Philipp Eichholtz

Liebe Mich!

Sarah (Lilli Meinhardt) fühlt sich einsam. Foto: Daredo Media
(Kinostart: 20.8.) Ohne Kohle, Bude und Apple-Laptop durch die Hauptstadt: Sarah hat es sichtlich schwer. Sein Porträt einer verhuschten Studentin hat Regisseur Philipp Eichholtz mit Mini-Budget und maximaler Improvisation gedreht: ein charmantes Debüt.

Wenn ein Film gleich zu Anfang klarstellt, er sei „von Oma gefördert“ – so lautet der Name seiner Produktionsfirma –, darf man Handgemachtes erwarten. Cineasten erinnert das an Berliner mumblecore, etwa Filme von Axel Ranisch oder Jakob Lass. In der Tat stellt sich Regisseur Philipp Eichholtz in die Tradition des „Sehr gute Filme“-Manifestes von Ranisch.

 

Info

 

Liebe Mich!

 

Regie: Philipp Eichholtz,

82 Min., Deutschland 2014

mit: Axel Ranisch, Lilli Meinhardt, Christian Ehrich

 

Website zum Film

 

Er veröffentlichte es 2011 zeitgleich mit seinem gefeierten Debütfilm „Dicke Mädchen“: Interessante Geschichten sollen mit wenig Aufwand, kleinem Team und geringem Budget erzählt werden. Eichholtz setzt diese Vorgaben in seinem Debütfilm „Liebe Mich!“ konsequent und recht charmant um.

 

Laptop fliegt aus dem Fenster

 

Schauplatz ist natürlich die Hauptstadt, durch die Hauptfigur Sarah (Lilli Meinhardt), Anfang 20, ständig hetzen muss. Es geht los mit einem Streit nach einer besoffenen Liebesnacht mit ihrem besten Freund. Der fühlt sich bedrängt und wirft sie aus der Wohnung; dabei geht nicht nur sein Fenster, sondern auch ihr Apple-Computer zu Bruch.


Offizieller Filmtrailer


 

Zurück ins Hotel Papa

 

Den braucht die Studentin aber dringend, um sich für einen Job als Designerin zu bewerben. Im PC-Laden kann man ihr nicht helfen; ihr Vater Dieter (Peter Trabner) will keinesfalls die nötigen 2000 Euro für ein neues, schickes Profi-Modell rausrücken. Er rät ihr, eigene Ideen zu entwickeln. Etwa die, ihre Wohnung an ein ausländisches Künstlerpaar unterzuvermieten – wofür sie allerdings die nächsten vier Monate ausziehen muss.

 

Papas Quartier soll derweil als Unterschlupf herhalten; davon ist dessen neue, schwangere Freundin wenig begeistert. Nur eines scheint gut zu klappen: Sarah trifft sich öfter mit dem netten Computerverkäufer Oliver (Christian Ehrig). Er kann zwar ihren kaputten Rechner nicht retten, stellt aber durch sein freundliches Wesen wenigstens ihren Glauben an die Männer wieder her.

 

Geldverdienen im Hühnerkostüm

 

Bisher ist Sarah mit Schmollmund und leicht verhuschtem Charme ganz gut durchs Leben gekommen; mit Anfang 20 wirkt das nicht mehr so recht; vor allem nicht bei ihrem geduldigen Vater, der sich um seine neue Kleinfamilie kümmern will. Zum Geldverdienen verteilt seine Tochter Prospekte im albernen Hühnerkostüm, doch sie träumt von einer Karriere als Grafikdesignerin, was Papa nicht für zukunftsträchtig hält – ganz abgesehen vom Wohnungsproblem.

 

Nacherzählt klingt die Handlung nach konventioneller Komödie. Aber Regisseur Eichholtz arbeitet gemäß der Vorgaben für „sehr gute Filme“: Sechs Seiten Drehbuch, zehn Drehtage und 4000 Euro Budget reichen ihm aus, um eine direkte und dabei reizende Geschichte zu erzählen. Die Dialoge sind improvisiert, die Kulissen sind real.

 

Passt in jede Franko-romcom

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Victoria” – Berliner Nachtleben-Krimi von Sebastian Schipper, mit sechs Deutschen Filmpreisen prämiert

 

und hier einen Bericht über den Film "Love Steaks" – rasant realistisches Liebesdrama von FOGMA-Regisseur Jakob Lass

 

und hier einen Beitrag über den Film "Ich fühl mich Disco" – Coming-Out-Komödie in Ostberlin von Axel Ranisch.

 

Der Film spielt ausschließlich in normalen Wohnungen und Straßen von Berlin, die allerdings im Sommer mitunter ein wenig wie in Paris wirken. Hauptdarstellerin Lili Meinhardt würde mit ihrer blonden Mähne und knallrotem Lippenstift gut in jede französische romantische Komödie passen. Ihrer Figur ist wohl jeder schon begegnet: Laut, unberechenbar, einnehmend, aber auch vereinnahmend und innerlich einsam.

 

Dabei bleibt die Geschichte ganz im Hier und Jetzt. Dafür sorgen nicht nur das authentische setting, sondern die übrigen, liebenswerten Charaktere, die Sarah an ihre Grenzen stoßen lassen. Selbst ihr neuer lover Oliver, trotz seines Auftretens als teigiger nerd ein netter und verlässlicher Typ, kann ihre Eskapaden nur bis zu einem gewissen Grad ertragen.

 

Titel-Aufforderung folgen

 

Stilistisch wechselt der Film stimmig zwischen Ernsthaftigkeit und alberner Situationskomik; getragen von überzeugenden Darstellern wie Peter Trabert als Vater oder Manifest-Autor Axel Ranisch in einer Nebenrolle als verständnisvollem Freund. „Liebe Mich!“ ist eine leichte Sommerkomödie mit Ecken und Kanten; es fällt nicht schwer, der Aufforderung des Titels nachzukommen.


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