Berlin

Fassbinder – Jetzt

Rainer Werner Fassbinder: "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", 1972, © Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin. Fotoquelle: MGB, Berlin

Staatsbegräbnis unter Bergen von Archiv-Schutt: Die Hommage zum 70. Geburtstag von Rainer Werner Fassbinder wird beim Umzug aus Frankfurt in den Martin-Gropius-Bau auf den dreifachen Umfang aufgebläht. Nun erschlägt Papierkram das Regie-Genie.

Diese Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main – und was für eine! Sie soll eine Hommage an Rainer Werner Fassbinder (RWF) sein, der 1982 starb: Der genialste Regisseur des deutschen Autorenfilms wäre in diesem Mai 70 Jahre alt geworden.

 

Info

 

Fassbinder – Jetzt

 

06.05.2015 – 23.08.2015

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Katalog 25 €

 

Begleitband zu Kostümen von Barbara Baum 19,80 €

 

Weitere Informationen

 

Er war ein monomanischer workaholic, der in nur 16 Jahren 44 Kino- und Fernsehfilme drehte – indem er hemmungslos alle Ressourcen ausbeutete, zitierte und verfremdete, derer er habhaft wurde. Das haben sich die Macher dieser Schau offenbar zum Vorbild genommen: Sie schustern bedenkenlos zusammen, was sie kriegen können.

 

Fassbinders O-Töne auf neun Monitoren

 

Die Frankfurter Ausstellung 2014 war in zwei Bereiche und drei Themenblöcke gegliedert. Am Eingang stand eine Wand aus neun Monitoren mit kurzen Video-Interviews, in denen RWF über sich und seine Arbeitsweise sprach; davor lag eine kleine Auswahl von Original-Dokumenten.

Interview mit Kurator Hans-Peter Reichmann + Impressionen der Ausstellung


 

Dichte Werkschau wird zur Geröllhalde

 

Im zweiten Teil wurden an sieben Stationen Filmausschnitte mit für ihn typischen Motiven und Stilmitteln vorgeführt: etwa 360-Grad-Kamerafahrten, extrem künstliche Beleuchtung und Sichtbarrieren wie Gitter oder Spiegel, die Gefangensein und gebrochene Identität der Akteure versinnbildlichen. Ergänzt durch ein halbes Dutzend Werke zeitgenössischer Künstler, die Fassbinders Sujets aufgreifen; meist als eher flache Plagiate.

 

So hatte diese Ausstellung ihre Stärken und Schwächen, doch sie war kompakt und in sich schlüssig. Im Martin-Gropius-Bau gilt es nun, die dreifache Fläche zu füllen – und eine dichte Werkschau wird zur Geröllhalde zersprengt, deren einzelne Teile weit verstreut herumliegen. Kaum etwas passt zusammen, noch weniger wirkt sinnvoll.

 

Wie in Autographen-Abteilung der Bibliothek

 

Projektleiter Hans-Peter Reichmann möchte nach eigenen Worten eine jüngere Generation an RWF heranführen, die allenfalls seinen Namen kennt, aber nicht mehr seine Filme. Dazu setzt er auf Papierkram: Nach der Monitor-Wand mit Fassbinders Selbstauskünften wird der Besucher in die „Werkstatt“ geschickt. Dort füllen zahllose vergilbte Zettel die Vitrinen: Briefe, Verträge, Rechnungen und Listen.

 

Wer will, darf an iPads virtuell Drehbücher durchblättern und Fassbinders Handschrift bewundern, als sei man in der Autographen-Abteilung der Kunstbibliothek. An der Wand hängt der komplette Drehplan für die 14-teilige TV-Serie „Berlin Alexanderplatz“ (1979/80) – und verströmt den Charme der Hauptbuchhaltung einer Baufirma vor 35 Jahren.

 

Young person’s guide to RWF in 36 minutes

 

Fürs Auge gibt’s ein paar bunte memorabilia: Fassbinders Lederjacke, sein Fahrrad, Video-Rekorder und Flipper-Automat. Derlei wäre wohl selbst der David-Bowie-Ausstellung 2014 im Gropiusbau zu banal gewesen. Freunde solcher Fan-Artikel kommen nebenan auf ihre Kosten. Hier stehen Kleider von Barbara Baum, die acht RWF-Produktionen ausstattete, verloren im Saal herum; dazu laufen sekundenlange Schnipsel, in denen sie getragen wurden. Als sei Fassbinder vor allem Kostümfilmer gewesen.

 

Aber was war er dann? Wer sich von den Projektions-Räumen Aufschluss erhofft, wird enttäuscht. Eine siebenminütige Schleife zeigt seine legendären Kamera-Rundfahrten – aber nur als Vorbereitung auf eine ebenso aufwändige wie triviale Mehrkanal-Videoinstallation von Runa Islam, einem re-enactment der berühmten Szene aus „Martha“ (1973). Die übrigen sechs Stationen aus Frankfurt sind nun zu einer halben Stunde „Themen und Stilmittel“ aneinandergeklebt; einer Art young person’s guide to the best of Fassbinder in 36 minutes.

 

Sozialkritik für den Altpapier-Container

 

Den dadurch eingesparten Platz füllen die Kuratoren großzügig mit zweit- bis drittklassiger Kunst auf, die Fassbinders fortwährende Aktualität bezeugen soll – laut Titel liegt ihnen der Gegenwartsbezug sehr am Herzen. Geläufige Foto-Leuchtkästen von Jeff Wall sollen ebenso durch RWF inspiriert sein wie Rirkrit Tiravanijas billiger Einfall, den Filmtitel „Angst essen Seele auf“ (1973) auf Zeitungen zu drucken: Sozialkritik für den Altpapier-Container.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Fassbinder“facettenreicher Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Fassbinder – Jetzt: Film und Videokunst” im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Hanna Schygulla – Traumprotokolle” mit von ihr verfilmten Träumen in der Akademie der Künste, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Pasolini Roma“ – prachtvoll vielschichtige Retrospektive für den Dichter und Regisseur Pier Paolo Pasolini im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Auf die nahe liegende Idee, Fassbinders Wirkung auf Regie-Kollegen nachzugehen und deren Arbeiten in Ausschnitten vorzustellen, kam scheinbar niemand. Stattdessen erscheint dieses Sammelsurium wie eine achtlos zusammengewürfelte Pflichtübung detailverliebter Bürokraten, die vor lauter Stöbern im Nachlass vergessen, dass es um den einfallsreichsten und produktivsten Regisseur der Nachkriegszeit geht – der seine Filme rabiat herunterkurbelte.

 

Unselige Fassbinder Foundation

 

Ihn derart hölzern akribisch aufzubereiten, wirkt wie ein posthumer Racheakt des betulich biederen bundesdeutschen Fördergremien-Kulturbetriebs. Vermutlich zeigt sich darin auch der unselige Einfluss der beteiligten Rainer Werner Fassbinder Foundation unter ihrer höchst umstrittenen Präsidentin Juliane Maria Lorenz; sie war seine Cutterin und letzte Lebensgefährtin.

 

Stiftungen, die Künstler-Nachlässe verwalten, beanspruchen oft das Interpretations-Monopol; sie können die Geistesgrößen, denen sie ihre Existenz verdanken, gar nicht umfassend genug gewürdigt sehen. Mit ihrem „Alles muss rein“-Reflex errichten sie pompöse Mausoleen – und schrecken das Publikum ab. Das ist hier gelungen; was im Gropiusbau umso mehr erstaunt, als er 2014 mit „Pasolini Roma“ eine prachtvolle und vielschichtige Retrospektive des ähnlich schillernden Ausnahme-Regisseurs Pier Paolo Pasolini präsentierte.

 

Fest teutonischer Gründlichkeit

 

Damals war romanische Leidenschaft im Spiel. Diesmal herrscht teutonische Gründlichkeit, die mit Papierstapeln raschelt und in verstaubten Fundus-Fundstücken wühlt. Obwohl Kino doch das „Fest der Affekte“ ist, wie es der Philosoph Roland Barthes nannte: Nichts erledigt es zuverlässiger als ein Begräbnis unter Bergen von Archiv-Schutt.


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