Benicio del Toro

Escobar – Paradise Lost

Der Drogenbaron Pablo Escobar (Benicio del Toro). Foto: Mika Cotellon. Fotoquelle: Alamode Filmdistribution

(Kinostart: 9.7.) Koksen ist 1980er: Damals war der schwerreiche Drogenboss Pablo Escobar heimlicher Herrscher Kolumbiens. Benicio Del Toro verleiht ihm dämonisches Charisma; Regie-Debütant Andrea Di Stefano porträtiert ihn differenziert und nuanciert.

Der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar zählte in den 1980er Jahren zu den zehn reichsten Männern der Welt. Zu seinen besten Zeiten verdiente er mit Kokain-Schmuggel in die USA etwa eineinhalb Millionen US-Dollar – pro Tag. Sein Drogen-Imperium hatte Escobar mit äußerster Skrupellosigkeit aufgebaut.

 

Info

 

Escobar – Paradise Lost

 

Regie: Andrea di Stefano

120 Min., Frankreich/ Spanien 2014;

mit: Benicio Del Toro, Josh Hutcherson, Claudia Traisac

 

Website zum Film

 

„Don Pablo“ ließ jeden ermorden, der ihm in die Quere kam: von unliebsamen Konkurrenten bis zu kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten. Zugleich betätigte er sich in seiner Heimatstadt Medellín als Wohltäter: Er finanzierte Krankenhäuser, Sozialwohnungen, Schulen und ein Fußballstadion.

 

Titelfigur ist nicht Hauptperson

 

Zeitweise war Escobar sogar Abgeordneter im kolumbianischen Parlament. Dadurch genoss er Immunität, also Freiheit von Strafverfolgung bei seinen kriminellen Aktivitäten. Als populärer Politiker wird er in „Escobar – Paradise Lost“ eingeführt: bei einer Wahlkampfrede vor jubelnden Anhängern. Doch die Titelfigur ist im Regiedebüt des italienischen Schauspielers Andrea Di Stefano nicht die eigentliche Hauptperson.

Offizieller Filmtrailer


 

Landsitz mit Wasserski-Seen + Privat-Zoo

 

Die Handlung dreht sich um den jungen Kanadier Nick (Josh Hutcherson), der gemeinsam mit seinem Bruder Dylan am kolumbianischen Karibik-Strand eine Surfschule aufbauen will. Dort lernt Nick die schöne Maria (Claudia Traisac) kennen, die Nichte von Don Pablo (Benicio Del Toro); zwischen beiden funkt es. Sie stellt Nick ihrem Onkel vor, als der ein rauschendes Fest auf seiner „Hacienda Nápoles“ veranstaltet: einem riesigen Landsitz mit Stierkampf-Arena, künstlichen Wasserski-Seen und Privat-Zoo.

 

Als Nick sein Herzblatt auf die Quelle von Don Pablos gewaltigem Reichtum anspricht, erzählt ihm Maria offenherzig, dass ihr Onkel mit Kokain handelt; die Droge sei ja „ein traditionelles und wichtiges nationales Produkt“. Dass sich Escobar als liebevoller Familienmensch präsentiert, zerstreut Nicks Bedenken: Er heiratet Maria und wird in den Escobar-Clan aufgenommen. Später sagt Don Pablo sogar, Nick sei wie ein Sohn für ihn.

 

Polizei und Militär total korrumpiert

 

Da befindet sich der Kopf des so genannten Medellín-Kartells in der heikelsten Lage seiner Laufbahn. 1991 hat sich der Kampf zwischen der Regierung in Bogotá und Escobar so zugespitzt, dass er sich gezwungen sieht, freiwillig für eine Weile ins Gefängnis zu gehen: allerdings in ein Privat-Gefängnis mit dem sprechenden Namen „La Catedral“, das er selbst finanziert und luxuriös ausgestattet hat.

 

Als gewiefter Geschäftsmann trifft der Drogenboss Vorsorge für die Zeit nach der Haftentlassung: Er lässt seine immensen Reichtümer sicher verstecken. Dazu spannt er auch den Gatten seiner Nichte ein: Nick soll Pakete voller Diamanten in einem alten Bergwerks-Schacht deponieren und anschließend den Helfer vor Ort erschießen. Erstmals widersetzt sich der gringo seinem Gönner – und bekommt brutal zu spüren, wie weit dessen Einfluss reicht: Escobar hat Polizei und Militär total korrumpiert.

 

Dunkles Gravitations-Zentrum des Films

 

Der Film entwickelt sich aus einer Reihe ineinander verschachtelter Rückblenden, deren zeitliche Abfolge erst am Schluss aufgelöst wird. Indem der Moment der Krise vorangestellt ist, wird jedoch von Anfang an deutlich, was schon der Titelzusatz „Paradise Lost“ klarstellt: So idyllisch, wie er beginnt, wird Nicks Aufenthalt im tropischen Kolumbien nicht bleiben. Ausgerechnet seine Liebe zur schönen und sympathischen Maria reißt ihn in den Abgrund.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Heli” – eindringliches Drogenkriegs-Drama aus Mexiko von Amat Escalante; beste Regie in Cannes 2013

 

und hier einen Bericht über den Film „Miss Bala“ – explosiver Drogen-Krimi an der US-mexikanischen Grenze von Gerardo Naranjo

 

und hier einen Beitrag über den Film „7 Tage in Havanna“ – stimmungsvoller Episodenfilm auf Kuba von + mit Benicio Del Toro

 

und hier eine Kritik des Films Savages von Oliver Stone über Drogenbanden-Kriege in Südkalifornien mit Benicio Del Toro.

 

Die unschuldige Naivität des jungen Paars hebt umso stärker die eiskalte Skrupellosigkeit von Escobar hervor. Wie der begnadete Charakterdarsteller Benicio Del Toro die Figur eines charismatischen Psychopathen nuanciert verkörpert, ist schlicht atemberaubend. Auch bei physischer Abwesenheit bleibt er das dunkle Gravitations-Zentrum, um das sich alles dreht.

 

Staatsfeind Nr. Eins + Robin Hood

 

Damit wird Del Toro der dämonischen Ausstrahlung Pablo Escobars gerecht, der sich nicht auf ein Ungeheuer reduzieren lässt: Er war vor seiner Erschießung 1993 Staatsfeind Nummer Eins der USA und wurde zugleich von vielen Kolumbianern als moderner Robin Hood verehrt. Diese schillernde Ausnahme-Erscheinung arbeitet Regisseur Di Stefano mit einer fein austarierten Mischung von genau recherchierten Fakten und reiner Fiktion differenziert heraus.

 

Mal werden Erwartungshaltungen des Zuschauers bewusst bedient, mal enttäuscht: So kommt dieser gewaltgesättigte Drogen-thriller voller Rachemorde mit erstaunlich wenigen action-Szenen aus. Stattdessen konstruiert Di Stefano eine cleveres Psychodrama, das seine Cleverness nicht unnötig ausstellt und sich allmählich zu einer klassischen Tragödie apokalyptischen Ausmaßes entwickelt.

 

Im richtigen Augenblick zuschlagen

 

Wie der Drogenbaron selbst gibt sich „Escobar – Paradise Lost“ lange betont harmlos, um im richtigen Augenblick umso unerbittlicher zuzuschlagen. Für den Debütfilm eines Schauspielers, der dafür erstmals ein Drehbuch schrieb und Regie führte, ist das bewunderungswürdig gelungen.


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