Berlin

ImEx – Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende

Karl Schmidt-Rottluff: Drei Akte (Dünenbild aus Nidden), 1913; © VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Foto: bpk /Jörg P. Anders. Fotoquelle: SMB
Das Zeitalter der Ismen: Die Alte Nationalgalerie vergleicht 160 Werke beider Stile miteinander. Mit überraschendem Befund: Um 1900 änderten sich die Malweisen radikal, aber nicht die Motive – und die Entfremdung des Individuums schritt unaufhaltsam voran.

„Kunstwende“ hat 1918 der Galerist Herwarth Walden die Ablösung des Impressionismus durch den Expressionismus genannt – die er selbst mit seiner Berliner Galerie "Der Sturm" kräftig vorantrieb. Praktischerweise können die Staatlichen Museen ihre große Sommerausstellung vorwiegend aus eigenen Beständen bestreiten: für einen systematischen Vergleich beider Stile.

 

Info

 

ImEx – Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende

 

22.05.2015 - 20.09.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags, freitags, samstags bis 20 Uhr

in der Alten Nationalgalerie, Museumsinsel, Bodestraße 1-3, Berlin

 

Website zur Ausstellung

 

Zwei der beliebtesten Kunstrichtungen, die fast jeder kennt; dazu klare und knappe Wandtexte, ein exzellenter Katalog für Fans sowie ein buntes Rahmenprogramm: genau das Richtige, um sommerliche Touristenströme in die Alte Nationalgalerie zu lenken. Und sie strömen in Scharen: In den ersten beiden Monaten kamen rund 100.000 Besucher, um den „einzigartigen Dialog der Bilder“ zu erleben, wie Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann es nennt.

 

Zarte Pastelltöne gegen gemalte Schreie

 

Einzigartig? Ist das nicht die übliche Erzählung von der klassischen Moderne: verträumtes Fließen der Nuancen gegen scharfe Konturen der Linien, sanfte Pastelltöne gegen Explosionen von Primärfarben, zartes Stricheln und Tüpfeln gegen dreieckig gemalte Schreie? Diese gängige Vorstellung stellt Kuratorin Angelika Wesenberg infrage.

Interview mit Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann + Impressionen der Ausstellung


 

Moderner und modernster Stil

 

Wesenberg fasst beide Stile als Teile einer umfassenderen Kunstbewegung auf, die um 1900 einen anderen Blick auf die Umbrüche der Moderne sucht: „nebeneinander, als moderner und modernster Stil“. Impressionismus wie Expressionismus entspringen der Großstadt-Kultur; beide kultivieren den subjektiven Blick auf die Alltagswelt.

 

Für den Werktätigen der Industriegesellschaft wird die Freizeit erfunden, samt passenden Schauplätzen: Cafés, Tanzlokale oder Ausflüge ins Grüne. Neue Szenerien werden bildwürdig, etwa Hausfassaden, Straßenleben und Brücken. Das sind die wichtigsten Sujets beider Kunstrichtungen, wie die Ausstellung anhand von rund 160 Meisterwerken vorführt.

 

Alles rennet, rettet, flüchtet

 

Menschen sind in Bewegung; ihre Ziele und Zwecke erschöpfen sich in momentaner Präsenz, symbolisiert durch das zentrale Motiv der Brücke als einer visuellen Metapher des Übergangs. Dabei verschwindet die „Charing Cross Bridge“ (1899) von Claude Monet im Nebel. Auch die „Rheinbrücke“ von Ernst Ludwig Kirchner hält sich graublau bedeckt, während auf ihr eine leuchtend rosa Gestalt quer durch den Raum ins Auge springt.

 

Bei den Expressionisten nimmt allerdings dieses Wechselspiel eines Subjekts, das im urbanen Raum erscheint und sich sogleich wieder entzieht, rasch eine unheilvolle Note an. Unbehagen und Bedrohung äußern sich in holzschnittartigen Formen, skurrilen Überspitzungen und starren Haltungen. Seine Bilder wie den berühmten „Potsdamer Platz“ von 1914 kommentierte Kirchner mit den Worten: „Wie die Kokotten, die ich malte, ist man jetzt selbst. Hingewischt, beim nächsten Male weg.“

 

Die Unzugänglichkeit des Fremden

 

Die flüchtige Bedrohtheit des Subjekts hat eine Kehrseite: die Unzugänglichkeit des Fremden. Impressionisten und Expressionisten greifen das klassische Motiv der Badenden gern auf und interpretieren es neu – oft als Gelegenheit zum Exotismus. Paul Gauguin, der in der Südsee nach ursprünglicher Einfachheit suchte, malte 1891 seine „Tahitianischen Fischerinnen“.

 

Zwei Frauen sind in ihre Arbeit vertieft. Eine dritte sitzt breitbeinig unterm Baum und sieht in nachdenklicher Pose am Betrachter vorbei in die Ferne. Das Trio erweckt den Eindruck einer ganz eigenen Lebens- und Gedankenwelt; trotz seiner romantisch-paradiesischen Inszenierung vermittelt Gauguin nicht die Illusion, in sie eindringen zu können.

 

Jüngling als wildes Tier mit goldenen Augen

 

Völlig anders hält Emil Nolde Fremdheit mit seinem Bild „Papua-Jünglinge“ von 1914 fest. Das Ölgemälde leuchtet in stärkeren Farben und Kontrasten, gibt aber ansonsten eine ähnliche Szene wieder. Doch nicht als freundliches Stimmungsbild einer andersartigen, aber in sich harmonischen Alltagswelt: Ein Jüngling starrt frontal und ausdruckslos mit den leuchtend goldenen Augen eines wilden Tiers von der Leinwand. Das Exotische wird ins Animalische verfremdet, ohne Zugang zum Menschlichen im Anderen. Fremdheit bedeutet einen absoluten Bruch.

 

Mutatis mutandis zeigt sich eine ähnliche Entwicklung im Raum, der „Beziehungen“ gewidmet ist. Hier führt die Ausstellung vor, wie Individualisierung und Subjektivität als Kennzeichen moderner Gesellschaften bestehende Strukturen allmählich untergraben: Die Konventionen traditioneller Paar- und Familiendarstellungen werden aufgebrochen.

 

Im Korsett der Konventionen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Monet und die Geburt des Impressionismus" mit 100 Meisterwerken im Städel Museum, Frankfurt

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung Visions of Modernity mit Werken des Impressionismus + Expressionismus in der Deutsche Guggenheim, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Pissarro - Der Vater des Impressionismus" - Retrospektive im Von Der Heydt-Museum, Wuppertal

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung der Expressionisten  "August Macke und Franz Marc: Eine Künstlerfreundschaft" - in Bonn und München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Der Sturm – Zentrum der Avantgarde” über Herwarth Walden + den Expressionismus im Von der Heydt-Museum, Wuppertal.

 

Doch die Impressionisten lassen ihre Individuen weiterhin in einer in sich geschlossenen Situation auftreten, während sie bei den Expressionisten zerfällt. Bei impressionistischen Bilder stecken auch problematische Beziehungen in einem Korsett, aus dem die Einzelnen nicht ausbrechen können. Auf diese Enge reagieren sie mit dem Wunsch nach Revolte, oder sie resignieren vor der Übermacht der Konventionen.

 

So lässt sich das Verhältnis des bürgerlichen Paares im berühmtem „Wintergarten“ (1878/9) von Édouard Manet deuten; sein Ankauf bereitet dem ersten Nationalgalerie-Direktor Hugo von Tschudi viel Ärger. Der an einer Brüstung stehende Mann ist der sitzenden Frau scheinbar zugewandt, doch ihre Blicke treffen sich nicht. Beide scheinen gelangweilt ins Leere zu starren.

 

Zwischen Nähe und Abwendung

 

Darüber hinaus geht Max Beckmanns Selbstporträt mit Gattin von 1909: Es zeigt eigentlich kein Ehepaar, sondern zwei eigenständige Individuen. Dagegen thematisiert Ernst Ludwig Kirchners „Selbstbildnis mit Mädchen“ (1914/5), seiner Lebensgefährtin Erna Schilling, die Abgrenzung der Subjekte selbst.

 

Für Kirchner scheint es keine klare Zuordnung mehr zu geben, und darum auch keine einheitliche Perspektive, keinen souveränen Blick auf ein Ganzes. Der Künstler und das Mädchen werden zu alternativen Persönlichkeiten, die zwischen Nähe und Abwendung, Identität und Verschmelzung oszillieren.

 

Kunst entdeckt Realitätsverlust

 

Die „Kunstwende“ markiert also vielleicht doch einen Bruch, aber keinen radikalen Stilbruch. Eher scheint es ein feiner Riss zu sein. Je mehr es dem Subjekt gelingt, sich äußeren Zwängen zu entziehen, desto deutlicher spürt es, dass sich ihm zugleich die Wirklichkeit entzieht. Dieser objektive Realitätsverlust wird dann selbst zum Gegenstand der Kunst.


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