Anna Muylaert

Der Sommer mit Mamã – Que horas ela volta?

Jéssica (Camila Márdila) hat Spaß im Pool, © Gullane Filmes / Aline Arruda. Fotoquelle: Pandora Filmverleih

(Kinostart: 20.8.) Servilität in der Servicegesellschaft: Eine brasilianische Perle umsorgt beflissen ihre reichen Herrschaften – bis ihre Tochter respektlos alles auf den Kopf stellt. Witzig und charmant führt Regisseurin Muylaert soziale Rituale vor.

„Que horas ela volta?“ – „Wann kommt sie zurück?“: Diese Frage, die der portugiesische Originaltitel des Films ist, stellen Millionen von Kindern, wenn sie von ihren Müttern getrennt sind. In Ländern wie Brasilien mit großer Kluft zwischen Arm und Reich trösten über die Abwesenheit der Mütter meist Kindermädchen hinweg: Für begüterte Brasilianer sind Hausangestellte selbstverständlich.

 

Info

 

Der Sommer mit Mamã –
Que horas ela volta?

 

Regie: Anna Muylaert,

111 Min., Brasilien 2015;

mit: Regina Casé, Michel Joelsas, Camila Márdila

 

Website zum Film

 

Oft haben die Kindermädchen ihrerseits eigene Kinder, meist irgendwo auf dem Land, die ebenfalls von Ersatzmüttern versorgt werden. Währenddessen arbeiten die nannies in den Metropolen, um ihren Familien in der Provinz Geld zu schicken. Von diesem sozialen Gefälle in Lateinamerika seit der Kolonialzeit erzählt Regisseurin Anna Muylaert sensibel und leichtfüßig – und vom gesellschaftlichen Wandel, den die junge Generation langsam, aber zielstrebig einläutet.

 

Für Mahlzeiten + Herzenswärme

 

„Wann kommt sie zurück?“, hat sich auch die 17-jährige Jéssica (Camila Márdila) jahrelang gefragt. Als sie noch klein war, wanderte ihre Mutter Val (Regina Casé) in die Metropole São Paulo ab, um dort als Hausmädchen Arbeit zu finden. Bei einer wohlhabenden Familie kümmert sie sich seit 13 Jahren um die Mahlzeiten, den reibungslosen Ablauf des Alltags, die Erziehung des Sohnes Fabinho (Michel Joelsas) und Herzenswärme.


Offizieller Filmtrailer


 

Nie aufs Sofa setzen oder teures Eis essen

 

In der großzügigen Villa von Dona Bárbara (Karine Teles) und Patrão Carlos (Lourenço Mutarelli) gibt es zwei deutlich voneinander getrennte Bereiche. Die Küche ist Vals Reich – in den übrigen Räumen bemüht sie sich, unsichtbar zu sein. Während die Familie speist oder am pool entspannt, hält sich Val immer bereit; falls man sie ruft, um etwa den Kaffee zu servieren oder auch nur ein Glas Wasser zu bringen.

 

Obwohl alle beteuern, dass sie längst zur Familie gehört, würde sich Val niemals auf das Sofa im Wohnzimmer setzen oder das teure Eis essen, dass Fabinho so gut schmeckt. Die Hierarchie funktioniert reibungslos; beide Seiten halten sich an die unausgesprochenen Regeln. Val zieht höchstens eine Augenbraue hoch, wenn sie Zeugin von Streit unter ihren Arbeitgebern wird.

 

Mit Sohn flirten + Papa den Kopf verdrehen

 

Die eingespielte Ordnung wird auf den Kopf gestellt, als Jéssica nach São Paulo kommt und übergangsweise bei Val wohnen darf. Ihre Tochter ist eine selbstbewusste junge Frau, die den Unterschied von Herrschaften und Personal weder kennt noch akzeptieren will. Gleich am ersten Tag frühstückt sie am Familientisch, flirtet mit Sohn Fabinho, verdreht Patrão Carlos den Kopf und überredet den Hausherrn, ihr das Gästezimmer zur Verfügung zu stellen.

 

Darüber ist Dona Bárbara genauso entsetzt wie Val selbst: Sie fühlt sich von ihrer Tochter zurückgesetzt und fürchtet die Konsequenzen. Doch ihr Versuch, den respektlosen Backfisch auszuquartieren, scheitert: Jéssica kommt zurück und gibt ihr zu verstehen, dass sie keine mütterliche Autorität beanspruchen kann – schließlich hat sie ihre Tochter lange vernachlässigt. Val muss sich nun zwischen ihrem gewohnten Dasein und einer ungewissen Zukunft entscheiden.

 

Erschlaffte Familie in vornehmer Bude

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Episoden-Film Paulista von Roberto Moreira über Liebesglück und -leid von Großstädtern in São Paulo

 

und hier eine Besprechung des Films „A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün“Jugend-Drama in Amazonien von Sergio Andrade

 

und hier einen Beitrag über den Film „Sto spiti – At Home“ – Sozialdrama von Athanasios Karanikolas über eine gefeuerte griechische Hausangestellte.

 

Trotz ihrer Dienstboten-Mentalität wird sie von Regina Casé, in Brasilien ein Kino- und TV-Star, mit soviel Energie und Witz gespielt, dass sie sofort zur Sympathieträgerin wird. Dadurch gleicht sie das schnippische Auftreten von Camila Márdila aus, die als Jessica genau weiß, was sie will, nämlich Architektur studieren – und sich von keinem die Butter vom Brot nehmen lässt.

 

Womit sie Leben in die vornehme Bude bringt, in deren behaglichem Komfort die Familie etwas erschlafft ist: Karine Teles, die mit ihrer kompakten Erscheinung an Staatspräsidentin Dilma Rousseff erinnert, wird als Dona Bárbara wunderbar stutenbissig. Nicht ohne Grund: Ihr Mann und ihr Sohn wetteifern geradezu darin, dem Neuankömmling gefällig zu sein – obwohl Fabinho und Jessica um die Aufnahme zur selben Universität konkurrieren.

 

Rezept für Arbeitsmigranten-Aufstieg

 

Getarnt als familiäres Kammerspiel, beobachtet der Film sehr genau die Rituale von Herrschaftsausübung und Unterordnung, die auch persönliche Bindungen und Gefühle durchkreuzen – die aber auf Bildung beruhendes Selbstbewusstsein aushebeln kann. Dabei kommt „Der Sommer mit Mamã“ keine Sekunde lang didaktisch daher, sondern stets charmant unterhaltsam: ein rundum gelungenes Rezept für sozialen Aufstieg von Arbeitsmigranten nicht nur in der Neuen Welt. Wofür Regisseurin Anna Muylaert auf der diesjährigen Berlinale völlig verdient den Panorama-Publikumspreis erhielt.


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