Martina Gedeck

Anni Felici – Barfuß durchs Leben

Guido (Kim Rossi Stuart, li.) bei seiner Kunst-Performance im Museum, © Emanuela Scarpa. Foto: Camino Filmverleih

(Kinostart: 27.8.) Glückliche Jahre, aber keiner hat’s gemerkt: Regisseur Daniele Luchetti blickt auf Italien in den 1970ern zurück – mit Anfängen der Frauenbewegung und Freiheits-Sehnsüchten im bürgerlichen Rahmen. Atmosphärisch dicht, aber recht unpolitisch.

Wie stellt ein Regisseur die pure Lebenslust seiner Protagonistin dar? Er lässt sie im Auto den Kopf aus dem offenen Fenster in den Fahrtwind strecken. In „Anni felici“ macht das die schöne Serena (Micaela Ramazzotti): Die Künstlergattin und Mutter zweier kleiner Söhne schnuppert den Duft der Freiheit auf dem Beifahrersitz im Wagen der lesbischen Feministin Helke (Martina Gedeck).

 

Info

 

Anni Felici –
Barfuß durchs Leben

 

Regie: Daniele Luchetti,

100 Min., Iralien 2013;

mit: Micaela Ramazzotti, Martina Gedeck, Kim Rossi Stuart;

 

Website zum Film

 

Rom, 1974: Guido (Kim Rosso Stuart) und Serena sind ein perfektes Paar. Er ist ein mäßig erfolgreicher Künstler, der von radikaler Avantgarde träumt und so gern ein bohemien und Bürgerschreck wäre. Leider führen beide – offenbar auch mit Unterstützung von Serenas geschäftstüchtiger Großfamilie – ein recht komfortables Leben, das erstaunlich bürgerlich wirkt.

 

Gattin darf nicht in Kunstwelt

 

Serena ist die Emotionalere und Intuitivere, ohne jeden intellektuellen Ehrgeiz. Sie liebt ihren Mann, will ihm nahe sein und verfolgt ihn geradezu, um ihn zu „unterstützen“. Doch Guido will sie nicht in seine Kunstwelt integrieren – was zu Konflikten führt. Die beiden Jungen Paolo und Dario bekommen alle Höhen und Tiefen dieser Beziehung mit, bei der jedoch die Anziehungskraft zwischen den Eltern stets spürbar bleibt.

Offizieller Filmtrailer


 

Lesbische Liebe zwischen Riesen-Phalli

 

Guido verehrt Piero Manzoni und Yves Klein. Er glaubt, er müsse unbedingt eine zeitgemäße performance entwickeln, um auf einer wichtigen Ausstellung in Mailand die Kritiker zu beeindrucken. Doch die Aktion, bei der vier nackte Modelle den ebenfalls nackten Künstler bunt bepinseln und das Publikum anschließend über Lautsprecher als „feige“ beschimpft wird, will nicht recht zünden.

 

Der Künstler kriegt den Katzenjammer, seine Frau entzieht sich und reist spontan mit den Söhnen in ein Frauen-Camp ins sommerliche Südfrankreich. Dazu überredet sie Guidos Galeristin Helke, die anfangs erwähnte Frau am Steuer. Dort angekommen, verführt sie Serena beiläufig zu einer amour fou-Affäre. Eine spätere Liebesszene der beiden – geradezu lächerlich inszeniert – spielt in Helkes Galerie: mitten in einer grotesken Installation aus grünen Gummi-Objekten, die an Riesen-Phalli erinnern.

 

Mit alter Super-Acht-Kamera gefilmt

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Missverstanden – Incompresa“ – Kindheits-Drama eines vernachlässigten Mädchens in Rom von Asia Argento

 

und hier einen Beitrag über „Das andere Rom – Sacro GRA“ – eindrucksvoller Dokumentarfilm über Roms Peripherie von Gianfranco Rosi

 

und hier einen Bericht über den Film „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“ – herrliche Rom-Hommage von Paolo Sorrentino, prämiert mit dem Auslands-Oscar 2014.

 

Regisseur Daniele Luchetti hat sein biografisch inspiriertes Familien-tableau aus der Sicht des älteren Sohnes gedreht. Der sensible Dario bekommt von seiner Großmutter eine Super-Acht-Kamera geschenkt und filmt eifrig; dafür nahm der Regisseur seine eigene Kamera aus Kindertagen. Aus dieser vorpubertären Perspektive wirkt der Blick auf das Geschehen allerdings arg naiv: Emanzipation scheint zu bedeuten, dass Frauen sich am Strand küssen, ausgiebig diskutieren und scharenweise wild tanzen.

 

Für mehr Zeitgeschichte ist in diesem Film kein Platz. Außen vor bleibt, dass Italien in dieser politisch extrem zerrissenen Zeit „bleierne Jahre“ („anni di piombo“) mit Terror-Anschlägen von rechts und links durchlebte. Dem Regisseur geht um das damalige Lebensgefühl, Stimmungen und Innerlichkeit.

 

Rar machen funktioniert immer

 

Auch in den 1970er Jahren funktionierte der alte Trick hervorragend, dass sich das Alphaweibchen rar macht, um das Betamännchen bei der Stange zu halten. Passenderweise schlüpft Guido während Serenas Abwesenheit im Ferienhaus seiner Schwiegermutter unter: Ein bisschen Nestwärme brauchen eben auch Künstler-Männer.

 

So gerät „Anni felici“ zur atmosphärisch stimmigen, aber etwas oberflächlichen Reminiszenz an die 1970er Jahre: einer Epoche, in der viele von der großen Befreiung träumten, sich aber im Privatleben schwer damit taten. Ansehnlich ist das trotzdem: wegen der überzeugenden Hauptdarsteller und den durchwegs gut besetzten Nebenrollen. Martina Gedeck durfte allerdings schon einmal mehr Facetten zeigen.


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