Doug Aitken

Station to Station

Die Laser-Installation "Light Echoes" von Aaron Koblin und Ben Tricklebank wird während der Fahrt auf die Schienen projiziert; © Doug Aitken Workshop & Station to Station, LLC. Fotoquelle: NFP
(Kinostart: 16.7.) Visuelles Eisenbahnunglück: Multimedia-Künstler Doug Aitken rast mit einer Schar von Kollegen im Zug durch Amerika. Seine Reisebericht-Doku gesteht jedem 60 Sekunden zu – in diesem Bildergewitter bleibt jeder Sinn auf der Strecke.

Eigentlich eine tolle Idee: Der Künstler Doug Aitken, dem die Schirn Kunsthalle in Frankfurt derzeit eine große Retrospektive widmet, hat einen ganzen Zug gemietet – keine deutsche Bimmelbahn, sondern einen riesigen, stählernen Lindwurm wie von der US-Gesellschaft Amtrak. Dessen neun Waggons wurden mit moderner Technik vollgestopft: einer verwandelte sich in ein Tonaufnahme-Studio, ein anderer in einen Video-Schnittraum.

 

Info

 

Station to Station

 

Regie: Doug Aitken ,

71 Min., USA 2015;

mit: Thurston Moore, Thomas Demand, Giorgio Moroder

 

Website zum Film

 

Außen ließ Aitken LED-Bildschirme anbringen: Bei voller Fahrt laufen auf den Waggonwänden Videoprojektionen ab. Dann raste der Zug 24 Tage lang als high tech-Kunstobjekt durch die Vereinigten Staaten: 4000 Meilen von Ost- bis zur Westküste mit zehn Zwischenhalten in Großstädten wie New York, Chicago und Los Angeles.

 

Kunst-Inspiration in Amerikas Weiten

 

Währenddessen war eine wechselnde Schar von Kreativen an Bord: Musiker, Tänzer, bildende Künstler und Fotografen. Sie stiegen allmählich zu und später wieder aus; an Bord ließen sie sich von der endlosen Fahrt durch die Weiten Amerikas inspirieren. Um Songs zu komponieren, Bilder zu malen oder zu knipsen, Installationen anzufertigen oder einfach Ideen zu notieren. An den zehn Stationen traten sie vor großem Publikum auf.

Offizieller Filmtrailer (engl.)


 

Für Aufmerksamkeits-Spanne von Youtube junkies

 

In Aitkens runaway train mitzufahren, scheint allen Beteiligten großen Spaß gemacht zu haben. Darüber kommt nun in hiesigen Kinos diese Doku an: 62 Kürzestfilme von je einer Minute Länge, in denen irgendwer auftritt, irgendwas macht, ein paar Sätze in die Kamera spricht und wieder verschwindet. Dazwischen Bilder der Lokomotive, der Waggoneinrichtung und der jubelnden Massen an den zehn Auftritt-Stationen; ohne jeden Zusammenhang oder sonstige Struktur.

 

Diese beliebige Bildergewitter dürfte der Aufmerksamkeits-Spanne von Youtube junkies entgegenkommen, die alle paar Sekunden einen anderen Videoclip anklicken: Hauptsache, es flackert bunt und lärmt laut. Wer von audiovisuellen Medien noch erwartet, halbwegs zu begreifen, was er sieht, ist hier auf dem falschen Gleis: Nur Namen von Interpreten und Werktitel werden kurz eingeblendet, mehr Erläuterung ist nicht.

 

Giorgio Moroders schlohweißer Schnauzer

 

Zudem wurde die Übertragung ins Deutsche scheinbar an Google freeware oder ein unterbezahltes call center in Südasien ausgelagert. Beim grotesken Höhepunkt des Films intoniert eine marching band in Karnevals-Uniformen den free jazz-Klassiker "Space is the Place" (1972) von Sun Ra – im Untertitel als "Raum ist der Platz" übersetzt. Der Autor dieser Zeile sollte besser als Bahninspektor arbeiten.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Die Liebe seines Lebens  (The Railway Man)" - einfühlsames Melodram über einen Eisenbahn-Enthusiasten mit Colin Firth + Nicole Kidman

 

und hier einen Bericht über die Doku “The Artist is Present” von Matthew Akers über eine Dauer-Performance von Marina Abramovic

 

und hier einen Beitrag über die Doku “Jean Tinguely” von Thomas Thümena - Film-Porträt des archetypischen Maschinen-Künstlers.

 

Wer sich im US-Kulturbetrieb und alternative rock halbwegs auskennt, den erwarten einige Aha-Erlebnisse. Thurston Moore, Gitarrist der postpunk-Band "Sonic Youth", sieht mittlerweile recht verwittert aus, ebenso die new wave-Ikone Patti Smith oder Alan Vega vom Elektroavantgarde-Duo "Suicide". Der legendäre Disco-Produzent Giorgio Moroder ist als 75-Jähriger zum schlohweißen Schnauzbartträger mutiert, dreht aber weiter munter an den Reglern.

 

Olafur Eliassons Telefon-Kommentar

 

Singer-songwriter Jackson Browne raunt Bedeutungsschwangeres, Multiinstrumentalist Beck trägt Hütchen und singt falsch, der Künstler Thomas Demand lässt den fahrenden Zug Papier zerfetzen, und sein Kollege Olafur Eliasson hatte wohl keine Zeit, wollte aber trotzdem dabei sein: Nach seinen Vorgaben zeichnen Kugeln Zufallsbilder, die er übers Telefon kommentiert. Neben solchen Berühmtheiten sind auch allerlei no names an Bord, die in den kurzen ihnen gewidmeten Momenten noch weniger zu sagen haben als die Zugpferde.

 

So radikalisiert dieses Konzept Andy Warhols Diktum von den 15 minutes of fame for everybody: Hier sind es nur 60 Sekunden. Dass dadurch jeder Sinn ebenso auf der Strecke bleibt wie Einblicke in Kunst-Produktion auf Schienen, scheint Aitken nicht zu stören. Sich auf ein paar Akteure zu beschränken und diese ausführlicher vorzustellen, wäre für sie und die Zuschauer ergiebiger gewesen. Doch das hätte zweierlei erfordert, was diesem Turbo-Aktionskünstler offenbar fehlt: Zeit und Konzentration.


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