Frankfurt am Main

Die 80er – Figurative Malerei in der BRD

Helmut Middendorf (*1953): Sänger, 1981, Dispersion auf Nessel, 175 × 220 cm, Foto: Jochen Littkemann, © VG Bild-Kunst 2015. Fotoquelle: Städel
Zwischen Onanie im Kino und nackten Männerleibern an Fleischerhaken: Bilder der „Jungen Wilden“ in den 1980er Jahren fielen denkbar drastisch aus. Ihre Provokationen bleiben bis heute frisch und originell, zeigt eine große Überblicks-Schau im Städel.

Man nannte sie „Junge Wilde“: Anfang der 1980er Jahre sorgten eine neue Generation von Bilderstürmern für reichlich Wirbel – zuerst in der Bundesrepublik, kurz darauf weltweit. Zu einer Zeit, als gegenständliche Malerei in der Kunstwelt als überholt galt, wandten sich diese Künstler explizit der figurativen Malerei zu – bevorzugt auf riesigen Leinwänden.

 

Info

 

Die 80er - Figurative Malerei in der BRD

 

22.07.2015 - 18.10.2015

täglich außer montags

10 – 18 Uhr, donnerstags

+ freitags bis 21 Uhr

im Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main

 

Katalog 34,90 €

 

Weitere Informationen

 

Explizit ist durchaus wörtlich zu verstehen: Auf seinem Bild „Babylon“ (1978) malte Salomé eine Gruppe nackter Männer bei sexuellen Praktiken. Werke wie „Selbstbildnis im Kino onanierend“ (1980) von Werner Büttner oder „Goldener Mann schlägt Schlampe“ (1980) von Albert Oehlen tragen die Provokation bereits im Titel.

 

Was sagen Rabauken uns heute?

 

Von Stargaleristen wie Paul Maenz in Köln clever am Kunstmarkt platziert, erschienen die meisten dieser Künstler um 1980 plötzlich auf der Bildfläche; Ende des Jahrzehnts waren viele von ihnen wieder aus dem Rampenlicht verschwunden. Nun holt ausgerechnet das altehrwürdige Städel Museum die damaligen Rabauken wieder hervor: Haben die einstigen Bürgerschreck-Bilder uns heute noch etwas zu sagen, oder wird hier bloß ein abgestandener hype wieder aufgewärmt?

Feature mit Statements von Kuratorin Franziska Leuthäußer, Künstler Salomé + Impressionen der Ausstellung; © rheinmaintv


 

Drei regionale Zentren

 

Ähnlich wie beim Titel der Ausstellung „German Pop“, die Ende 2014 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen war, war der Begriff „Junge Wilde“ anfangs vor allem ein griffiges Etikett, das einer sehr heterogenen Schar von Künstlern zwecks besserer Vermarktung verpasst wurde. Mittlerweile ist er jedoch in der Kunstgeschichte weitgehend akzeptiert, auch wenn „Neo-Expressionisten“ und „Heftige Malerei“ ebenso kursieren.

 

Dabei lassen sich mit Westberlin, Hamburg und Köln drei regionale Zentren mit jeweiligen Eigenheiten ausmachen. Die Berliner Galerie am Moritzplatz hatten Salomé, Helmut Middendorf, Rainer Fetting und andere 1977 selbst gegründet und bis 1981 betrieben; bei ihnen ging es sehr körperbetont und hedonistisch zu.

 

Ironische Hamburger, dilettantische Kölner

 

Dagegen bevorzugten Hamburger wie Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Werner Büttner einen distanziert-ironischen Umgang mit Malerei. Rheinländisch unbekümmert zeigte sich das Kölner Künstler-Kollektiv der „Mühlheimer Freiheit“ um Peter Dömmels, Walter Dahn und Jiří Georg Dokoupil: als selbst ernannte „geniale Dilletanten“, die es auch mit Orthographie nicht sonderlich genau nahmen.

 

Die Schau versucht, diesem wilden Treiben Herr zu werden, indem sie rund 90 meist großformatige Gemälde nach geografischen und thematischen Schwerpunkten sortiert; den Auftakt bilden Porträts. Sie demonstrieren, wie vielfältig diese neue figurative Malerei ausfiel und wie sehr ihr an Provokationen lag: von Oehlens „Selbstporträt mit Palette“ (1984) in fast altmeisterlich klassischer Pose bis zum Antlitz von Kippenberger, das Dokoupil 1983 pseudo-kubistisch hinpinselte.

 

Zwischen Fleischbeschau + Folter-Opfern

 

Daran schließen Räume zum Körperkult der „Moritzplatz-Boys“ an. Von Bildern wie Fettings „Große Dusche“ (1981) und „Van Gogh und Mauer-Sonne“ (1979) geht eine Frische und Kraft aus, die heute noch frappiert. Ebenso vom Gemeinschaftswerk „KaDeWe“ (1981) von Luciano Castelli und Salomé: Sie hängten nackte Männerleiber in verdrehten Posen wie Rinderhälften beim Fleischer auf – das changiert ambivalent zwischen orgiastischer Fleischbeschau und Opfern von Folter und Erniedrigung.

 

Solche Gemälde aus wenigen, groben Pinselschwüngen erscheinen fast wie hingespuckt; zugleich zeugen sie von genauen anatomischen Kenntnissen. Ihr spontaner Gestus samt greller Farbigkeit schafft eine Ausdrucksstärke, die Stilmittel des klassischen Expressionismus in die Gegenwart katapultiert – nicht nur die der 1980er Jahre, sondern auch in die heutige: Etliche Bilder wirken absolut zeitgemäß.

 

Kein Hakenkreuz entdecken können

 

Der ironische Impetus der Hamburger Künstler war nicht geografisch beschränkt. So ging etwa Kippenberger früh nach Berlin und wurde 1978 Mitbetreiber des Punk-Clubs „SO36“. Seine Bildtitel und -inhalte machten sich bevorzugt über political correctness lustig – lange, bevor es das Wort überhaupt gab.

 

„Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress“ (1984) kreuzt die Ästhetik des Sozialistischen Realismus mit feministischer Frauenpower-Selbstermächtigung. „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ aus demselben Jahr zeigt ein konstruktivistisch anmutendes Wirrwarr von rechtwinkligen Balken, die kein reales Objekt zu bilden scheinen; geschweige denn ein Hakenkreuz.

 

Analogie zu „Neuer Deutscher Welle“

 

Diese hintergründige Ironie beim Bruch von Erwartungen degenerierte in Köln zu reinem, brüllenden Unsinn. In der „Mühlheimer Freiheit“ entstanden so unsägliche Werke wie „Ohne Titel (Kotzer II)“ (1980) von Dahn und Dokoupil; das Breitformat erinnert an eine überdimensionale, selbsterklärende Kinder-Kritzelei. Da zeigen sich Parallelen zur zeitgleich aufbrandenden und schnell wieder abebbenden „Neuen Deutschen Welle“ der frühen 1980er Jahre.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Martin Kippenberger: sehr gut | very good" – große Retrospektive im Hamburger Bahnhof, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Albert Oehlen – Malerei" – erste große Werkschau in Österreich im MUMOK, Wien

 

und hier eine Besprechung der Schau "Rainer Fetting - Berlin" – Doppel-Ausstellung in der Berlinischen Galerie + Galerie Deschel, Berlin.

 

Für kurze Zeit brach ungeahnte und ungehemmte Spielfreude an Musik mit deutschen Texten los; das zog aber auch viele blödelnde Nichtskönner an, die schnell abkassieren wollten. Bei der „Mühlheimer Freiheit“ war die Luft nach drei Jahren enthemmten Dilettierens jedenfalls raus; 1982 löste sich die Gruppe auf.

 

Furor ist nicht gealtert

 

So zeigt das Städel ein buntes Sammelsurium zwischen origineller Kunst und grobem Unfug. Große, längst etablierte Namen werden ergänzt durch weniger bekannte Künstler-Gruppen wie „Normal“ aus Düsseldorf und heute noch aktive Einzelgänger, etwa Andreas Schulze und Ina Barfuss. Ebenso werden manche Nebenwerke gezeigt, die ihre Schöpfer zum Teil erstmals auf die Öffentlichkeit loszulassen wagen; etwa Middendorfs farbloses Selbstporträt von 1976.

 

Dabei lassen sich viele Werke wieder entdecken, deren Furor keineswegs gealtert erscheint. Provokant wirken sie noch immer in einem Kunstbetrieb, der in den letzten 30 Jahren wieder deutlich konservativer geworden ist: So eindeutig und drastisch sexuelle Darstellungen wie diese werden von Museen und Medien heute kaum verbreitet.


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