Mads Mikkelsen

Men & Chicken

Gregor (Nikolaj Lie Kaas) und Elias (Mads Mikkelsen) bringen Tiere nach draußen. Foto: © Rolf Konow, DCM. Fotoquelle: DCM Distribution

(Kinostart: 2.7.) Wenn Brüder mit ausgestopften Schwänen zuschlagen: Seine groteske Familienkomödie siedelt Regisseur Anders Thomas Jensen unter Hinterwäldlern mit Hasenscharten an. Bizarre Einfälle jagen einander – als Plädoyer für konsequentes Anderssein.

Familie kann man sich nicht aussuchen; wer hätte sich als Kind nicht manchmal andere Eltern gewünscht? Bei Gabriel (David Dencik) ist das etwas anders: Er kann einfach nicht glauben, dass sein unterbelichteter und total triebgesteuerter Bruder Elias (Mads Mikkelsen) tatsächlich demselben Schoß wie er entsprungen sein soll.

 

Info

 

Men & Chicken

 

Regie: Anders Thomas Jensen,

104 Min., Dänemark/ Deutschland 2015;

mit: Mads Mikkelsen, David Dencik, Nikolaj Lie Kaas

 

Website zum Film

 

Gabriel ist Evolutionspsychologe und lehrt an der Uni. Dagegen hat Elias nur knapp seinen Schulabschluss geschafft. Er hält es in jedem Job nie länger als ein paar Wochen aus, bis er entweder jemanden verprügelt oder eine Kollegin sexuell belästigt, oder beides. Als die Brüder nach dem Tod ihres Vaters erfahren, dass dieser nicht ihr leiblicher war, scheint sich vieles zu klären.

 

Frostiger Empfang auf Einöd-Hof

 

Ihr Erzeuger ist Wissenschaftler: Evilio Thanos soll inzwischen fast 100 Jahre alt sein und auf einer winzigen Insel namens Ork leben. Die Brüder wollen ihn so schnell wie möglich kennenlernen und reisen auf das Eiland. Dort werden sie von weiteren Verwandten arg frostig empfangen: Auf dem verwahrlosten Anwesen lebt ein wehrhaftes Trio, dessen ausgeprägtes Revierverhalten sehr an Elias‘ hitziges Temperament erinnert.

Offizieller Filmtrailer


 

Alle schlafen in einem Bett

 

Geknickt kehren die Neuankömmlinge um. Der Bürgermeister der 40-Seelen-Insel nimmt sich ihrer an und klärt sie über ihren hiesigen Familienanhang auf. Die schlagkräftigen Herren sind tatsächlich ihre Halbbrüder – gezeugt von ihrem Vater Evilio mit drei verschiedenen Müttern, die jeweils nach der Geburt starben.

 

Beim zweiten Kontaktversuch werden Gabriel und Elias wenigstens ins Haus eingelassen, wo sie sich mit ihren neuen Brüdern und deren Eigenheiten vertraut machen: Alle schlafen in einem Bett und lieben ihre Haustiere heiß und innig. Hier fühlt sich Elias sofort pudelwohl, während Gabriel in der seltsamen Halbwaisen-Konstellation zurecht mehr als nur eine Laune der Natur wittert.

 

Äußerst merkwürdiges, authentisches Personal

 

Diese Gemengelage wäre der perfekte Stoff für einen Horrorfilm. Nicht aber beim dänischen Regisseur und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der mit schwarzhumorigen Schrägheiten wie „Dänische Delikatessen“ (2003) oder „Adams Äpfel“ (2005) auch hierzulande erfolgreich war. Er bleibt sich treu und inszeniert abermals eine sonderbare, mit groteskem Humor angereicherte – nun ja: Familienkomödie.

 

Wie in den Vorgängerfilmen interessiert sich Thomas Jensen auch in „Men & Chicken“ für Bizarres und Abseitiges. Trotzdem gelingt es ihm, dass man sein äußerst merkwürdiges Personal am Ende irgendwie mag; diese Typen sind authentisch und ehrlich, obwohl ihr Tun selten gängigen Konventionen entspricht.

 

Ausgestopfter Schwan als Angriffswaffe

 

Der tumbe Elias masturbiert mehrmals täglich und bildet sich permanent Affären mit Frauen ein. Der Akademiker Gabriel wirkt relativ normal – bis auf die allen Brüdern gemeinsame Hasenscharte und gelegentliche Wutanfälle. Die isoliert aufgewachsenen Halbbrüder Gregor, Franz und Josef wissen wenig von der Außenwelt, da sie vom Vater unterrichtet wurden.

 

So verwundert es nicht, dass sie mit Hühnern und Kuh unter einem Dach leben und sich vor dem Schlafengehen aus Wissenschafts-Literatur vorlesen, die ihnen ihr Vater hinterlassen hat. Oder dass ein ausgestopfter Schwan zur gefährlichen Waffe werden kann. Von außen betrachtet, führen die Hinterwäldler ein bedrückendes, einsames Leben mit eigenen Regeln: Wer nicht spurt, muss in den Käfig.

 

Dreh in Beelitz-Heilstätten südlich von Berlin

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “The Salvation – Spur der Vergeltung” – stilechter Neo-Western von Kristian Levring mit Mads Mikkelsen

 

und hier einen Bericht über den Film “Die Jagd” – packendes Psychodrama über Kindesmissbrauch von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mistaken for Strangers“ – spannende Anti-Doku von Tom Berninger über zwei ungleiche Brüder.

 

Diese Gefüge bringt ihr Verwandtenbesuch durcheinander: Gabriel stellt unbequeme Fragen, und Elias stellt ihnen in Aussicht, richtige Frauen kennenzulernen. Das wird makaber, wenn etwa die liebeshungrigen Herren im Altersheim einfallen, aber auch rührend, sobald Gabriel durchsetzen will, allein zu schlafen – angereichert mit viel derbem Slapstick und aberwitzigen Bildeinfällen.

 

Gedreht hat Regisseur Thomas Jensen zu großen Teilen im ehemaligen Tuberkulose-Sanatorium „Beelitz Heilstätten“ südwestlich von Berlin. Die Rote Armee nutzte es als Militär-Krankenhaus; seit ihrem Abzug 1994 rottet das Gelände pittoresk vor sich hin. Es diente schon öfter als Filmkulisse – etwa Roman Polanski für sein Oscar-prämiertes NS-Drama „Der Pianist“.

 

Mikkelsen als Kotzbrocken mit Herz

 

Auf diesem malerischen Schauplatz glänzen die dänischen Darsteller; allesamt bekannte Gesichter, obwohl sich die Maskenbildner größte Mühe gegeben haben, sie zu entstellen. Am unkenntlichsten ist Mads Mikkelsen mit grässlicher Lockenperücke und Hasenzähnen; er hat bei seiner vierten Zusammenarbeit mit Jensen sichtlich Freude daran, einen beschränkten Kotzbrocken mit Herz zu spielen.

 

Man kann „Men & Chicken“ als sonderbaren Blödsinn abtun, aber der Film bietet mehr: ein Plädoyer für konsequentes Anderssein und zugleich für den Zusammenhalt in jeder Familienbande, wie auch immer sie geartet sei. Das macht trotz einiger dramaturgischer Unzulänglichkeiten durchaus Spaß.


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