Düsseldorf + Köln

Bernard Schultze

Bernard Schultze: Zotten-Tier (Detail). 1986, Öl auf Leinwand, 200 x 140 cm, Stiftung Sammlung Kemp, Foto: ohe

Im unerschöpflichen Bilderkosmos: Jede Form enthält unendlich viele weitere. Damit wurde Bernard Schultze zu einem der bedeutendsten abstrakten Maler der Nachkriegszeit, zeigen zwei Retrospektiven zum 100. Geburtstag im Kunstpalast und Museum Ludwig.

Ihm zuliebe setzen Düsseldorf und Köln sogar ihre ewige Rivalität zeitweilig aus: Zum 100. Geburtstag ehren beide rheinische Metropolen Bernard Schultze mit großen Hommagen. Beide Städte waren für ihn wichtige Stationen: In Düsseldorf studierte er vor dem Zweiten Weltkrieg an der Kunsthochschule, in Köln wohnte er ab 1968 bis zu seinem Tod 2005.

 

Info

 

Bernard Schultze (1915 – 2015) – Werke aus der Sammung Kemp

 

19.04.2015 – 30.08.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4-5, Düsseldorf

 

Weitere Informationen

 

Bernard Schultze –
Zum 100. Geburtstag

 

30.05.2015 – 22.11.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

im Museum Ludwig,

Hein­rich-Böll-Platz, Köln

 

Weitere Informationen

 

Wobei sein Werk nicht regional verankert war; es hätte wohl überall entstehen können. Zumal das Kriegsende ihn auch künstlerisch als Stunde Null traf: 1945 verbrannte bei einem Bombenangriff auf Berlin alles, was er bis dahin geschaffen hatte. Der 30-Jährige musste ganz von vorne anfangen. Vielleicht war es diese tabula rasa-Erfahrung, die ihn einen völlig eigenständigen und unabhängigen Weg gehen ließ.

 

Beeinflusst von Ensor + Alfred Kubin

 

Seine ersten Arbeiten nach dem Krieg, die in Frankfurt am Main entstanden, waren noch stark vom Surrealismus geprägt: voller bizarrer Gestalten in fantastischen Szenerien, die Einflüsse von James Ensor und Alfred Kubin verrieten. 1951 reiste er nach Paris und sah erstmals Werke von Wols und anderen Künstlern des Tachismus. Das beeindruckte ihn ungemein; Schultze änderte seine Bildkonzeption radikal und trieb die Auflösung des Figurativen voran.

Impressionen der Ausstellung im Museum Kunstpalast, Düsseldorf


 

Grässlich entstellte Schaufensterpuppe

 

1952 gründete er mit seinem Freund Karl Otto Götz, Otto Greis und Heinz Kreutz die Künstlergruppe Quadriga. Ihre Ausstellungen erregten rasch großes Aufsehen: Sie galten als führende deutsche Vertreter des Informel, auch gestisch-abstrakte Malerei genannt. Bald griff Schultze mit seiner Kunst in den Raum aus: Aus pastoser Farbe und Sand, Stoff und anderen Materialien modellierte er dreidimensionale Reliefs auf der Leinwand.

 

Ab 1959 begannen diese Gebilde ein Eigenleben zu führen: Die „Migofs“, wie er sie taufte, wurden zu exzentrischen Skulpturen, die alle möglichen Formen annahmen. In den 1960er Jahren tauchten darin auch Versatzstücke aus Massenmedien und -kultur auf; etwa Schrift, Fotos oder Industrieprodukte. Wie beim „Mannequin- Migof im Schritt“ von 1971, das in Düsseldorf ausgestellt ist: Schultze deformierte eine lächelnde Schaufensterpuppe mit Hitze, als sei sie grässlich entstellt – sein Kommentar zu Pop-Art und Vietnam-Krieg.

 

„Das Düstere muss glühen“

 

Mitte der 1970er Jahre kehrte er wieder zur reinen Malerei zurück. Die Formate wurden größer, die Farben leuchtender; zugleich schöpfte er in Kohle- und Bleistiftzeichnungen die Möglichkeiten des Monochromen aus. Bis ins hohe Alter aktiv, hinterließ Schultze ein riesiges Œuvre von mehr als 3200 Gemälden und Skulpturen, dazu zahllose Grafiken.

Impressionen der Ausstellung im Museum Ludwig, Köln


 

Geistige Landschaften erinnern an Gegenständliches

 

Einen anschaulichen Querschnitt bietet die Schau im Düsseldorfer Museum Kunstpalast: knapp 70 Arbeiten aus allen Schaffensphasen, die der Sammler Willi Kemp seit den 1960er Jahren zusammengetragen hat. Ausgewählte Beispiele des Frühwerks lassen das Trauma der Kriegserfahrung ahnen: gedeckte Töne, schrundige Oberflächen und chaotisch verwirbelte Farbverläufe verleihen den Gemälden etwas Morbides. Dazu passen Titel wie „Rosen-Geschwüre“ (1955) – „Das Düstere muss glühen, muss leuchten“, forderte Schultze.

 

Später hellte sich seine Palette auf, sie wurde geradezu bunt – und ließ umso deutlicher hervortreten, wie vielschichtig seine Gemälde sind. Diese begriff Schultze durchaus nicht als abstrakte Kunst, worunter er geometrische Formen und Farbfelder etwa der Konstruktivisten verstand. Er hingegen wollte „geistige Landschaften“ malen, deren organisch wuchernde Formen vom Gegenständlichen ausgingen und daran erinnerten; ihre ineinander fließenden Konturen und Nuancen sollen beim Anschauen möglichst viele Deutungen erlauben.

 

Wie die Puppe in der Puppe

 

Deshalb stecken in jedem seiner Bilder, genau besehen, unendlich viele weitere; wie Puppen in der Puppe bei der russischen Matrjoschka. Was aus der Distanz wie ein abgegrenztes – wenn auch rätselhaftes – Motiv aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als unüberblickbares Feld kleinster Formen, die ganz unterschiedliche Assoziationen auslösen. Oft scheinen sie in fremde Sphären zu führen, etwa unter Wasser oder ins Reich der Insekten.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „K. O. Götz“ – prächtige Retrospektive zum 100. Geburtstag des Informel-Malers in Berlin, Duisburg + Wiesbaden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellungen „Wols – Aufbruch nach 1945 + Der gerettete Blick“ – zwei große Malerei- + Fotografie-Werkschauen des Informel-Künstlers in Kassel + Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Hann Trier: Lob des Rokoko“ – Themen-Ausstellung zu Werk-Aspekt des Informel-Malers im Schaetzlerpalais, Augsburg.

 

Dahin gelangte Schultze, indem er sich dem „Diktat des Unbewussten“ überließ: „Ich möchte so passiv sein wie möglich, möchte mit jedem Schritt in eine unvorhergesehene Situation geraten, eine gewisse Form der Trance.“ Wie produktiv sie wirkte, lässt sich im Kölner Museum Ludwig anhand von rund 100 Exponaten aus eigenem Bestand nachvollziehen.

 

Blick verliert sich im Uferlosen

 

Hier bildet das Frühwerk einen Schwerpunkt: von ersten, noch realistischen Zeichnungen über surreale Aquarelle und Gouachen nach dem Krieg bis zur Explosion der Formen nach 1951. In vielen Kompositionen scheint Schultze die Lust und das Unbehagen der Postmoderne an künstlichen Kreaturen und fantasy-Universen vorausgeahnt zu haben; das muss vor einem halben Jahrhundert ungeheuerlich erschienen sein.

 

Das unaufhörliche Flottieren von Formen beeindruckt am meisten beim zweiten Schwerpunkt: den Großformaten, die Schultze ab den 1980er Jahren schuf. Seine Zeichnungen enthüllen einen wahnwitzigen Detailreichtum, in denen sich der wandernde Blick im Uferlosen verlieren kann. Auf den Gemälden fließen sie zu faszinierenden Welt-Ansichten zusammen: Kaum ein anderer Bilderkosmos ist so reichhaltig und vielgestaltig.


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