Salma Hayek + Vincent Cassel

Das Märchen der Märchen

Sodom und Gomorra: im Palast des Königs von Strongcliff (Vincent Cassel). Foto: © 2015 Concorde Filmverleih GmbH
(Kinostart: 27.8.) Sex, Gewalt und Skurrilitäten: Regisseur Matteo Garrone wurde 2008 mit dem Mafia-Schocker „Gomorrha“ bekannt. Nun verfilmt er drei klassische italienische Märchen – als bizarren Reigen, dessen Dramaturgie hinter seiner Bildgewalt herhinkt.

Vom Mafia- zum Märchenreich: 2008 wurde der italienische Regisseur Matteo Garrone mit „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ schlagartig weltweit bekannt. Seine Verfilmung von Roberto Savianos Bestseller über das organisierte Verbrechen in Neapel schockierte mit schonungslosem Realismus. Nun hat Garrone seine erste internationale Produktion gedreht – ausgerechnet ein Märchen, sogar: „Das Märchen der Märchen“. Kann das gut gehen?

 

Info

 

Das Märchen der Märchen

 

Regie: Matteo Garrone,

133 Min., Italien/ Frankreich 2015;

mit: Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones

 

Website zum Film

 

Immerhin sind die Autoren beider Vorlagen Neapolitaner. Der Edelmann Giambattista Basile (1570-1632) trug 50 Märchen für sein „Pentamerone“ zusammen; sie wurden 1636 posthum veröffentlicht. Basiles Märchen sind in Italien so populär wie die der Brüder Grimm im deutschen Sprachraum; sie dienten ihnen als Vorbild. Daraus schildert Regisseur Garrone drei Episoden um drei Königshäuser.

 

Schwanger durch Herz-Mahlzeit

 

Die Königin von Longtrellis (Salma Hayek) ist todunglücklich, da sie kinderlos bleibt. Ein Wahrsager rät ihr, ihr Gatte solle ein Seeungeheuer töten und dessen Herz herausschneiden. Eine Jungfrau müsse es kochen und die Königin das Herz aufessen; dann werde sich alsbald Kindersegen einstellen. Gesagt, getan; doch der König (John C. Reilly) stirbt beim Kampf mit dem Ungeheuer. Nach dem sonderbaren Schmaus wird nicht nur die Königin, sondern auch die Jungfrau schwanger – und ihre schlohweißen Söhne sind sich verblüffend ähnlich.

Offizieller Filmtrailer


 

Floh bis zu Schweinsgröße mästen

 

Der König von Strongcliff (Vincent Cassel) ist ein Weiberheld; er hat alle Frauen seines Reiches schon gehabt. Fast alle: Als er aus einer Hütte betörenden Gesang vernimmt, will er unbedingt die gewiss liebreizende Sängerin ins Bett bekommen. Dafür muss er lange um sie werben; die offenbar schüchterne Dame besteht auf völliger Dunkelheit während der Liebesnacht. Als der König am nächsten Morgen neben einer hässlichen Greisin erwacht, fällt er aus allen Wolken und die Alte kurz darauf aus dem Schlafzimmer-Fenster.

 

Der König von Highhills (Toby Jones) interessiert sich mehr für einen Floh, den er im Verborgenen bis zu Schweinsgröße mästet, als für seine Tochter. Als der Blutsauger stirbt und die Tochter heiraten will, fasst der Vater einen perfiden Plan: Er lässt den toten Riesenfloh häuten und bietet die Hand seiner Tochter demjenigen, der errät, welchem Tier das Fell gehörte. Die fast unmögliche Aufgabe löst dummerweise ein hässlicher Unhold; er verschleppt die verzweifelte Prinzessin in seine Höhle.

 

Wie in softcore movie aus den 1970ern

 

Man sieht: „Das Märchen der Märchen“ ist ein einziger bizarrer Bildereigen. Garrones Inszenierung spart nichts aus, sondern betont geradezu die Ballung von Sex, Gewalt und surrealen Skurrilitäten. Als der König von Longtrellis unter Wasser mit dem Ungeheuer ringt, wird das zum bluttriefenden Gemetzel; anschließend wird dessen monströses Herz gewürzt und im gewaltigen Kessel gegart.

 

Und der notorische Frauenheld Vincent Cassel wird als sexsüchtiger Monarch mit einer Szene eingeführt, in der er es mit barbusigen Damen wie in einem softcore movie aus den 1970er Jahren treibt. Noch befremdlicher sind Passagen, in denen Toby Jones seinen Riesenfloh mit blutigen Steaks füttert – oder der Unhold mit seiner zarten Tochter wie ein Steinzeit-Grobian umspringt.

 

Für Kinder weder gedacht noch geeignet

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Blancanieves – Ein Märchen in Schwarz und Weiß” – Stummfilm-Adaption von Schneewittchen in Spanien durch Pablo Berger

 

und hier einen Beitrag über den Film "Die Karte meiner Träume" - Verfilmung des modernen Märchens von Reif Larsen durch Jean-Pierre Jeunet

 

und hier einen Bericht über den Film "Beberian Sound Studio" - bizarrer Mystery-Psycho-Thriller über Giallo-Film-Vertonung von Peter Strickland mit Toby Jones.

 

Dabei sind die Bilder wie auf Hochglanz poliert. Das betont zwar die Künstlichkeit des Film, raubt ihm aber auch jede märchenhafte Atmosphäre: Zwar scheint er wie aus einer andern Welt, verbreitet aber wenig von der düsteren Romantik, die man gemeinhin mit Märchen verbindet. Stattdessen erinnert er an die mit special effects überladenen fantasy-Epen, die im Kommerz-Kino derzeit beliebt sind – obwohl fast alle Aufnahmen an realen Schauplätzen entstanden.

 

Trotzdem ist Garrone näher am Geist alter europäischer Volkssagen als das Gros verkitschter Hollywood-Märchenfilme der Marke Disney & Co. Während der Regisseur in „Gomorrha“ Leichen einfach wegbaggern ließ, irritiert er diesmal mit Gewaltexzessen, die innerhalb ihrer Kunstwelt ebenfalls sehr plausibel wirken. Damit macht er klar, dass Märchen, die später häufig auf süßliche Kindertauglichkeit getrimmt wurden, ursprünglich für Kinder weder gedacht noch geeignet waren – zumindest nach heutigen Maßstäben.

 

Glück durch Bescheidenheit

 

Allerdings ist der Film auf narrativer Ebene längst nicht so stark wie auf visueller. „Gomorrha“ gelang es meisterlich, verschiedene Einzelschicksale zur größeren Gesamterzählung zu verbinden. In „Das Märchen der Märchen“ laufen die drei Erzählstränge unverbunden nebeneinander her; sobald sie zusammenfließen, brechen sie abrupt ab. Doch ihre Moral ist sonnenklar: Alle Gier führt zu Leiden – nur eine einzige Nebenfigur, die bescheiden lebt, wird am Ende glücklich.


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