Gustavo Taretto

Las Insoladas – Sonnenstiche

Die sechs Freundinnen Flor (Carla Peterson), Lala (Luisana Lopilato), Valeria (Marina Bellati), Karina (Elisa Carricajo), Sol (Maricel Alvarez) und Vicky (Violeta Urtizberea) genießen den Sommer. Foto: Real Fiction Film

(Kinostart: 6.8.) Kein Entkommen vor der Sommerhitze: Beim Sonnenbad in Buenos Aires delirieren sechs Grazien übers Auswandern nach Kuba. Nach „Medianeras“ nimmt Regisseur Gustavo Taretto wieder liebevoll die Spleens seiner Landsleute aufs Korn.

Ein Sonnenstich ähnelt dem Fieberwahn: Phantasien werden zu Tatsachen, und alles scheint möglich. Aus einer Schnapsidee spinnt das kochende Hirn in flirrender Hitze einen Plan, der gar nicht schief gehen kann – sagt das ausgedörrte Urteilsvermögen. Um Entstehen und Folgen von sonnenverbranntem Übermut geht es im knallbunten argentinischen Film „Las Insoladas – Sonnenstiche“. Die Kammerspiel-Komödie kommt ebenso leicht wie schrill daher und steigt zu Kopf wie ein hitziger Tag im Freibad.

 

Info

 

Las Insoladas – Sonnenstiche

 

Regie: Gustavo Taretto,

102 Min., Argentinien 2014;

mit: Carla Peterson, Luisana Lopilato, Marina Bellati

 

Weitere Informationen

 

Regisseur Gustavo Taretto beginnt bezaubernd einfach: mit dem Beatles-Klassiker „Here comes the sun“ auf der Tonspur und einem goldglänzenden Sonnenaufgang. Lichtkanten huschen über Gebäude, Glasfassaden blinken strahlend und reflektieren Licht in die sonst so tristen Betonschluchten. Buenos Aires erwacht zu einem neuen Tag im Dezember 1995 – also Hochsommer im krisengebeutelten Argentinien.

 

In Temperatur-Kapitel unterteilt

 

Glück pur für sechs Freundinnen, die sich zum ausgiebigen Sonnenbad auf einem Hochhaus-Dach treffen: um ihrem Alltag für ein paar Stunden zu entfliehen und sich richtig schön braun braten zu lassen. Leicht überdreht und dabei recht unaufgeregt plätschert der Film wie ein träger Sommertag dahin; Uhrzeit- und Temperaturangaben unterteilen ihn in Kapitel.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Ohrenzeuge auf dem Handtuch

 

Als läge man auf dem Handtuch neben den Sonnenanbeterinnen, belauscht man die mal intimen, mal belanglosen Geschichten, mit denen sich diese Porteñas – die Einwohnerinnen der Hauptstadt – den Tag vertreiben. Zwischen Sehnsüchten, Ängsten, Alltagssorgen und guten Vorsätzen fürs neue Jahr kreisen ihre Gespräche vor allem um die Hoffnung auf ein besseres Leben. Vergeblich: Drei Jahre später traf Argentinien eine schwere Wirtschaftskrise.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Medianeras” – subtile Tragikomödie von Gustavo Taretto über Singles in Buenos Aires auf Partnersuche

 

und hier einen Bericht über den Film “Wild Tales – Jeder dreht mal durch!” – schwarzhumoriger Episodenfilm aus Argentinien von Damián Szifrón

 

und hier einen Beitrag über den Episoden-Film Paulista von Roberto Moreira über Liebesglück und -leid von Großstädtern in São Paulo.

 

Die sechs Grazien bleiben den ganzen Tag lang auf dem Hochhaus-Dach. Ihre geschlossene Gesellschaft, der Alkohol und die bis zur Gluthitze steigenden Temperaturen verdichten das Beisammensein zu einem heiß laufenden Drama. So gipfelt der kollektive Sonnenstich in einer fixen Idee.

 

Bei Hitze funktioniert Kommunismus

 

Obwohl für sie unerschwinglich, planen sie gemeinsam eine Pauschalreise nach Kuba – der Inbegriff von Luxus und Freiheit! Denn auf der Karibikinsel sind alle Menschen glücklich und haben keine Probleme. Bekanntlich tanzen sie ständig Salsa und sehen allzeit das Meer, so dass die Damen messerscharf folgern: „Deswegen funktioniert der Kommunismus da auch – in allen kalten Ländern ist er gescheitert!“

 

Der Widerspruch, ihr Glück ausgerechnet auf einer sozialistischen Insel voller Restriktionen und Mangelwirtschaft zu suchen, dämmert im Lauf ihres Palavers irgendwann auch den Mädels. Doch da sind sie längst drin in ihren sonnigen Wahnvorstellungen und heben völlig ab: Sie wollen gleich für immer nach Kuba auswandern, um dort endlich das gute Leben zu finden.

 

Hochhaus statt Palmenstrand

 

Ein Traum, den man dem schwadronierenden Sextett gerne gönnt, denn eines ist sonnenklar: Der Alltag der Frauen wird ab morgen wieder ein Schreibtisch in den Bürokästen an der Avenida 9 de Julio sein, der zentralen Achse von Buenos Aires – und Hochhaus-Fassaden statt Sandstrand und Palmen.


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