Jafar Panahi

Taxi Teheran

Regisseur Jafar Panahi am Steuer. Foto: © Weltkino Filmverleih
(Kinostart: 23.7.) Über Regisseur Jafar Panahi wurde ein Berufsverbot verhängt; also stieg er ins Taxi und drehte dort. Seine warmherzige Road Movie-Komödie als Porträt der heutigen Gesellschaft im Iran gewann bei der Berlinale den Goldenen Bären.

Jeder Tag ist eine Reise mit ungewissem Ausgang. Von dieser philosophischen Einsicht ist man als Mitteleuropäer, der durch seinen straff organisierten Alltag hechelt, weiter entfernt denn je. Doch nimmt man sich 80 Minuten Zeit, um Jafar Panahis jüngsten Film „Taxi Teheran“ anzusehen, sieht man kurzfristig klarer.

 

Info

 

Taxi Teheran

 

Regie: Jafar Panahi,

82 Min., Iran 2014;

mit: Jafar Panahi, Nasrin Sotudeh, Hana Saeidi

 

Website zum Film

 

Mit diesem road movie gewann der iranische Filmemacher bei der diesjährigen Biennale den Goldenen Bären – in Abwesenheit. Für ihn nahm seine zehnjährige Nichte Hana Saeidi die Trophäe entgegen; es war einer der Rührungsmomente dieser Preisverleihung, den die Illusions-Maschine Kino so bitter nötig hat.

 

Film-Schmuggel nach Berlin

 

Panahi selbst wurde 2010 im Iran zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt; ob und wann er sie antreten muss oder nicht, ist noch unklar. Außerdem wurde er mit 20-jährigem Berufs-, Interview- und Ausreiseverbot belegt. Dennoch hat er es auf wundersame Weise geschafft, diesen Film mitten in Teheran zu drehen und ihn nach Berlin schmuggeln zu lassen – darin spielt er selbst zugleich die Hauptrolle.

Offizieller Filmtrailer


 

Im Visier der Armaturenbrett-Kameras

 

Er verkörpert einen Regisseur namens Jafar Panahi, der als Taxifahrer arbeitet. Fast könnte man „Taxi Teheran“ als Fortsetzung des Episoden-Films „Night on Earth“ (1991) von Jim Jarmusch mit Taxi-stories aus fünf Städten verstehen. Aber Panahis Film ist weit weniger surreal überzeichnet: Die Bildregie ist so unspektakulär wie die Inszenierung. Er wirkt fast wie ein Dokumentarfilm, doch die Dialoge der auftretenden Laiendarsteller stammen aus Panahis Feder.

 

Drei vorn im Wageninneren installierte Digitalkameras nehmen diesen etwas anderen Chauffeur und seine wechselnden Fahrgäste auf; das ergibt ein plastisches Porträt der iranischen Gegenwarts-Gesellschaft. Alle führen einen engagierten, hellwachen und beinahe klassischen Disput über die Verfasstheit der res publica, den man sich auch in einer ermüdeten Demokratie öfter wünschen würde.

 

Alte Damen transportieren Goldfische zur Quelle

 

Es steigen ein und fahren mit: eine Grundschullehrerin mit liberalen Ansichten und ein hardliner-Großmaul, das für die Todesstrafe plädiert und sich beim Aussteigen als Straßenräuber outet. Eine Frau, die ihren bei einem Unfall verletzten Mann kreischend ins Krankenhaus bringt – und in Sachen Erbschaft auf Nummer sicher gehen will.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Wüstentänzer - Afshins verbotener Traum von Freiheit" – Polit-Drama im Iran von Richard Raymond

 

und hier einen Bericht über den Film “Jahreszeit des Nashorns” – brilliantes Polit-Psychodrama über Exil-Iraner in der Türkei von Bahman Ghobadi

 

und hier einen Beitrag über den Film “Sharayet – Eine Liebe in Teheran” – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz

 

und hier das Interview “Filme im Gefängnis machen” mit Regisseur Mohammad Rasoulof über seinen Film “Good Bye“, eine Auswanderungs-Parabel in Teheran.

 

Ein DVD-Schwarzhändler, der alle möglichen westlichen Kinofilme und TV-Serien im Angebot hat, und Panahi zugleich ehrt und beleidigt. Zwei abergläubische alte Damen, die Goldfische zu einer Quelle zurückbringen wollen. Und Panahis Nichte Hana, die bereits vom Kino-Virus angesteckt ist und sich über die absurden Anweisungen wundert, die ihre Lehrerin vermittelt.

 

Schwarzmalerei ist bei Strafe verboten

 

Der keck und klug plappernden Zehnjährigen legt das Drehbuch Fragen zur Zensur in den Mund, die jeder eigenständig denkende Mensch stellen möchte. Hana ist verwirrt vom offiziell gewünschten „Realismus“, wenn doch nur schöne Dinge dargestellt werden dürfen, deprimierende Tatsachen aber keinesfalls. Schwarzmalerei ist im iranischen Kino bei Strafe verboten.

 

Was diesen Film auszeichnet, ist weniger seine Machart, als vielmehr die Haltung dahinter. Hanas beiläufig vorgetragene Gegenwarts-Aanalyse wird nur noch von den Worten einer Anwältin übertroffen, die als Menschenrechts-Aktivistin ebenfalls von Berufsverbot bedroht ist. Bei ihren Schilderungen von staatlichem Unrecht und anderen Ungeheuerlichkeiten wird die ganze Härte des Regimes deutlich, doch dabei verliert diese Frau nie ihr Lächeln.

 

Eine Rose für den Fahrer

 

Sie legt dem Regisseur-Chauffeur vor dem Aussteigen eine rote Rose aufs Armaturenbrett – in persischer Symbolik eine der höchsten Ehren. Auch Panahi lächelt übrigens fast immer, mal verschmitzt und mal verlegen. Seine grundsätzliche, nie aufgesetzte Freundlichkeit – den Passagieren wie den Zumutungen des Lebens gegenüber – kann man nur bewundern: eine warmherzige menschliche Zugewandtheit im Alltag, die im Kino selten zu sehen ist.


Diesen Artikel drucken