Ben Kingsley

Learning to Drive – Fahrstunden fürs Leben

Der indische Taxifahrer Darwan (Ben Kingsley) gibt Wendy (Patricia Clarkson) Fahrstunden. Foto: Alamode Filmverleih

(Kinostart: 6.8.) Im Schlingerkurs durch Manhattan: Regisseurin Isabel Coixet benutzt Ben Kingsleys Fahrunterricht als Metapher für neuen Lebensmut. Doch ein fades Drehbuch voller Klischees und Fehler fährt das Feelgood Movie frontal vor die Wand.

Der sanftmütige Inder Darwan (Ben Kingsley) hat als gläubiger Sikh in den USA politisches Asyl gefunden. Er arbeitet als Fahrlehrer und Taxifahrer in New York – einer der tempo- und verkehrsreichsten Städte der Welt. An diesem Abend springt ein Mann in sein Taxi, um vor seiner Ehefrau zu fliehen; die hat er soeben abserviert.

 

Info

 

Learning to Drive – Fahrstunden fürs Leben

 

Regie: Isabel Coixet,

90 Min., USA 2014;

mit: Ben Kingsley, Patricia Clarkson, Grace Gummer

 

Website zum Film

 

Doch Wendy (Patricia Clarkson) denkt gar nicht daran, ihrem untreuen Gatten eine Szene zu ersparen; sie hechtet ebenfalls in den Wagen. So wird Darwan unfreiwillig Zeuge, wie Wendy nach 21 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen wird; ihr bisheriges Leben bricht krachend zusammen.

 

Endlich selbst zur Tochter fahren

 

Bislang hatte die bekannte Literaturkritikerin ihren Mann versorgt und sich zugleich seinen Wünschen untergeordnet. Nun will die leicht neurotische Dame von der upper east side ihre Unabhängigkeit zurückgewinnen. Dazu möchte sie endlich den Führerschein machen, um ihre auf dem Land lebende Tochter besuchen zu können.


Offizieller Filmtrailer


 

Allgemeinplätze + Kalendersprüche

 

Also stellt sich Wendy ihrer größten Angst: dem turbulenten Verkehr in Manhattan. Sie nimmt Fahrstunden bei Darwan, der sie mit sanftem Druck vor sich selbst und anderen Verkehrsteilnehmern schützt; vom Beifahrersitz aus verhilft er ihr zu Mut und Selbstvertrauen. Das klingt dann so: “Sie übernehmen jetzt das Steuer und die Verantwortung für ihr Leben. Sie bestimmen, wohin die Reise geht.“

 

Das Thema ist eigentlich ein Klassiker: Ein ungleiches Paar lernt sich kennen, baut Vorurteile ab und profitiert vom culture clash, der ihm neue Einsichten und weiteren Horizont beschert. Allerdings gehen die Lebensweisheiten, die Ben Kingsley und Patricia Clarkson in den Mund gelegt werden, über das Niveau von Allgemeinplätzen und Kalendersprüchen nicht hinaus.

 

Import-Braut aus Punjab eingeflogen

 

Auch die Inszenierung von Regisseurin Isabel Coixet wirkt wahnsinnig gut gemeint, bleibt aber seltsam lahm und brav; die Figuren erscheinen leblos und hölzern. Clarkson spielt einmal mehr eine leicht verschrobene Intellektuelle in der midlife crisis; Kingsley einen alles verstehenden und verzeihenden Gutmenschen, der aus Dackelaugen weise und altersmilde in die Welt blickt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Englisch für Anfänger“ – pointierte Multikulti-Emanzipations-Komödie über eine Inderin in New York von Gauri Shinde

 

und hier einen Beitrag über den Film „Cairo Time“ – bittersüße Romanze einer Britin in Ägypten von Ruba Nadda mit Patricia Clarkson

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Films Eine Karte der Klänge von Tokio – raffinierter Multikulti-Erotik-Thriller von Isabel Coixet.

 

Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als ein zweiter Handlungsstrang eingeführt wird: Darwan soll endlich heiraten. Seine Verwandtschaft hat die Ehe arrangiert; dafür wird seine künftige Braut Jasleen (Sarita Choudhury) aus dem indischen Punjab in die Staaten eingeflogen. Jetzt tauschen Fahrlehrer und -schülerin die Rollen: Der sonst so abgeklärte Inder sucht Wendys Rat, um mit der fremden Frau in seinem Leben zurecht zu kommen. Sie rät ihm, Gedichte zu rezitieren.

 

Muttersprache völlig vergessen

 

Dummerweise spricht Jasleen (Sarita Choudhury) kein Englisch und kann kaum lesen. Kein Problem, sollte man meinen: Sie und Darwan kommen aus der gleichen Region und können sich mühelos in ihrer Muttersprache Punjabi unterhalten. Zumindest müsste das der Film suggerieren: Weder Kingsley, der für seine Rolle als indischer Nationalheld Gandhi 1982 einen Oscar erhielt, noch Choudhury, eine in Jamaika aufgewachsene Britin indischer Herkunft, beherrschen irgendeine der 21 Amtssprachen Indiens.

 

Doch das Drehbuch verordnet den Eheleuten eine völlig unplausible Sprachlosigkeit; mal schweigen sie einander an, mal radebrechen sie. Damit kann der Konflikt im Wortsinne nicht zur Sprache kommen, von dem Regisseurin Coixet eigentlich erzählen will: der kulturelle Abstand zwischen dem verwestlichten, weltläufigen Mann und seiner traditionell geprägten Frau aus der Provinz.

 

Ein böser Schnitzer, der den Film trotz präzise beobachteter Szenen über Alltagsrassismus unauthentisch wirken lässt. Das reduziert ihn zum stereotypen feelgood movie voller Klischees, die einen schalen Nachgeschmack hinterlassen.


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