München

Keith Haring – Gegen den Strich

ohne Titel (Detailansicht), 1985, Acryl auf Leinwand, 122 x 122 cm, Privatsammlung, Belgien, © The Keith Haring Foundation. Fotoquelle: Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München

Invasion der Strichmännchen: Mit ihnen kritzelte Keith Haring in den 1980er Jahren alles voll. Als wüsste er, wie wenig Zeit ihm blieb; er starb mit 31 Jahren an AIDS. Die Hypo-Kunsthalle blickt auf sein Werk zurück – und entdeckt ihn als politischen Künstler.

Sie tauchten ab Mitte der 1980er Jahre überall auf: auf Buttons, Postkarten, Postern, T-Shirts oder Kaffeetassen. Die energiegeladenen Strichmännchen von Keith Haring (1958-1990) waren für viele, die damals aufwuchsen, so zeittypisch und allgegenwärtig, dass man sie irgendwann nicht mehr sehen konnte.

 

Info

 

Keith Haring –
Gegen den Strich

 

01.05.2015 – 30.08.2015

täglich 10 bis 20 Uhr

in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, München

 

Katalog 29 €

 

Weitere Informationen

 

Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod überrascht, wie jung er starb: mit nur 31 Jahren an Aids. Doch dieser umwerfend quirlige, kleinwüchsige Mann mit nerd-Brille hinterließ ein beeindruckend umfangreiches Werk. Er hat einfach alles vollgekritzelt: Papier, Plastikplanen, Mauern, leere Plakatwände in der U-Bahn, die nackte disco queen Grace Jones, Motorhauben – und sogar eine Kirche in Pisa, mit allerhöchstem Segen.

 

Mehr als bunter Hund der Pop-Kultur

 

Mit ihrer programmatisch „Gegen den Strich“ betitelten Ausstellung will nun die Hypo-Kunsthalle in München hinter Harings Image als bunter Hund der Populärkultur blicken, der seine Kunst im „Pop-Shop“ verbreitete und kommerzialisierte. Stattdessen wird Haring als sozialer und politischer Aktivist in den Vordergrund gerückt: Sein Engagement mündete in der Gründung einer Stiftung, die den Kampf gegen AIDS sowie Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen unterstützt.

Impressionen der Ausstellung; © Kunsthalle München


 

Urban Guerilla Art für alle

 

Haring kam aus einer Kleinstadt in Pennsylvania und wuchs in einer gutbürgerlichen Familie mit drei Schwestern auf. Seinen Eltern zuliebe besuchte er ein Jahr lang eine Schule für Gebrauchsgrafik in Pittsburgh. Nachdem das Jahr vorüber war, floh er nach New York an die School of Visual Arts – und in die schillernde Sub-, Club- und Schwulen-Kultur der Stadt.

 

In den USA der konservativen Reagan-Ära erhob er seine Stimme gegen jede Art von Diskriminierung, atomare Aufrüstung und Exzesse des Finanzkapitals – dagegen ging man hierzulande unter den Kanzlern Helmut Schmidt und Kohl ebenfalls auf die Straße. Harings erklärter Anspruch war, seine „Urban Guerilla Art“ nicht fürs Museums-Publikum, sondern für alle zu machen.

 

Schlagstock wird zum Penis + umgekehrt

 

Er fand bald seinen unverwechselbaren Stil irgendwo zwischen Pop Art, Jackson Pollock und Sigmar Polke; in kleinteiligen Papierarbeiten wie auf Großformaten. Seine schnelle, schwarze Strichführung mit typischen Rundungen ist geprägt durch die Ästhetik von Comic und Graffiti, doch entfaltet durchaus archaische Wucht: Seine Zeichnungen erinnern auch an indianische Kunst.

 

Harings Motiv-Schatz war begrenzt, aber einprägsam: Mann, Hund, Engel, Herz, Gesicht, Schlange oder Monster. In manchen Serien wird ein Schlagstock zum Penis – und umgekehrt. Ob verliebt mit rotem Riesenherz, wild als tanzender Hund oder wütend mit einer Armhaltung wie King Kong und rotem Kreuz in der Brust – seine icons waren immer ausdrucksstark, allerdings nie eindeutig lesbar.

 

Der Beste aller Massen-Darsteller

 

Die Hypo-Kunsthalle zeigt rund 160 Zeichnungen und Skulpturen; darunter sind frühe Werke wie die „Manhattan Penis Drawings“ und bemalte Terrakotta-Vasen, auf denen die bewegten Männchen stilistisch stimmig wirken. Es gibt auch einige herrlich schräge Bilder wie „Spaziergang im Regen“, auf dem ein spindeldürrer, gehörnter Greif durchs Blaue tappt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Doku  “Blank City” über die Kunst- + Musik-Szene in New York um 1980 von Céline Danhier

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Andy Warhol: Frühe Werke“ – Zeichnungen + Collagen in der Villa Schöningen, Potsdam

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Richard Avedon – Wandbilder und Porträts” – Retrospektive des New Yorker Fotografen im Museum Brandhorst, München.

 

Gut getroffen sind das „Selbstporträt“ in Grün und Rosa mit Drachenhand und die bösartig-niedliche „Andy Mouse“ als Porträt seines Freundes Andy Warhol sowie eine feiste Kapitalistenfresse „ohne Titel“, die sich alles einverleibt. Ein rosa Denkmals-Phallus namens „Great White Way“ erinnert in seiner grotesken Drastik an ein Apokalypse-Bild von Hieronymus Bosch. Und überall wimmelt es: Massen konnte Haring darstellen wie kein zweiter.

 

Riesenschere zerschneidet Lebensader

 

Seine Kunst wurde im Lauf der Jahre deutlich vielschichtiger und intensiver. Im Raum mit den letzten großen Arbeiten findet sich das Schwarzweiß-Gemälde „8.11.1988“. An diesem Tag erfuhr er von seiner HIV-Infektion: Hier schneidet eine Riesenschere die Lebensader durch. Daneben hängt ein großer rosa Winkel; mit diesem Symbol wurden im NS-Regime homosexuelle KZ-Häftlinge gekennzeichnet

 

Unter dem Titel „Silence is Death“ („Schweigen ist Tod“) sind lauter ineinander verschlungene Figürchen zu sehen, die sich Augen und Ohren zuhalten. Diese Schau ist eine ausdrucksstarke Manifestation des Gegenteils und voller good vibrations: Keith Harings Ästhetik erscheint 25 Jahre nach seinem Tod erstaunlich zeitlos; seine Themen sind immer noch aktuell.


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