München

Zoom! Architektur und Stadt im Bild

Julian Röder: Zentrales Geschäftsviertel auf Lagos Island, Lagos, Nigeria (Detail; aus der Serie: Lagos Transformation, 2009). © Julian Röder, Foto: ohe
Das neue Bild der Erde: Weltweit wandeln sich Städte rascher als je zuvor. Daher dokumentiert eine neue Generation von Fotografen nicht mehr Einzelbauten, sondern das urbane Umfeld. 18 beeindruckende Beispiele präsentiert die Pinakothek der Moderne.

Wenn das rote Band durchtrennt und die Festrede gehalten ist, Architekten ihre Pläne eingerollt haben und die Baumaschinen abgezogen sind: Dann zeigt sich, was ein Neubau taugt. Die Nutzer nehmen ihn in Besitz und verhalten sich wie vorgesehen – oder scheren sich nicht darum.

 

Info

 

Zoom! Architektur und Stadt im Bild

 

02.04.2015 - 21.06.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München

 

Katalog 29,80 €

 

Weitere Informationen

 

Klingt trivial, ist es aber nicht. Einzelgebäude und komplette Stadtviertel werden am Reißbrett oder Modell entworfen – also quasi im sozialen Nirwana. Heute geschieht das am Computer; CAD-Programme kopieren nach Belieben Begrünung, Verkehr und Passanten ins Bild. Das wirkt vertraut und attraktiv, führt aber leicht in die Irre: Später sieht die städtebauliche Realität meist völlig anders aus.

 

Solitäre im urbanen Chaos

 

Dem trägt Architektur-Fotografie zunehmend Rechnung. Bislang folgte sie meist den Wünschen von Planern und Bauherren: Sie nahm in Untersicht beeindruckende Solitäre auf und blendete störende Nachbarschaft aus. Doch immer mehr Fotografen drehen den Spieß um, indem sie bewusst das urbane Umfeld zeigen – das oft chaotische Drumherum erlaubt Rückschlüsse, ob und wie Bauten die ihnen zugedachte Funktion erfüllen.

Impressionen der Ausstellung


 

Profi-Müllentsorgung in der eigenen Wohnung

 

Das Architekturmuseum der TU München stellt nun 18 Fotografen in der Pinakothek der Moderne vor: mit Aufnahmen aus aller Welt, von Mexiko über Nigeria bis China. Ein faszinierendes Potpourri, das drastisch vor Augen führt, wie rasch sich das Antlitz der Erde wandelt – zumindest ihrer besiedelten Zonen. Nie zuvor wuchsen und wucherten Städte so fix wie heute. Noch nie gab es so viele verschiedene Strategien, damit zurecht zu kommen.

 

Afrikaner sind Meister der Improvisation. Lard Buurman hat in zwölf Ländern beobachtet, wie allerlei Tätigkeiten auf Straßen und Plätzen ausgeübt werden, für die zwischen vier Wänden kein Platz ist: von Friseursalons über Autowerkstätten bis zu copy shops. Iwan Baan betrachtet umgekehrt, wie Bewohner des Zabbaleen-Viertels in Kairo die öffentliche Aufgabe der Müllentsorgung privat und professionell erledigen: Sie sammeln, trennen und recyceln in ihren Häusern, manchmal mitten in ihren Wohnungen.

 

Siedlung mit 80.000 Häusern ohne Infrastruktur

 

Julian Röder zeigt das nigerianische Lagos als Megapolis, deren Stadtbild sich permanent wandelt. Die 15 Millionen Einwohnern nutzen ständig um, zweckentfremden, reißen ab und errichten neu. Das Gegenteil zu dieser anarchischen grassroot activity fand Livia Corona in Mexiko vor: Zwei Millionen neue Sozialwohnungen versprach der konservative Präsident Vicente Fox im Jahr 2000. Dann ließ er in ländlichen Regionen Siedlungen von 20.000 bis 80.000 Häusern errichten – mit identischem Grundriss, aber ohne städtische Infrastruktur.

 

Solchen staatlichen Dirigismus in der sozialistischen Variante dokumentiert Roman Bezjak: Plattenbauten und andere Betonmonster vom Baltikum bis Ex-Jugoslawien. Sie schüchtern auch dort ein, wo die Planer originelle Lösungen für Konstruktion oder Fassaden fanden: Ihre schiere Masse wirkt erdrückend und löscht jede Individualität aus. Was entfesselte Marktkräfte ebenso zuwege bringen; etwa bei Ferienanlagen auf den Kanaren, die Simona Rota abgelichtet hat. Seit dem Ende des Baubooms 2007 stehen sie leer: monotone Geisterstädte ohne Zeichen von Leben.

 

Existenzminimum-penthouses auf Dächern

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "52 Wochen, 52 Städte" – Fotografien von Iwan Baan im AIT Architektur Salon, Köln

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Eastern Promises” über zeitgenössische Stadtplanung + Architektur in Ostasien im MAK, Wien

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Ein Leben für die Architektur” – Werkschau des Fotografen Julius Shulman im Architekturmuseum Schwaben, Augsburg.

 

Während hier Wohnraum vergeudet wird, fehlt er andernorts. In ostasiatischen Großstädten wie Taipeh und Hongkong besiedeln Arme die Dächer von Hochhäusern: Dort legen sie Hütten-Siedlungen mit bis zu 40 Haushalten an. Diese selbst gebastelten "penthouses des Existenzminimums" stellen Rufina Wu und Stefan Canham mit Grundrissen, Innen- und Außenansichten vor. Andreas Seibert begleitet dagegen chinesische Wanderarbeiter ohne eigene Bleibe. Sie müssen in Verschlägen hausen, obwohl sie bei vier Fünftel aller derzeitigen Bauvorhaben eingesetzt werden.

 

Bauboom in Schwellenländern kontrastiert mit Rückbau in old Europe: Stefan Oláh nahm 26 Tankstellen auf, die früher in Nischen der Wiener Altstadt eingepasst wurden und nun verwaisen. Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch haben Oberfranken und die Oberpfalz bereist: Sie trafen auf ausblutende Kleinstädte voller Leerstand. Ein Anblick, an den man sich hierzulande wird gewöhnen müssen. Wie an die Präsenz des Fremden: Nicoló Degiorgis hat 90 Zweckbauten in Norditalien abgelichtet, die islamische Gebetsräume und Gemeindezentren beherbergen – von außen unsichtbar.

 

Lose Info-Blätter für jedermann

 

Weltweit wandeln sich Städte schneller als je zuvor, und die Schau trägt dem Rechnung: Mit nüchterner, provisorisch wirkender Ausstellungs-Architektur ohne unnötigen Aufwand. Besonders gelungen: Anstelle von Wandtexten zum jeweiligen Fotografen sind überall Loseblatt-Stapel angebracht. Jeder Besucher darf Blätter abreißen und mitnehmen; sie ersetzen zwar nicht den Katalog, bieten aber hervorragende Erläuterungen. Besser und billiger lassen sich Informationen nicht vermitteln – form follows function.


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