Hannover

Auszeit – Vom Faulenzen und Nichtstun

Rudolf Jahns: Baltrum, 1929, Foto: Herling/Gwose, Sprengel Museum Hannover, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015.

Dolce far niente in 120 Variationen: Das Sprengel Museum begleitet die Ferienzeit mit einer hübschen Enzyklopädie der Inaktivität – die Faulpelze bequemen sich höchstens zum Baden. Allerdings nur bis zur Nachkriegszeit; dann geht der Schau die Luft aus.

Muss dieser Text wirklich sein? Heute ist doch so schönes Wetter: heiter bis wolkig, weder zu kühl noch drückend heiß. Viel angenehmer wäre, sich im Park die Sonne auf den Bauchnabel scheinen zu lassen, Eis zu schlecken und träge in einer Zeitschrift zu blättern (die Kunstkritikerin gähnt und rekelt sich wohlig). Aber die Abgabe wird fällig; na gut, wenn es unbedingt sein muss!

 

Info

 

Auszeit – Vom Faulenzen und Nichtstun

 

29.04.2015 – 30.08.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 20 Uhr

im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover

 

Katalog 10 €

 

Weitere Informationen

 

Für diese Sommerzeit hat das Sprengel Museum eine reizende Idee: Muße-Bilder in der Kunst auszustellen. Da scheint Zuspruch gesichert; wer mag es nicht, alle Viere von sich zu strecken und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen? Vorausgesetzt, das Publikum frönt nicht eher selbst dem dolce far niente, anstatt es sich auf rund 120 Werken anzusehen – meist Grafiken und Fotos. Ein paar Gemälde, Skulpturen und Videos sind auch dabei.

 

Meditative Stille statt Überschwang

 

Die Präsentation in drei großen Sälen im Untergeschoss fällt allerdings arg nüchtern aus: Schnurgerade sind die Bilder an weißen Wänden aufgereiht. Vom ausgelassenen Überschwang der Ferien- und Freizeit ist nichts zu spüren, von Besucherandrang auch nicht. Eher herrscht meditative Stille, was zu den Arbeiten passt: Die meisten zeigen Ruhende, Liegende und Schlummernde in allen denkbaren Positionen.

Impressionen der Ausstellung


 

Paradox des bemerkenswerten Nichtstuns

 

Das sind eine Menge: Erstaunlich, wie viele Varianten Künstler diesem einfachen Motiv abgewinnen können. Neben Kranken und Arbeitslosen, die zur Untätigkeit verdammt sind, finden sich vor allem Schlafende. Aus diversen Perspektiven: In Seitenansicht oder Draufsicht, elegant ausgestreckt oder lasziv hingegossen, schutzbedürftig eingerollt oder einfach nur bewegungslos.

 

Sie im Bild festzuhalten, enthält ein Paradox: Da geschieht nichts außer dem, was alle Menschen täglich machen – nichts zu tun. Um es dennoch bemerkenswert erscheinen zu lassen, greifen Künstler zu diversen Strategien. Der Maler Lovis Corinth und der Bildhauer Herbert Garbe nehmen schlafende Frauen oder Paare als Anlass für attraktive Akte.

 

Badetage als Sujet-Reservoir

 

Wilhelm Lehmbruck und Käthe Kollwitz zeigen Kauernde als Sinnbilder für den Jammer in der Welt. Picasso demonstriert an Doppelfiguren die conditio humana und lässt mit Faunen erotische Spannung aufkommen. Und Henri Laurens oder Rudolf Jahns reduzieren Silhouetten auf wenige geschwungene Linien – so abstrakt und transzendental wie der Schlafzustand selbst.

 

Doch Faulenzen ist keineswegs nur Nichtstun; das würde rasch langweilig. Die Arbeitsgesellschaft hat zur Entspannung und Erholung die Freizeit erfunden, mit Unterhaltung und Hobbys für jeden Geschmack. Ein allseits beliebter Zeitvertreib sind Badetage. Sie bieten Künstlern ein fast unerschöpfliches Reservoir an Sujets: das Defilee von Körpern in allen möglichen und unmöglichen Verrenkungen.

 

Sich an Strand-Menschen kaum satt sehen können

 

Solche Kombinationen reizt Max Beckmann kühn aus: Seine Radierung „Frauenbad“ (1922) zeigt ein unglaubliches Getümmel von ineinander verschlungenen Leibern, die trotzdem quietschvergnügt bleiben. Vier Jahre zuvor hatte er ein halbes Dutzend „Gähnende“ so geschickt arrangiert, dass die aufgerissenen Münder und gebleckten Zähne harmonisch wirken.

 

Die 1910er bis 1930er Jahre waren ohnehin die große Zeit der Bade-Kunst. Lebensreformer und Wandervögel entdeckten den Körper neu, Sport wurde Massenbeschäftigung und -spektakel. Die Künstler konnten sich an spärlich bekleideten Menschen am Strand kaum satt sehen. Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner und Post-Fauvisten wie Hans Purrmann zeichneten Badeszenen en gros; neusachliche Fotografen wie Umbo oder Walter Ballhause hielten das wilde Treiben auf Sand und im Wasser fest.

 

Weder Rumhängen noch Fitness-Kult

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Wir gehen Baden!“ – eine Sommer-Ausstellung von Dürer bis Hockney im Kupferstichkabinett, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Reiselust und Sinnesfreude” mit Werken von Lovis Corinth in Apolda und Aschaffenburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Dix/Beckmann: Mythos Welt” mit Werken von Max Beckmann in der Hypo-Kunsthalle, München.

 

In der Konsumgesellschaft explodierten dann die Freizeitaktivitäten, doch da kann die Ausstellung nicht mithalten: Mit Kunst der Nachkriegszeit und Gegenwart ist sie spärlich bestückt. Ein paar üppige Nixen von Niki de Saint Phalle, eine Skulptur von Fritz Wotruba, mehrere freche Grafiken aus den 1970/80er Jahren und mäßige aktuelle Arbeiten – das war’s.

 

Von der Lebensform des hanging around bei Hippies und Punks als Widerstand gegen Leistungszwang, oder umgekehrt von dessen Übersteigerung im heutigen Fitness-Kult ist nichts zu sehen. Da hatte in der letzten Saison die ähnlich angelegte Schau „Wir gehen Baden!“ im Berliner Kupferstichkabinett mehr zu bieten.

 

Jetzt raus ins Grüne!

 

Mag sein, dass es an Schwerpunkten und Leerstellen der hauseigenen Sammlung liegt, aus denen sich diese „Auszeit“ speist – wir wollen der Kuratorin nicht unterstellen, dass sie den Untertitel ihrer Ausstellung allzu sehr beherzigt hat. Denn jede Aufgabe muss ein Ende finden; auch diese Besprechung. Und jetzt raus ins Grüne!


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