiv bei wechselnder Tageszeit und Witterung an. Seine Serien-Darstellungen der Kathedrale von Rouen, der Waterloo Bridge und Charing Cross Bridge in London sowie seines Gartens in Giverny nähern sich stark der völligen Abstraktion an.

 

Mit Gemälden Feinde vertreiben

 

Monets Spätphase stellt den Höhepunkt des Impressionismus dar; dieser Stil hatte sich von der herkömmlichen figurativen Malerei emanzipiert und leitete zur Moderne über. Da mutet zunächst seltsam an, dass der letzte Saal voller Hauptwerke als „Epilog“ bezeichnet wird. Es ist nur sinnvoll im Rahmen des Ausstellungs-Konzepts, sich ausdrücklich auf die Anfänge dieser Richtung zu konzentrieren: als allmähliche Evolution, deren Verlauf sich sehr genau nachvollziehen lässt.

 

Wie schockierend diese Bilder zunächst auf den Großteil des damaligen Publikums gewirkt haben, wird in einem Nebenraum zum Thema „Der Impressionismus in der Karikatur“ deutlich. Auf einer Zeichnung benutzen Soldaten auf dem Schlachtfeld erfolgreich impressionistische Gemälde, um feindliche Türken zu vertreiben. Da soll noch jemand behaupten, Kunst sei zu nichts nütze!


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