Jasna Fritzi Bauer

About a Girl

Charleen (Jasna Fritzi Bauer) und Linus (Sandro Lohmann) fahren Kamikaze im Einkaufswagen. Foto: © IMBISSFILM. Fotoquelle: NFP marketing & distribution

(Kinostart: 6.8.) „I hope I die before I get old“: Nach ihrem Selbstmord-Versuch geht für eine 15-Jährige der Schulstress erst richtig los. Darüber dreht Regisseur Mark Monheim eine subtile Tragikomödie – nicht rabenschwarz, sondern in zarten Grautönen.

Suizid ist im Digital-Zeitalter gar nicht so einfach: Charleen (Jasna Fritzi Bauer) hat alles vorbereitet, doch im letzten Augenblick klingelt das Handy – ihre beste Freundin Isa ruft an. Was gerade schlecht passt; aber ohne Abschiedsworte dahinscheiden will Charleen auch nicht. So wird aus dem diskret eingefädelten Exitus ein läppischer gestauchter Halswirbel.

 

Info

 

About a Girl

 

Regie: Mark Monheim,

105 Min., Deutschland 2015;

mit: Jasna Fritzi Bauer, Heike Makatsch, Sandro Lohmann

 

Website zum Film

 

Das folgende Spießrutenlaufen in der Schule wäre fast ein Grund, es gleich nochmal zu versuchen. Beim Psychotherapeuten Doktor Frei, zu dem das Mädchen geschickt wird, begegnet sie dem Klassenprimus Linus (Sandro Lohmann) – und anderntags wissen alle Bescheid. Die üblichen Rüpel ziehen sie dauernd damit auf. Kein Wunder, dass Charleen bloß in Ruhe gelassen werden will: null Bock auf gar nix.

 

Musik toter Idole + Fotos toter Tiere

 

Eigentlich hat sie nur versucht, ihrem Lebensgefühl stilecht Ausdruck zu verleihen. Die 15-Jährige ist kein Gruftie, kultiviert aber recht morbide Neigungen: Ihre Pop-Idole Jimi Hendrix, Kurt Cobain und Amy Winehouse sind alle längst tot. Sie sammelt Fotos von Kleintier-roadkill im Rinnstein, und ein schulbegleitendes Praktikum absolviert sie beim Bestatter, wo sie Leichen vor der Beerdigung schminkt. In ihren Augen sehen Verstorbene glücklich und zufrieden aus, während lebendige Erwachsene ihr meist „unendlich peinlich“ vorkommen.

Offizieller Filmtrailer


 

Selten schlagfertiger Weltekel

 

Ganz unpeinlich ist, wie Regisseur Mark Monheim und Autor Martin Rehbock ihre verhinderte Selbstmörderin porträtieren: Das Drehbuch kommt völlig ohne aufgesetzte Teenie-Sprache oder Jugendkultur-Klischees aus. Jasna Fritzi Bauer schlurft und raunzt vollendet missmutig durch den Film; sie zelebriert quasi schlechte Laune aus Prinzip in allen Lebenslagen. Um flapsige Antworten ist sie nie verlegen: Selten war Weltekel so schlagfertig.

 

Da kann ihre Familie nicht mithalten. Ihre patente Mama Sabine (Heike Makatsch) kümmert sich aufmerksam um sie, hat aber als eBay PowerSeller alle Hände voll zu tun. Bruder Oskar taucht in online games ab, Mutters Lebensgefährte Volker ist dummerweise zugleich ihr verhasster Biologie-Lehrer. Und ihr Erzeuger, der Altrocker Jeff, eilt zwar nach zehn Jahren sorgenvoll herbei, findet aber nie die richtigen Worte; zumindest repariert er kaputte Lampen.

 

Erste Liebe mit dem Streber

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Turn me on!“ – charmante Teenie-Liebeskomödie aus Norwegen von Jannicke Systad Jacobsen

 

und hier einen Bericht über den Film „Love Steaks“ – rasant realistischer Film über Amour-Fou-Jugendliebe von Jakob Lass

 

und hier einen Beitrag über den Film „Scherbenpark“ – Prekariats-Girlie-Porträt von Bettina Blümner mit einer wunderbar rotzigen Jasna Fritzi Bauer.

 

Nur bei Oma Emmi fühlt sich Charleen richtig wohl. Derweil gelingt es Doktor Frei allmählich, ihren Panzer aus Trotz, Schmollen und Schweigen zu knacken. Dabei fallen en passant Stichworte, warum sie ihres Lebens müde ist, obwohl es noch gar nicht richtig angefangen hat: Scham, Gefühle von Schuld und Minderwertigkeit oder Erlösungsfantasien. Das Motiv-Knäuel lässt sich kaum entwirren, muss es auch gar nicht – denn plötzlich spürt die Patientin zarte Empfindungen.

 

Ausgerechnet für den schlaksigen Streber Linus, der alle mit seiner Besserwisserei nervt und ausgestopfte Tierpräparate sammelt: ein Außenseiter wie sie selbst, ähnlich geistreich und gespannt darauf, wie sich der erste Kuss anfühlt. Doch ihre Romanze scheint nicht von Dauer; erst ein wirklicher Todesfall lässt Charleen Trauer fühlen, die ihrem eigenen Leben Wert verleiht.

 

Authentische teenage depression

 

Jahrelang haben Rehbock und Monheim am Skript gefeilt. Seinem Spielfilmdebüt merkt man diese Sorgfalt an: Das ernste Thema wird mit federleichtem Esprit behandelt, ohne je ins Alberne abzugleiten. Der Alltag in der middle class patchwork-Familie ist genauso präzise beobachtet wie im Klassenzimmer. Dezente gags werden sparsam dosiert; alles bleibt wunderbar kunstvoll in der Schwebe.

 

Auch wenn die zweite Hälfte sich etwas in die Länge zieht und der säuselnde soundtrack aus lauter neofolk-Balladen kaum zu Charleens Musikgeschmack passt – dieses Psychogramm heutiger teenage depression wirkt absolut authentisch. Was eine echtes Kunststück ist: Filme über jugendliche Seelenqualen werden ja stets von Leuten gedreht, die ihnen längst entwachsen sind und nur noch vage Erinnerungen daran haben.


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